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Abba

Arrival (1976)
Meine erste Musik-Langspielplatte - nach der Ära von Hui Buh, Mopsy Mops und dem Dschungelbuch - lag Weihnachten 1976 unterm dem Christbaum: Arrival von den schwedischen Überfliegern ABBA. Nur fliegt der Helikopter auf dem Cover nicht, er steht fest auf dem Boden der Tatsachen. Und die besagen, daß Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid - wie die Gruppe zu Beginn ihrer Karriere hieß - die einzig legitimen Nachfolger der Fab Four in den 70er Jahren waren. Bereits der Grand Prix-Sieg mit dem stürmischen Waterloo war 1974 (m)eine Initialzündung; auf dem Tonband meines Vaters lief Sgt. Pepper, die Beatles-Filme liefen zum ersten Mal im deutschen Fernsehen (das damals noch sage und schreibe drei Programme hatte) und begannen mein Gehirn zu infiltrieren. Und spätestens das erste eigene Album mit Popmusik markiert für jeden den Übergang von der Kindheit zur Jugend. Und daran sind bei mir ABBA schuld. Genau dieses Album macht den Anfang in meiner Plattenkiste - alle anderen müssen hintan stehen. Und das ist höchst metaphorisch gemeint.

Im Rückblick fällte es mir entsprechend schwer, Arrival zu bewerten. Es sollten noch stärkere Alben von ABBA folgen, dennoch hat dieses Werk - neben einiger musikalischer Marginalien wie das von Björn gesungene "Why did it have to be me" - auch einige Beachtlichkeiten zu bieten: das pastorale "My love my life" (für das Hochzeiten erfunden wurden), die unsterblichen Hits "Money Money Money" und "Dancing Queen" (für das Filme erfunden wurden wie der unwiderstehliche "Muriels Hochzeit") sowie das Kuriosum eines reinen Instrumental-Titels ("Arrival", der Titelsong, sollte später in der 1-zu-1-Kopie von Mike Oldfield zum Chartbreaker werden). Agnethas Mezzosopran am Ende des aggressiven "Tiger" läßt Gläser zerspringen und Kontaktlinsen reissen. Und doch wird alles überstrahlt von Fridas Trennungsballade "Knowing me, knowing you", die an Erhabenheit, Trauer und Endgültigkeit ihresgleichen sucht, und zwar vergeblich: "In these old familiar rooms children would play. Now there's only emptiness, nothing to say" sind herzzerreissende Zeilen, die seit Jahrzehnten in unsere Seelen einbrennlackiert sind und eindrucksvoll beweisen, daß Benny Andersson und Björn Ulvaeus als Komponisten mehr konnten als erstklassige Gute-Laune-Songs schreiben. Viel mehr.

AC/DC

Black Ice (Limited Deluxe Edition, 2008)
AC/DC – eine unserer ersten Lieblingsbands, an deren Namen sich sogar meine Mutter noch erinnert, AC/DC also sind eine echte Bääänd ohne Sänger. Brian Johnsons Organ (die Rede ist von seinen Stimmbändern) wurde vor über 3 Jahrzehnten bei örtlicher Betäubung vom Geist Bon Scotts in einen Schraubstock gespannt, mit einer Stahlfeile aufgeraut, mit einem Presslufthammer in Schollen gebrochen, mittels einer Emulsion aus Tennessee-Whiskey und dem Staub einer australischen Outback-Road zementiert und mit Nikotinpflaster gedeckt. Mit so etwas kann man nicht singen. Sein Gesang ist keiner. War es nie. Es ist ein gepresstes Hervorquetschen von Elementarteilchen, die früher einmal Silben waren. Es ist so quälend, ihm zuzuhören, dass man phasenweise vergisst, was für eine fabelhafte Bääänd AC/DC sind, eine Urgewalt, unermüdlich gepusht von jenem Gitarristen, der das Herz und die Seele dieser Band ist und dessen Denkmal einmal direkt neben dem von Keith Richards stehen wird: ich rede natürlich von Malcolm Young, diesem stoischen Rhythmiker, der es genießt, immer im Schatten seines tollwütigen Bruders Angus zu klampfen, umhängt von einer Gretsch, die größer ist als er selbst. Dabei ist niemand so groß wie er.
Ganz nebenbei: BLACK ICE macht Laune und ist die beste AC/DC-Platte seit gut 20 Jahren.

Almost Famous

Almost Famous [Soundtrack] (2001)
Almost Famous
ist der wahrhaftigste und schönste Musikfilm ALLER Zeiten - die autobiografische Geschichte des blutjungen Rolling Stone-Redakteurs Cameron Crowe, der die (fiktive) Band Stillwater auf einer Tournee begleitet - und ein klassischer Fall von "früher war alles besser": der Soundtrack beginnt mit America (Simon & Garfunkel, 1968) und endet mit Something in the Air (Thunderclap Newman, 1969) - zwei der schönsten und hymnischsten Popsongs ALLER Zeiten, die den bedeutsamsten Dekadenwechsel der Rockmusik einläuteten. Darin eingebettet sind unzählige zeitgenössische Perlen wie das Beach Boys-Wunderwerk Feel Flows oder Led Zeppelins That’s the Way, ein Wunder schon allein deswegen, weil die Zepps quasi nie zuvor Songs für einen Film freigegeben haben. Wer je die zentrale Szene des Director's Cut erlebt und mitgefühlt hat - der Junge versucht seine besorgte Mutter mit Stairway to Heaven von der emotionalen Größe der Rockmusik zu überzeugen - wird diesen Film NIE vergessen. Und wenn der Knabe zum ersten Mal den Koffer mit den Vinylschätzen der Schwester unter dem Bett hervorzieht und The Who's Tommy auflegt, platzen mir jedesmal vor Ergriffenheit die Tränensäcke...

The Alan Parsons Project

Tales of Mystery & Imagination Edgar Allan Poe (1976, remastered + expanded 2007)
Das Original-Album des Teams Woolfson-Parsons (ein Band-/Projektname war ursprünglich nicht geplant) war 1976 ein Meilenstein symphonischer Rockmusik; der Remix auf CD 1987 spaltete die Lager (modernisierter Sound, zusätzliche Instrumente und die Stimme Orson Welles'), Puristen sagen "sowas kann man nicht machen". Toff meint "sowas kann man nicht sagen" und "stellt die Puristen an die Wand", befindet er doch seit jeher die '87er Fassung als schlichtweg genialsten Remix aller Zeiten.
Die Deluxe-Edition vereint nun zum ersten Mal beide offizielle Versionen (neuerlich re-remastered!) auf einer reich bebilderten Fold-Out CD-Box, angereichert mit Demos, unveröffentlichten Outtakes, Soundexperimenten, Interviews und nicht zuletzt sämtlichen Original-Aufnahmen mit Orson Welles pur. Das liest sich interessanter als es tatsächlich ist; die gesamten Bonüsse entzaubern das Meisterwerk eher als daß sie es verklären. Mein einziges Problem mit dieser Deluxe-Version ist also: warum wurde alles Zusatzmaterial nicht auf eine dritte CD gepackt (wie im Pink-Floyd-Fall geschehen, s.u.)? Ur- und '87er-Version von Tales of Mistery sind m. E. sakrosankt ... nach "To One in Paradise" darf eigentlich nichts mehr kommen. Da stell ich mich auch gerne mal selber an die Wand...

The Alan Parsons Project

Pyramid / Eve / The Turn of a Friendly Card (remastered 2008)
Mit gewohnt wenig erhellenden Demos und Bonus-Tracks angereichert, bilden die Remasters dieser 3 Alben den Abschluß der gloriosen ersten Halbdekade des APP und markieren den Übergang vom progressiven zum klassischen Stil, vom Rock zum Pop, man könnte auch sagen: vom Projekt zum Produkt.
Am ehesten spiegelt sich dieser Wandel an „Pyramid“ (1978), ein immer noch fast makelloses Album, das die Tradition der Meilensteine “Tales of Mistery“ und “I Robot“ auch konzeptuell weiter transportiert. Eric Woolfson und Alan Parsons waren auf dem Olymp angekommen.
“Eve“ (1979) machte die Götter zum ersten Mal antastbar - zu leicht, zu seicht, weder Fleisch noch Fisch waren noch die wohlwollendsten Kritiken, hinzu kam das bei näherem Hinsehen grauenerregende Cover sowie das zu-Tode-Nudeln des ahnungslosen “Lucifer“. Dabei ist “Eve“ mit der Zeit gewachsen, besser geworden, Adult Oriented Rock, das Progressive taucht nur noch in Spurenelementen auf (im superben, von Bassist Dave Paton gesungenen und Sequencer-getriebenen “I’d rather be a man“). Einzigartig für ein APP-Album ist der - dem Konzept-Thema FRAU geschuldete – Einsatz weiblicher Leadvocals (Clare Torry & Lesley Duncan), und zumindest “If I could change your mind“ ist form-vollendeter Klassik-Rock und wäre ein echtes Highlight auf einem späten ABBA-Album.
Diese Richtung führt “The Turn of a Friendly Card“ (1980) konsequent fort, ein kohärentes Konzept-Album wie aus einem Guß mit edlen Perlen wie der fünfteiligen Titel-Suite. Wie ein Diamant abgeschliffen, alle Ecken und Kanten inbegriffen.
Was folgte, waren die 80er und - dem Namen zum Trotz - immer weniger Gaudi.

Alt-J

An Awesome Wave (2012)
Es brauchte ein geschlagenes Jahr, bis mir die Brillanz dieser unvergleichlichen Nerd-Musik ins Gesicht sprang. Mag einen der Gesang Joe Newmans, der einen lustigen Frosch verschluckt hat, anfangs auch belustigen - was das junge Quartett aus Leeds auf seinem umjubelten Debüt vollbringt, ist nicht weniger als der scheinbar unmögliche Spagat zwischen akustischem Folk und elektronischem Dubstep. Taro ist von seiner Viel-Harmonie her ein schlichtweg unfassbarer Popsong, der auch auf Radio Paradise im fernen Kalifornien gern gespielt wird.

And You Will Know Us By the Trail of Dead

Tao of the Dead (2011)
Meine Fresse, was für eine irrsinnige Space-Operette ist DAS denn!? Ganze zwei Songs walzen wie eine Dampframme über mich hinweg: der Titelsong über schlappe 35 Minuten, während "Strange News From Another Planet" bereits nach 16 Minuten verklingt. Jason Reece und Conrad Keely, der auch das sagenhafte Klappcover mit sämtlichen Illustrationen verbrochen hat, drehen "Close to the edge" durch den Häcksler, RUSH spielen plötzlich Punk, "Jumpin' Jack Flash" teleportiert sich ins 21. Jahrhundert. Zu berstendem Garagenrock gesellen sich Glockenspiel, Engelschöre, Schalmaien, Pauken und Trompeten. Viele der brachialen Riffs (und die wenigen lyrischen Momente) kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Was für ein großartiger Blödsinn, was für eine blödsinnige Großtat!


Anathema

Weather Systems (2012)
Eine CD, die man sich wegen des Covers kauft. ProgRock-Apostel tun sowas. Rein optisch RIECHT es regelrecht nach artifiziellem Symphonic-Rock, and what you see is what you get. Partiell geheilt vom Progressiv-Virus der Adoleszenz, lasse ich mich zuweilen noch von dieser doktrinären Leistungsschau begeistern. So gelingt den Cavanagh-Brüdern von ANATHEMA mit Untouchable Part 1 ein fesselnder Opener, der sich vom ruhigen Intro bis zum Crescendo in ein Höllengalopp steigert. Dummerweise wiederholt sich dieses Schema auf Weather Systems bis zum Erbrechen, nach der Hälfte der Spielzeit wünscht man sich, daß mal wieder was Spannendes passiert. Und sehet: wer Wind säät... The Storm Before The Calm durchfährt wie eine Spaltaxt mein Gehirn! Die ersten fünf Minuten dieses Monstrums zerzausen wie ein Mahlstrom meinen musikalischen Horizont... bevor das Qartett seine lyrischen Nahtodfantasien wieder in melodramatischem Schönklang ersäuft.

Animal Collective

Merriweather Post Pavilion (2009)
Das zum Trio geschrumpfte Quartett aus Baltimore legte am 9. Januar '09 das erste Album des Jahres und das 9. der Bandgeschichte vor: ein kunterbuntes Kaleidoskop kirmesartiger quietschfidel-chaotischer Karaokekaskaden über Loops und Samples, die instrumental und rhythmisch undefinierbar um sich selbst repetieren, eine Art Non-Stop-Good Vibrations, nur unter Wasser. Faszinierend, befremdend. Um einen strapazierten Toffspruch wiederzubeleben: es ist nicht schwer, diese Musik live zu spielen - es ist völlig unmöglich! Ein stimmiger, vielstimmiger melodischer Overkill, der mich erschöpft und ein wenig ratlos zurückläßt.

Arcade Fire

Neon Bible (2007)
Die Retter der Popmusik mit ihrem in einer Kirche aufgenommenen fulminanten Zweitwerk klingen stellenweise tatsächlich wie das Größte, was man je gehört hat; der brachiale Wall of Sound überdeckt aber auch manch Banalitäten. HURRAH und HALLELUJAH sind die Worte, die uns das Predigerpaar Regine Chassagne and Win Butler kraft ihres Miniorchesters in praktisch jeder Hymne entgegenschleudern, und bei "Intervention" und "No cars go" möchte man am liebsten laut mitjubilieren. Ganz große Kirche!

Archive

Live at the Zenith (2007)
Rec. live at Zenith Arena in Paris on January 20th 2007
Diese Musik ist gefährlich - mir fliegen andauernd die Mücken in den Mund, weil mir ständig die Kinnlade runterklappt! Die aktuellen Songs werden live noch druckvoller präsentiert, und die Epen aus den früheren Studioalben des Kollektivs um Darius Keeler und Danny Griffiths machen neugierig auf ...äh... die früheren Studioalben! Archive schaffen den unglaublichen Spagat zwischen Massive Attack und Pink Floyd und mischen ArtRock mit TripHop - am eindrucksvollsten in "Lights", das sich eine Viertelstunde lang eine Schneise durch die Gefühlsgeographie fräst und dabei völlig ohne Tempowechsel und prätentiöse Fertigkeitswichsereien auskommt. Frage: was ist so faszinierend ANDERS an dieser Band, die in Frankreich anscheinend (und hörbar) kultisch verehrt wird? 3 Gründe: Spannungsbögen, wie sie die Welt noch nicht gehört hat; das perfekte Handling von Laut-Leise-Dramaturgie; eine Dynamik, die trotz 2 Keyboardern und phasenweise 3 Gitarristen komplett ohne solistische Eskapaden auskommt; die phantastischen Stimmen von Polland Berrier und Maria Q ..... wie, das waren schon 4 Gründe? Ja eben!

Archive

Controlling Crowds (Part I-III) (2 CD, 2009)
Die Attribute des neuen ARCHIVE-Albums, dem Kollektiv um Darius Keeler und Danny Griffiths, lesen sich wie Schimpfworte aus dem Schwarzbuch der Rockmusik:
* Konzeptalbum! (igitt) * 78 Minuten! (ohgott) * düsteres Cover-Art mit Mensch/ Insekt/ Maschinen-Konglomerat! (pfui Spinne) * 32-köpfiges Orchester! * Chöre! * Trip-Hop! * Progressive Rock! *** … spätestens jetzt geht dem puristischen Exorzisten das Weihwasser aus. Ich aber sage euch: alles richtig, trotzdem geil!
ARCHIVE wiederholen sich … auf traumwandlerisch hohem Niveau! Elektronische Soundteppiche heben ab, repetitive Strukturen mit Anleihen zeitgenössischer Minimal-Music gebären hypnotische Mantren, die in aurikulare Cinemascope-Monstren explodieren. Keine Angst, mir geht’s gut. Dieser musikalische Größenwahn ist nicht ansteckend. Die Musik von ARCHIVE oszilliert immer noch zwischen den Polen Massive Attack und Pink Floyd. Nennt es „langatmig“, „ausufernd“ – ich nenne es erhaben, ätherisch, einzigartig... und mit 78 Min. Spieldauer geradezu idiotisch lang.
Controlling Crowds (Part IV)
(2009)
Das Sequel erscheint nur wenige Monate später. Böse Zungen (aber auch gute wie ich) werden sich fragen: war denn das nötig? Die Bonus-CD des Prequels miteingerechnet, wälzt sich das Gesamtkunstwerk "Controlling Crowds" über nunmehr phette 143 Minuten - ein akustischer Marterpfahl. Und so wäre "Part IV" denn auch nur eine weitere Variation des bekannten Archive-Materials. Ist es auch. Und ist es nicht. Sogar einigermaßen überhaupt nicht, denn der vierte Teil ist überraschend ruhig angelegt, hypnotisch, ja fast versöhnlich und optimistisch (eine fast unmögliche Archive-Vokabel), ätherisch (eine typische Archive-Vokabel), kompakt (ein Fremdwort). Vielleicht unterm Strich sogar der Part des Gesamtwerks, der am leichtesten zugänglich ist.

Aufgang

Istiklaliya (2013)
Richard Clayderman auf Acid, Kraftwerk unplugged (sagt Toff).
Techno für die Philharmonien, Klassik zum Tanzen (schreibt das Groove-Magazin).
Das Trio Aufgang - das sind die klassisch ausgebildeten Pianisten Rami Khalifé und Francesco Tristano, die mit dem Percussionisten Aymeric Westrich eben keine trockenen Tonleiterübungen, sondern ein funkelndes Amalgam aus Klassik, Elektronik, Pop und Postrock kredenzen, und das mit einer Vehemenz und Spielfreude, daß es nur so kracht. Okay, manchmal dürfte es auch mal etwas weniger Pathos sein, wenn der Gaul mit den drei Virtuosen durchgeht. "Istiklaliya" - was zum Teufel soll das bedeuten?
İstiklâl ist das türkische Wort für Freiheit und Unabhängigkeit. Für das, was die drei Freigeister aus ihren Tasten und Trommeln herauspressen, passt das allemal.
Killertrack: Diego Maradona

Melissa Auf der Maur

Auf der Maur (2004)
Die Kanadierin schweizerischer Abstammung (so ein Name kommt ja nicht von irgendwoher) verdiente bei Courtney Love's Hole und den Smashing Pumpkins ihre Meriten, verlor irgendwann die Lust auf diktatorisch geführte Bandprojekte und reüssiert nun solo mit harter Stimmung und zarter Stimme, engelhafter Fassade und teuflisch vielen PS. Ein durchaus eigenwilliges Debüt, dessen ich nicht müde werde, weil es ungewöhnlich, überraschend und eben nicht exakt geradeaus rockt. Unbeschreiblich, weiblich eben.

Badly Drawn Boy

Born in the U.K. (2006)
Jede(r) kennt den "schlecht gezogenen Jungen", der einmal "About a Boy" gesehen/ gehört hat. Damon Gough aus Manchester trägt schon im CD-Titel seine Vorbilder einem Bauchladen gleich vor sich her, nach dem "Boss" klingt sein aktuelles Album jedoch an keiner Stelle, seine Telecaster heißt Klavier, sein Testosteron heißt Sentiment: das ruhig, hypnothisch-spannende Intro, dann das fulminate Titelstück, das wie "Back in the U.S.S.R. '06" ohne Düsenjäger klingt. Und mit "Welcome to the Overground" gibt es den alles überstrahlenden Meta-(Ch)Ohrwurm, der schmeckt, als hätte man Sufjan Stevens die Verschrobenheit abgepellt und mit den Les Humphries Singers püriert. Aber: man muß sich mit dieser scheinbar oberflächlichen Musik beschäftigen! Es ist doch ein Phänomen unserer Zeit, daß man sich nicht genug Zeit nimmt für Dinge, die es verdient hätten - um dann so reichlich belohnt zu werden! Denn diese Platte hat keinen einzigen Durchhänger, das Niveau und die Art des Songwriting und Arrangierens erinnern mich phasenweise durchaus an Ben Folds, auch wenn Damon Gough durch und durch britisch klingt. Zauberhaft, was er aus der Big Ben-Melodie in "Promises" macht. Verblüffend die behutsame rhythmische Verschiebung in "Without a Kiss", das sich von einem 3/4- allmählich in einen 4/4-Takt wandelt - und wieder zurück. Und in "The Way Things Used To Be" reicht er den Fünf-Uhr-Tee, während am Horizont die kalifornische Sonne untergeht. Die kalifornische, richtig. Very british indeed!

Band of Skulls

Sweet Sour (Album des Jahres 2012)
Klingt so die Platte des Jahres? Warum zum Geier schlägt mich dieses Trio aus Southhampton dermaßen in Bann? Ist es die funkensprühende Reibung zwischen dem explosiven Alternative-Rock und dem saumelodischen Harmoniegesang von Bassistin Emma Richardson und Gitarrist Russel Marsden? Ist es der furchteinflössende, irreführende Bandname? Ist es die Biffy Clyro-Lücke? Sind es die unfassbaren Killerballaden, die Emma, Russel und Matt im weiteren Verlauf der 38 Minuten plötzlich und unerwartet aus dem Ärmel schütteln? Ist es der tödliche Mix aus Transparenz, Minimalismus, Härte und Emotion? Oder einfach die Tatsache, daß genau DIES die Musik ist, die ich ums Verrecken gerne selber machen würde...?


Devendra Banhart

Smokey Rolls Down Thunder Canyon (2007)
Ein Anwärter für den Albumtitel des Jahres - nur: es rollt nicht, es donnert nicht, die Platte kommt nicht in die Pötte, und ich frug mich beim ersten Reinhören, wann nimmt diese texanisch-venezuelanische Waldschrat-Rasta-Hippie-Tucke beim Singen endlich den Waschlappen aus dem Mund? War kein Geld da für einen guten Produzenten, der Klarheit in dieses Klanggesupp bringt? Ist das alles ABSICHT? Eric nannte es "ein stilistisch zerfleddertes Album, das trotzdem irgendwie rund und geschlossen wirkt". Dadurch hatte sich das Wunderkind Devendra einen weiteren Gehörgang verdient. Und noch einen ... und noch ein Dutzend. Und irgendwann entfaltet dieser tranige Schlurie sein Lauschgift, dem ich mittlerweile freudig verfallen bin. Natürlich ist "Seahorse" der 8-min. Übersong, doch es dauert, bis auf "Smokey..." überhaupt etwas passiert. Das Intro klingt wie das Schlaflied eines Indios, gefolgt von einer vernebelten MusicHall-Skizze (aus der Sicht eines Indios). Songtitel wie "Tonada Yanomaminista" und "Samba Vexillographica" verraten einiges, doch spätestens bei "Shabop Shalom", einer Art Klezmer-Pop aus der Sicht eines jiddischen Indios, weiß man, daß der Künstler kräftig einen an der Klatsche hat. Und das ist gut so, denn ein solch unmögliches Stil-Panoptikum sucht z.Z. wirklich seinesgleichen. Und alles liegt unter einer einenden Nebelwand: es ist nicht schwierig, einen Song wie "Seaside" in unbekifftem Zustand aufzunehmen - es ist völlig unmöglich.

Bat For Lashes

The Haunted Man (2012)
To 'bat your lashes' is a piece of 1920s slang meaning 'to make eyes at someone', the idea being that the enormous false eyelashes in vogue at the time looked like bats when your eyelids fluttered. (Answers.com®)
Natasha Khan, Jahrgang '79, pakistanisch-britische Sängerin und Multiinstrumentalistin der Stunde, trägt unter dem Pseudonym Bat For Lashes verhexte Männer auf ihren Schultern. Nackt, versteht sich. Das Cover zu ihrem dritten Werk The Haunted Man ist ein Hingucker von solcher Suggestionskraft, daß es fast vom Inhalt ablenkt. Und der klingt nebenbei ganz hervorragend: stilsichere, elegant-polierte, leicht mystische Independent-Popmusik, angesiedelt in der Nähe von Florence and the Machine, nur daß Natasha die wohltemperiertere Stimme (und Stimmungen) hat. Mit ihrem Vater, "der seinerzeit die pakistanische Squash-Nationalmannschaft trainierte", hat sie als Kind die halbe Welt bereist, Horizonte erweitert, Eindrücke verarbeitet und nun mit kontrollierter Rückhand an uns zurückgeschleudert, mit Synthie-Tupfern, Orchesterflächen, perkussiven Einwürfen, gespenstischen Männerchören oder betörender Solo-Pianobegleitung beim ganz und gar überwältigenden Laura.

The Beatles

Sgt. Peppers lonely hearts club band (1967)
Nicht nur das berühmteste Album aller Zeiten, auch eines der BESTEN ist dieses erste Konzeptalbum der Musikgeschichte geworden. Es sind nicht die größten Lieder der FAB 4, die dieser Songreigen beinhaltet, es ist der Reigen an sich, der so sensationell und produktionstechnisch revolutionär absolut unbekanntes Terrain beschritt (und Brian Wilson in den Wahnsinn trieb).
Man darf auch nicht vergessen, daß die Beatles-Single, die im Februar 1967 erschien - die PHÄNOMENALSTE ihrer ganzen Karriere - mit Strawberry Fields Forever und Penny Lane zwei Songs enthielt, die eigentlich für SGT. PEPPER bestimmt waren. Die Devise ab '67: Everything is possible ... und Nothing is real ;-)

Meine persönliche Sgt.-Pepper-Story:
In den frühen 70er Jahren hatte mein Vater ein (Benny, paß auf) Tonbandgerät. Ich weiß nicht, was daraus geworden ist, doch erinnere ich mich noch haargenau an ein Band, das damals immer wieder lief: er hatte darauf u.a. verschiedene Tracks von Creedence Clearwater Revival (Up around the bend etc.) und der SGT. PEPPER kompiliert. Es war nicht das komplette Beatles-Album (was ich damals natürlich noch nicht wußte), eher ein solider Querschnitt - und damit auch irgendwo ein Vorgänger der beliebten Mix-Tapes, die meine Generation durch die 80er begleiten sollte.
Und es war meine persönliche Rock'n'roll-Wiege: nicht lange zuvor hatte ich noch Bruce Low (Das Kartenspiel), Hui Buh und Heintje konsumiert, bis dieses Tonband die Pforte zu einer neuen Welt aufstieß! Schon bald folgten meine ersten K-Tel-Kassetten (u.a. mit No Regrets von den Walker Brothers), die erste 7''-Single (Leo Sayer - You make me feel like dancing), die ersten Langspielplatten unterm Weihnachtsbaum (Abba - Arrival und Sailor - Trouble), die erste selbstgekaufte LP (Beatles - Yellow Submarine) ... der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Je mehr ich über die Jahre hinweg darüber nachgedacht habe, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß dieses Tonband damals mein inneres musikalisches Koordinatensystem geprägt hat. Es begann alles tatsächlich mit SGT. PEPPER...


The Beatles

The Beatles ("White Album") (DoLP, 1968)
Von allen Platten, die ich kenne und liebe, hat mich diese am nachhaltigsten geprägt - das selbstbetitelte Doppelalbum der Fab Four, erschienen am 22.11.1968 nach fünfmonatiger Studioarbeit, und als Antithese zum opulenten Cover des Vorgängers SGT. PEPPER mit einer simplen weißen Hülle ausgestattet, was dem Album schnell zu seinem "Spitznamen" verhalf. Das WHITE ALBUM markiert zugleich Höhepunkt und Niedergang der innovativsten Band aller Zeiten - 15 Monate später gab es die Beatles nicht mehr.
Die spannendsten 93 min 43sec der Musikgeschichte sind weniger das Produkt einer Band denn eine eklektische Sammlung von Solostücken, bei denen jeder quasi als Sessonmusiker des anderen fungierte. Losgelöst von jeglichem Konzept und Korsett vergangener Tage lassen alle 4 Beatles ihrer Kreativität dermaßen freien Raum, daß ein überbordendes Panoptikum an verschiedensten Stilen entsteht - vom klassischen Rock'n'Roll "Back in the U.S.S.R." (mit McCartney als Schlagzeuger für den kurzfristig ausgestiegenen Ringo) über traumhafte Balladen ("Blackbird", "Long Long Long", "Julia", "Mother Nature's Son"), Proto-Prog-Rock ("Happiness is a warm gun"), Heavy Metal ("Helter Skelter"), Country ("Rocky Racoon"), Ragtime ("Honey Pie") bis hin zu Lennons Kamikaze-Soundcollage "Revolution #9", die ihm den zweifelhaften Ruf des Avantgarde-Künstlers bescherte, wobei es sein Kollege Paul McCartney war, der als erster ein offenes Ohr für experimentelle Musik offenbarte. Am nachhaltigsten beeindruckt gewiß Harrisons unverwüstlicher Geniestreich "While my guitar gently weeps" (mit einem historischen Solo von Eric Clapton), doch meine persönlichen Favoriten waren stets Lennons gespenstisch-schlafwandlerische Rock-Miniaturen "Dear Prudence", "I'm so tired" und "Cry Baby Cry" sowie McCartneys pianistische Meisterleistung "Martha my dear". Die während den Aufnahmesessions entstandene Single "Hey Jude" ist nicht auf dem WHITE ALBUM enthalten ... welch ein Luxus!


The Beatles

Let It Be (1970)
Am 8. Mai 1970 - zu einem Zeitpunkt, als die Band schon längst inoffiziell getrennt war - erschien das letzte offizielle Album der Beatles. Wenig bekannt ist, daß das Film-zum-Album-Projekt, das ursprüglich GET BACK heißen sollte, den Oscar erhielt (Best Original Song Score). Wohlbekannt sind indes die Querelen während der quälenden Aufnahmesessions im Januar 1969, die mit dem denkwürdigen (und gleichfalls würdelosen) Konzert auf dem Dach des Apple-Hauptquartiers endeten. Der Film wurde zum Dokument eines Zerfalls; mit einem DVD-Reissue ist zu Lebzeiten der Überlebenden McCartney und Starkey daher nicht mehr zu rechnen.
Damit die Reibereien nicht eskalierten, brachte Harrison den Keyboarder Billy Preston mit ans Set; dessen Katalysatorwirkung wird bis heute zu recht gerühmt. Doch das Konzept - zurück zum ursprünglichen Rock'n'Roll, LIVE, roh und ungeschönt, ohne Haus- und Hofproduzent George Martin - konnte nicht funktionieren, denn der Band war während der Studiojahre nach dem letzten Konzert im August 1966 jegliches LIVE-Feeling abhanden gekommen. Tausende Bandmeter Tonmaterial verschwanden in den Archiven, während die Beatles jegliches Interesse an einer Nachbearbeitung verloren, bis im März 1970 Starproduzent Phil Spector die Bänder in die schmutzigen Hände bekam und mit seinen klebrigen Streicher- und Chorarrangements Paul McCartney auf Jahre hinaus den Magen verdarb. Lennon hingegen war hochzufrieden mit Spectors Wall of Sound -Behandlung, aber Lennon war zu dieser Zeit auch ein unzurechnungsfähiger heroinabhängiger Vollidiot. Paul hatte noch mehr Grund, sauer zu sein: das GET BACK-Projekt, das mittlerweile LET IT BE hieß, wurde fast gleichzeitig mit seinem Solodebüt McCARTNEY veröffentlicht. Kurz darauf gab er seinen Ausstieg bei den Beatles bekannt. Das wiederum brachte Lennon auf die Palme, schließlich hatte er bereits ein dreiviertel Jahr zuvor die Band verlassen, wurde jedoch zum Stillschweigen überredet. Und obwohl am Ende alle sauer auf alle waren, ist LET IT BE (was im übrigen nicht "laß es sein" bedeutet, sondern "laß es geschehen") weit mehr als nur ein trauriger Abgesang: die Songs waren immer noch stark genug und wurden zum perfekten Zeitzeugnis, dem letzten Aufbäumen einer sterbenden Band.

Daß dies ein Trugschluß ist und die Fab 4 in Wirklichkeit noch einmal ins Studio gingen, um ihr wirklich letztes Album zu machen, ist eine andere Geschichte...

http://de.wikipedia.org/wiki/Let_It_Be_(Album)

The Beatles

Abbey Road (1969)
"And in the end
The love you take
Is equal to the love you make"
(The End - The Beates, Abbey Road)


Als am 26. September 1969 ABBEY ROAD erschien, war das wie ein kleines Wunder: für dieses Album fanden sich die zu diesem Zeitpunkt längst zerstrittenen und in Auflösung begriffenen BEATLES mit ihrem alten Produzenten George Martin zusammen und nahmen noch einmal ein Album auf - in vollem Bewußtsein, daß es das letzte gemeinsame werden würde. Die GET BACK-Sessions vom Januar '69 - das von McCartney leidenschaftlich gepushte Back-to-the-Roots-Film-Projekt - entzweite das Quartett endgültig. Der musikalische Scherbenhaufen erschien erst im Mai 1970 als LET IT BE und gilt als Schwanengesang der bedeutsamsten Band aller Zeiten. Umso wundersamer die Tatsache, daß sich die ehemaligen Fab Four im Sommer 1969 - NACH dem desaströsen Get-Back-Projekt - noch einmal aufrafften, ein Album "wie früher" zu machen - und es zählt neben dem WHITE ALBUM, SGT. PEPPER und REVOLVER zum Besten, das die Band veröffentlicht hat. George Harrison ist auf dem Höhepunkt seines Talentes, "Here Comes The Sun" und "Something" verstrahlen einen gänsehauterregenden melancholischen Optimismus, der von Lennons traumhafter neunstimmiger Ballade "Because" noch getoppt wird, während er mit "Come Together" und insbesondere "I Want You (She's So Heavy)" genialisch-trockene Rocknummern mit Tendenzen zum Progressiven abwirft. Selbst Ringo tritt als Komponist in Erscheinung, auch wenn "Octopuss' Garden" die Musikwelt nicht verändert. Man mag McCartney auf der A-Seite des Albums noch der Harmlosigkeit bezichtigen - dabei ist seine Vocal-Performance bei "Oh Darling" schlicht exorbitant und sein vielgescholtenes "Maxwell's Silver Hammer" aufgrund des bitterbös-hinterfotzigen Textes viel besser als sein Ruf - doch das berühmte 16-minütige Medley auf der B-Seite von ABBEY ROAD geht zu großen Teilen auf sein Konto, und es ist von "You Never Give Me Your Money" bis zum berstenden Finale, das bezeichnenderweise "The End" heißt, die mitunter hinreissendste Passage, die es jemals auf einem Beatles-Album zu hören gab.

http://de.wikipedia.org/wiki/Abbey_Road
http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_is_dead (großes Kino: befasst sich mit der Theorie, McCartney sei tot und bereits 1966 durch einen Doppelgänger ersetzt worden)


The Beatles

Love (2006 - remixed by Sir George Martin)
„Eine unglaublich scheußliche Platte“ urteilte W. Doebeling, Kritikerpapst des ROLLING STONE, und ein Grauen für alle Puristen - dabei hat Sir George Martin (& Sohn) die gleiche montageartige Arbeitsweise angewandt wie die Beatles in ihrer Spätphase. Resultat: ein gigantisches Puzzle, eine Endlosschleife, eine gewagte Collage, die zusammenbringt, was nicht zusammengehört. Staunenden Ohres und stehenden Nackenhaares betrete ich eine Art Paralleluniversum! Der Auftakt mit "Get Back" klingt wie das Intro eines Konzertes (das die Fab Four bekanntlich nie wieder gegeben haben) - das Vermächtnis des einzig wahren FÜNFTEN Beatle, Sir George Martin, Produzent sämtlicher regulärer Alben der Fab Four. Was Sir George (mit Hilfe seines Sohnes Giles) vorlegt, ist nichts anderes als das erste offizielle REMIX-Album der Beatles! Und was - vor allen anderen Aspekten - auffällt, ist die klangliche Wucht und Modernität, in der die Songs neu erstahlen, und man fragt sich: wie hat der alte Herr das gemacht? Sir George ist schiere 80 Jahre alt...
Desweiteren fällt die brillante Songauswahl auf: 4/5 der insges. 37 Tracks stammen aus den Sudiojahren 1967-69, der wohl seligsten Zeit im Produzentenleben George Martins; der Löwenanteil fällt auf "Sgt. Pepper", "Abbey Road" und das "White Album". Doch "LOVE" wäre nicht "LOVE" ohne die bereits vielzitierten und diskutierten Montagen: Die Herren Martin haben Versatzstücke aus verschiedenen Songs neu zusammengesetzt (Gesangspassagen, Gitarrensoli), Lieder gekürzt (ohne daß man es beim ersten Hören merkt) und mit anderen gekoppelt, verkuppelt, transponiert, aber alles in wohltuenden Maßen und so geschickt, daß es wie ein einziger, selten unterbrochener langer Songzyklus klingt, der die Züge einer Zeitreise trägt - ein Konzeptalbum also. So entstehen z.T. völlig überraschende Hybride wie WITHIN YOU WITHOUT YOU, das wie selbstverständlich über der Instrumentalspur von TOMORROW NEVER KNOWS schwebt. Zu Harrisons ursprünglichem Acoustic-Demo von WHILE MY GUITAR... hat Martin ein traumhaftes Streicherarrangement geschrieben. Ansonsten wurde kein einziger Ton neu eingespielt - was wir hören, sind samt und sonders die Originalbänder. Was wir hören, ist gleichermaßen vertraut und neu.
In selten Momenten beschleicht mich die Frage, "was soll der ganze Scheiß". Dennoch - laßt die Pharisäer ruhig von LEICHENFLEDDEREI reden! Sir George wird in nicht allzu ferner Zukunft selber eine Leiche sein; wie ich denke, eine glückliche.

Ben Becker

Und lautlos fliegt der Kopf weg (1997)
Mit seinem musikalischen Debüt schuf Schauspieler/Autor/Nicht-Sänger und Enfant terrible Ben Becker 1997 eine Platte für die Ewigkeit. Die Kriegsbemalung auf dem Cover ist Programm. Seine schillernde, blutend-brüchige Stimme in Tateinheit mit den Soundmalereien der Filmmusikkomponisten Ulrik Spies und Jacki Engelken (alias The Zero Tolerance Band) gerieren Irritationen und beunruhigende Stimmungen, denen man sich kaum entziehen kann. BMW ist pures alptraumhaftes Kopfkino, Brian Jones mit knurrendem Kontrabass geht durch Mark und (Tanz-)Bein, Rocker läßt vom ersten Ton an keinen Zweifel, woher er kommt und was er macht: Theater! 2001 folgte ein weiteres Kopfkinowerk des Trios - "Wir Heben Ab" - das seinem Titel jedoch nur noch halbwegs gerecht wurde.

Betchadupa

Aiming For Your Head (2005)
Man hört diese Stimme und glaubt sich im falschen Film! CROWDED HOUSE mit Eiern - Liam Finn, Sohn des großen Neil, und seine drei Kollegen aus Down Under ziehen alle Register einer modernen Post-Rock-Gitarrenband: Melodienreichtum, Artenvielfalt, geballte, rohe Energie. Ein intelligentes, gewieftes, selbstbewußtes Album, das enorm Spaß macht, mein Herz oft zum Hüpfen bringt und mit 38 Minuten kein Jota zu lang geraten ist. Was man alles in 3:30 Min. reinpacken kann, könnt ihr in „Move Over" bestaunen.

Biffy Clyro

Puzzle (Album des Jahres 2007)
Biffy WER?!?
Das Powertrio aus Kilmarnock balanciert auf seinem vierten Album zwischen Postcore (bitte was?), hartem Gitarrenpop und (***Gewitter-Modus an***) ProgRock, was alleine schon das fantastische Cover der Storm-Studios bedrohlich suggeriert. Die PHETTE Produktion ist eine Wucht, und das ist im Sinne des Wortes zu verstehen. Die Schotten verschleudern todbringende Hooks und Killermelodien an der Zahl (im uncoolen 3-Minuten-Format), die wie in Honig getränkte Baseballschläger deine Hypophyse zerschmettern, und pflanzen dazwischen ruhige Intermezzi (bei denen der Timer der CD-Anzeige rückwärts läuft), enervierende Melodiebögen, die fast Mantra-artig wiederholt werden, Einsprengsel von Orchester und Chorälen zum Kleine-Kinder-Erschrecken sowie der notorische Aufkleber mit dem expliziten Inhalt, wohl weil ein böses Lied "Get Fucked Stud" heißt und den entsprechenden Bums hat. Schotten-Marotten.
Mal ehrlich: wer kann einem Opener namens "Living Is A Problem Because Everything Dies" ernsthaft widerstehen? Mag sein, daß die Begeisterung für diesen Breitwandsound nach drei Wochen ermüdet, aber bis dahin laß ich die Schotten rocken, bis sie dicht sind. Und - auf diesen Kalauer freue ich mich schon die ganze Zeit - für die nächste Autofahrt mit 100 Watt Subwoofer steht fest: Biffy muß mit!



Biffy Clyro

Only Revolutions (2009)
Das sympathische Rabaukentrio wird seinen Überraschungs-Coup (Platte des Jahres 2007) mit "Only Revolutions" nicht wiederholen können. Dem neuen Werk - wieder mal perfekt und phett produziert (Streicher, Bläser gar!) mit erneut genialem Artwork - fehlen ein wenig die hinterfotzigen Frickeleien und schrägen Sägen früherer Heldentaten. Oder habe ich die neue Tendenz zu gesetzteren, kompakteren Miniepen fehlgedeutet? Im Gegensatz zu "Puzzle" springt einen "Only Revolutions" nicht sofort an, obwohl die Flut an großen Melodien gar nicht abebben mag. Der letzte Funke zündet (noch) nicht, trotzdem klingen Simon Neil und die Johnston-Bros. mit Brechern wie "The Captain", "Mountains", "Whorses" oder "Many Of Horror" nach wie vor nicht wie jede andere Band. Sondern wie keine andere.

Biffy Clyro

Opposites (2 CD, 2013)
Mein liebster Export aus Schottland (ausgenommen Single Malt) ist wieder da - mit einem Doppelalbum. CD 1 heißt The Land at the End of our Toes und CD 2 The Sand at the Core of our Bones (zugleich 2 Bonus-Tracks, die es nur im Internet gibt) - und ein Song heißt erklärenderweise The joke's on us.
Doppelalbum - das bedeutete früher: Raum zum Experimentieren und Austoben, Freischwimmerabzeichen für die Musiker. Heute bedeutet Doppelalbum bei Biffy: 20 Hymnen am Stück. 20 Hymnen am Stück!!! Das ist mutig, brachial, opulent und bei aller Liebe einfach des Guten zu viel! Jetzt ist es also passiert: die 3 Jungs haben auch in Deutschland mit Black Chandelier einen Riesenhit (dessen tödliches Solo beim dämlichen Radio-Edit glattweg heraus geschnitten wurde!) und sind in die Champions League aufgestiegen, auf Kosten früherer Ecken und Kanten, was zu erwarten war. Aus Single Malt wird Blended, aus Lagavulin wird Chivas Regal. Der macht aber bei Bedarf immer noch besoffen.
Killertracks: Black Chandelier, Sounds like Balloons

The Big Pink

A Brief History of Love (2009)
This is Music from Big Pink. Haha. Wenn der Vater abgöttischer Fan von THE BAND ist und seinen Filius Robbie nennt, was bleibt dem übrig, als Gitarre zu lernen!? Robbie Furze - ich unterstelle, der Name ist nicht Programm - bildet zusammen mit Milo Cordell das Duo THE BIG PINK, dessen Debüt „A Brief History Of Love“ ansonsten N-I-C-H-T-S mit dem 68er Debüt von Robbie Robertsons Band zu tun hat, nichtsdestotrotz wie man so schön sagt „gehypt“ wird wie die nächste Sau, die durch London gejagt wird.
NuGaze heißt der Trend. NuGaze kommt von Shoegaze, was irreführend ist, weil die klassischen Shoegazingbands wie COCTEAU TWINS oder MY BLOODY VALENTINE Ende der 80er nicht ihre Schuhe anstarrten, sondern ihre abertausende Gitarren-Effektgeräte und Fußschalter im Auge behielten, die sie ständig bedienen mussten, um ihre Gitarren nicht mehr wie Gitarren klingen zu lassen, sondern wie Sägewerke, Feedbackraffinerien, Elektroumspannwerke. Und so bieten denn auch THE BIG PINK halligen Breitwandlärm in Cinemascope, an dem auch Phil Spector seine wahre Freude hätte, wenn er gerade mal niemanden niederschießt. Die Jungs legen über dicke Gitarrenschichten viele weitere dicke Gitarrenschichten, bis die (großartigen) Melodien fast völlig erschlagen werden, quirlen viel Elektronik-Gepluckere hinzu, als wäre das ganze Soundgespinst nicht schon ungreifbar genug - so verhuscht, unscharf, konturenlos wie die junge Dame auf dem Cover - und klingen tatsächlich außer anstrengend auch richtig richtig gut. „These girls fall like Dominos“ … manchmal zumindest.

Wallis Bird

Wallis Bird (Foto: Alex)

Wallis Bird (2012)
Wenn ich euch die Fingerfertigkeit dieser Gitarristin anpreise, dann geht das nicht, ohne den grauenvollen Unfall zu erwähnen, der ihr als Kind widerfuhr: Klein-Wallis fiel hin, und der Rasenmäher ihres Vaters trennte ihr sämtliche Finger der linken Hand ab. Die Ärzte konnten ihr vier davon wieder annähen. Trotz (oder wegen) dieses Todesurteils für Musikerkarrieren eignete sie sich ihren eigenwilligen Stil an, indem sie eine Rechtshändergitarre seiten-, aber nicht saitenverkehrt spielt (und WIE beeindruckend sie das tut, kann euch gerne Alex bestätigen, die Wallis neulich als Support von BOY erlebt hat). Dies alles im Hinterkopf, mag man nicht glauben, was man hört, wenn man sie hört. Musikalisch ist sie die kleine irische Schwester-im-Geiste der New Yorkerin Ani diFranco, jedoch geradliniger, straighter, faszinierend abwechslungsreich, mit großem Gespür für gewitzte Arrangements. Und dann noch diese Power in der Stimme - die bringt Rasenmäher zum Verstummen...

James Blake

James Blake (2011)
Die Zukunft des Dubstep, jubiliert die englische Presse. Was zum Geier ist Dubstep, tiriliert Otto Normalhörer. Was wir hören, hat m.E. kaum noch etwas mit Techno zu tun, sondern ist puristischer Avantgarde-Pop, der sich selbst in Flußsäure auflöst und nichts mehr mit populärer Musik gemein hat. Es bleibt Blakes entbeinte, juvenile Stimme, es entstehen durchaus Momente musikalischer Grandezza. Blake betritt Neuland, vergleichbar radikal wie PORTISHEAD mit "Third". Und denen konnte auch niemand folgen.

The Blue Nile

High (2004)
Diese Musik ist wie eine Operation am offenen Herzen, und die Rekonvaleszenz dauert lange, seeehr lange: 4 Alben zwischen 1981 und 2004, das macht 33 Songs in einem Vierteljahrhundert - und dennoch wird das schottische Trio um Paul Buchanan von keinen geringeren als Peter Gabriel und Annie Lennox vor der Vergessenheit bewahrt (wobei diese sich bestimmt den kleinen Finger dafür abschneiden würden, um solch tief-melancholische und doch völlig unsentimentale Mini-Epen zustande zu bringen). The Blue Nile haben sich übrigens auf die Fahne geschrieben: mehr als drei Akkorde pro Song sind völlig überzogen - ein Menetekel für echte Musiker, ein Fest für Herzchirurgen.

Bohren & Der Club Of Gore

Sunset Mission (2000)
Anti-Disco – 100% nicht-tanzbar. Der Soundtrack für die Nachtfahrt in die eigene tiefschwarze Seele. Es passiert so gut wie gar nichts auf dieser nächtlichen Reise, die Straßenrandmarkierungen pulsieren wie ein stetiger Flow, und doch ist eine latente Bedrohung allgegenwärtig. Jeden Moment kann sie sich in einem todbringenden Zusammenstoß aus dem Nichts materialisieren – oder in Form eines einsamen unheimlichen Anhalters. David Lynch lässt grüßen, sein Schatten bläst ein heißeres Saxophon, das Fender Rhodes weint dazu, ein Vibraphon macht seinem Namen alle Ehre. Ein erstaunliches Album - wenn man bedenkt, dass die deutsche Band ursprünglich aus der Dark Metal-Szene kommt - erstaunlich, welch Spannung man mit derart wenig Tönen erzeugen kann.

David Bowie

Station to Station (Collector's Edition) [3 CD Box-Set, 1976/2010]
Der Tyrannosaurus Rex unter Bowies klassischen Alben. Der Legende nach kann (oder will) sich niemand der Musiker an den Entstehungsprozess von STS erinnern, Bowie am allerwenigsten. Hatte er Kraftwerks „Trans Europa Express“ zerbröselt, gemahlen und in die Nase gepfiffen? Woher kamen die hypnotischen Soul/Funk-Elemente („Stay“), die mäandernden, repetitiven, nahezu progressiven Passagen („TVC15“, „Station to Station“ )? Ein Album, das vom Himmel fiel, genau wie der Protagonist in Nicolas Roegs gleichzeitig entstandenem Science Fiction-Film: Bowie spielt einen Außerirdischen, aber wer den Film kennt, fragt sich, ob Bowie tatsächlich „spielt“.
Der STS-Schmuckbox liegt der klanglich brillante Konzertmitschnitt „Live Nassau Coliseum '76“ bei. Wir hören gespannt, wie Bowie als Thin White Duke beginnt, Glam und Rockismen abzuschütteln. Die minimalistisch-elektronische Berliner Phase steht vor der Tür. Auf den Nachfolgern „Low“ und „Heroes“ wird Bowie endgültig zum Außerirdischen mutieren.

Boy

Mutual Friends (2011)
Guter Trick, das mit dem Bandnamen. Dürfte sich aber mittlerweile rumgesprochen haben, daß sich dahinter die hinreissende Zürcherin Valeska Steiner (Gesang, Instrumente) und die nicht minder aparte Hamburgerin Sonja Glass (Instrumente, Gesang) verbergen. Man muß sie aber nicht unbedingt sehen, HÖREN allein macht schon süchtig: ihre Popmusik ist mörderisch eingängig und eigenwillig zugleich, fluffig und doch nicht ohne Kanten, schwimmt in Milch, zergeht auf der Zunge, hat aber auch Passagen mit großartiger Dynamik, und ihre Feist-Lektion haben sie mit dem Suppenlöffel gefressen. Ganz nebenbei gehören Waitress, Drive Darling und Little Numbers zu den schönsten, raffiniertesten und unwiderstehlichsten Hits der letzten Monate.

-> BOY - LITTLE NUMBERS - live at TV.NOIR (...absolut B E Z A U B E R N D ! ! ! )

Broken Bells

Broken Bells (2010)
Die hinterfotzigste Platte des Jahres. Zunächst rauscht sie wie beiläufig an mir vorbei, nicht ohne zauberhafte Momente. Doch hinter meinem Rücken bäumt sich das Miststück auf, entwickelt sich zum Melodiemonster, wirft ein lockeres Netz aus experimentierfreudigem SpacePop - und überwältigt mich! Broken Bells sind ein Teilzeitduo: James Mercer ist Sänger der SHINS, Produzent Danger Mouse (alias Brian Burton) hatte mit GNARLS BARKLEY und Crazy einen Welthit. Wenn zwei sich langweilen, freut sich nicht nur der MusikExpress (Platte des Monats April 2010).



Jack Bruce & Friends

I've Always Wanted to Do This (1980/remastered 2008)
Seit einer halben Ewigkeit wartete ich auf eine adäquate Neuveröffentlichung dieses Albums, auf dem Jack Bruce seine ureigene Stilmischung aus Jazzrock und Songwriterpop zur höchsten Blüte trieb. Mit seinen illustren Friends Clem Clempson (Colosseum), David Sancious (E Street Band, später: Peter Gabriel) und Billy Cobham (Mahavishnu Orchestra) gab er zudem 1980 ein unvergessliches Konzert im ARD-Rockpalast und spielte dort dieses Album nahezu komplett nebst einigen Klassikern aus seiner CREAM-Ära.
Die Sequenz “In this way“, “Mickey the Fiddler“ und “Dancing on air“ – ursprünglich durch eine LP-Seite getrennt – sind auch und gerade nach 28 Jahren ein Tryptichon begnadeter Songschmiedekunst. Bewundernswert und auch nach mehrmaligem Hören kaum nachvollziehbar, wie Bruce mit sich selbst im Chor singt, seine Stimme(n) vielschichtig und elegant aufträgt und wie ein Instrument einsetzt, was bewirkt, dass diese Lieder nicht sofort ins Ohr gehen, aber – einmal drin – auch nie wieder entweichen. Höhepunkt und Abschluß ist der 7-Minüter “Bird alone“, in dem die Musiker ihre Jazzrock-Wurzeln ausleben dürfen, indes ist es der getragene Mittelteil, der mich in den harmonischen Himmel katapultiert. Eigentlich erstaunlich, dass gerade die bluesrockgetränkten Stücke des ehemaligen CREAM-Bassisten nicht so recht ins Albumkonzept passen wollen, andererseits macht es tierischen Spaß, mal wieder auf “Living without ya“ kräftig den Head zu bangen.

Aerial Niemals wurden Vogelgezwitscher und Waschmaschinen schöner besungen. Oder Elvis. Oder die Zahl Pi - bis zur 116. Stelle hinterm Komma. Wie Phoenix aus der Asche rematerialisiert das englische Fabelwesen Catherine Bush inmitten der Dekade und hinterläßt ein tief berührendes Werk, das die Welt für einen Moment schöner färbtů

Kate Bush

Aerial (2005)
Wenn man so lange auf ein Lebenszeichen wartet, erschreckt man richtig, wenn es plötzlich da ist! Nach 12 Jahren - hatte da irgendwer Kate (Jahrgang ‘58) noch auf der Rechnung? Die Ikone anspruchsvoller femininer Popmusik kommt mit einem ätherischen Doppelalbum zurück aus ihrem selbst gewählten Exil, und es geschieht etwas, was ich schon lange nicht mehr erlebt habe: die Musik verzaubert vom ersten Ton an, zieht mich in den Bann, fordert (wie immer bei Kate), ohne zu überfordern (wie nicht immer bei Kate); die knisternde Spannung, was in den nächsten Sekunden passiert, hält tatsächlich bis zum fulminanten 16-minütigen Finale („Nocturn“ / „Aerial“) an; bei den Piano-Balladen halte ich den Atem an, um nur ja keine fallende Stecknadel zu verpassen; der Spannungsbogen der 2. CD (das Magnum Opus „ A Sky of Honey “) erinnert wahrhaftig an Kates Meisterwerk „The Ninth Wave“ von 1985, läßt es sogar durch seinen strahlenden Optimismus und lebhaften Wohlklang hinter sich. Das finale Crescendo läßt mich im abschließenden Vogelzwitschern mit dem Wunsch nach Stille zurück - danach geht nichts mehr, jeder weitere Ton, jede andere Musik klänge jetzt banal...


Kate Bush

Fräulein Kates Gespür für Schnee

50 Words for Snow (2011)
Die Meinungen gehen auseinander: sind Kates erste neue Songs seit AERIAL großartig - oder einfach nur langweilig? Beginnen wir einfach mal so: bei der Mehrheit der 65 Minuten handelt es sich gar nicht um Lieder, sondern um Hörspiele. Kate vertont ihre ureigenen, leicht spinnerten, oft düsteren und immer geheimnisvollen Geschichten und baut die Musik um die Worte (und die Pausen zwischen den Worten) herum, behutsam, bedächtig, wie eine Töpferin formt sie ihre aurikularen Skulpturen Ton für Ton. Es bedarf solcher Metaphern, denn es ist nicht ganz einfach, die Musik dieses Albums zu beschreiben.
AERIAL war ein Meisterwerk mit vielen ruhigen Passagen, an die Kate jetzt anknüpft – und noch einige Gänge zurückschaltet. Ihr unaufgeregtes, beruhigend tieftönendes Klavierspiel beherrscht alles, ist der sternenbesetzte Kosmos, aus dem es zauberische Melodien schneit - und überraschende Stimmen obendrein: SNOWFLAKE konserviert die Engelsstimme ihres Sohnes Bertie kurz vorm Stimmbruch. Die Pianoetüde LAKE TAHOE - eine ihrer artifiziellsten, sanftesten (und längsten) Kompositionen seit jeher - begleiten die Countertenöre Stefan Roberts und Michael Wood, Orchester und wohldosierte Perkussion machen das Schauermärchen einer Ertrunkenen zur Kunstmusik. Doch es kommt noch besser: mit dem unfassbaren MISTY nimmt das Album erstmals Fahrt auf, einer Art Bossa Nova, der sich allmählich ins fast Rauschhafte steigert und mal wieder offenbart, was für eine begnadete Sängerin und Lyrikerin Kate ist. Wie sie hier Sheets soaking wet und Melting in my hands singt, ist das purer unterkühlter Sex, doch wer ihr geisterhafter Liebhaber ist, der sie nächtens besucht und dahinschmelzende dreizehn Minuten lang besungen wird, soll hier nicht verraten werden.
Der darauf folgende WILD MAN klingt wie Kates letzter Versuch, einen herkömmlichen Popsong zu schreiben - und tanzt daher einigermaßen aus der Reihe. Täusche ich mich oder eiert das Lied ein wenig? Und singt Kate nicht völlig untypisch - für Kate? Und bleibt der Song über den Yeti nicht trotzdem hartnäckig im Ohr kleben? Zurück ans Piano: in SNOWED IN AT WHEELER STREET schmettert Kate ein formidables Duett mit einem glänzend aufgelegten Sir Elton John, auch hier beginnt es ruhig, bis man von den Gefühlsausbrüchen der beiden nahezu überrollt wird. Der Titelsong 50 WORDS FOR SNOW überwältigt mit verzerrten Gitarren, einem hypnotischen Groove (Steve Gadd & John Giblin) und der Stimme des Schauspielers / Regisseurs Stephen Fry, der tatsächlich nichts anderes tut, als Kates 50 Umschreibungen für Schnee aufzuzählen (Nr. 42 auf klingonisch!), und wie Kate ihn im Chor anfeuert, das ist unwiderstehlich, wenn auch gegen Ende etwas langatmig.
Es hätte des finalen AMONG ANGELS gar nicht mehr bedurft, auch wenn es mit 6:48 das kürzeste (!) Stück des Albums ist. Aber wer kann Kates Stimme und dem Klang ihres Flügels schon widerstehen… und wer weiß, wie viele Jahre wir bis zum nächsten Album der unnahbaren Engländerin warten müssen, bevor 50 Words Schnee von gestern ist…

Killer Track: Misty

Bill Callahan

Sometimes I Wish We Were An Eagle (2009)
SMOG hieß seine frühere Band, mehr noch, Callahan war SMOG, und jetzt scheint er endlich frei atmen zu können. Nach all dem Wave-, TripHop- und Tekkno-Gedöns hier auf ToffRocks ist es eine wahre Wonne, diesen Kleinoden zu lauschen, den leicht verschrobenen Balladen, dem sonoren Bariton, den feinfühlig und sparsam instrumentierten staubigen Prairie-Preludien (die mich nicht nur unterschwellig an das traumhafte „OH (Ohio)“ von Lambchop erinnern), der Luft, die diese Songs hörbar atmen, den merkwürdigen Geschichten des Mr. Callahan. Eine klingt wie die berühmte Anekdote, Paul McCartney sei „Yesterday“ im Traum eingefallen: in tiefstem Herzschmerz schläft der Erzähler ein und träumt den PERFEKTEN Song, der alle, ALLE Antworten bereithält, ein Song, tröstlich wie Handauflegen! Im Halbschlaf kritzelt er ihn nieder, um dann am folgenden Morgen endlich die erlösenden - wenn auch schwer lesbaren – Worte zu entziffern. Und da steht: „Eid ma clack shaw - Zupoven del ba - Mertepy ven seinur - Cofally ragdah“...
...ist es nicht dieses "Eid ma clack shaw" in uns allen, das uns so berührt, weil es jeder von uns schon mal geträumt hat?

Carpenters

Those Good Old Dreams (Private Compilation, 2009)
Die Musik des Geschwisterpaares wurde jahrzehntelang als Inbegriff spießiger Seichtigkeit gehandelt und erfährt mittlerweile eine erstaunliche Rehabilitierung. Meine erste intensive Begegnung mit Karen und Richard Carpenter ist zwar keine musikalische Horizonterweiterung, aber eine mentale Tränendrüsenerweiterung - was für eine HERZLICHE Musik ... und dafür mußte man sich früher schämen oder heimlich SR 3 hören (wenn nicht gerade Sport und Musik lief)! Gelobt sei unser reifes Alter mit seinem toleranten Musikverständnis ;-)
Sogar die ein oder andere musikalische OFFENBARUNG ist darunter: Top of the World war 1973 eines meiner ersten All-Time-Lieblingslieder und We've Only Just Begun stelle ich in punkto Harmonieraffinesse und Gesangsbeseelung fast auf eine Stufe mit God Only Knows von den Beach Boys. Fast. Jedes zweite Lied kommt mir irgendwo bekannt vor, jedes dritte ist ein WELTHIT, und diese Frau (nebenbei eine erstaunliche Schlagzeugerin) hat eine STIMME, die Blockschokolade zum Schmelzen bringt! Welch tragisches Schicksal - Karen Carpenter starb 1983 im Alter von 32 Jahren an den Folgen von Magersucht - und es verstummte eine der betörendsten Stimmen der Popgeschichte.

Bruce Cockburn

Small Source of Comfort (2011)
Nach Ron Sexsmith und Stefan Stoppok betrat bei den Acoustic Stories damals 2003 in Mainz der Veteran Cockburn (das "ck" bitte verschlucken) die Bühne. Der kanadische Folkmusiker war stets politisch engagiert, dahingegen wirkt sein 31. Album (!) regelrecht altersmilde. Wobei wir ihm durchaus Schlitzohrigkeit attestieren können, wenn er in "Call me Rose" aus der Sicht Richard Nixons singt, der unversehens als arme Hausfrau wiedergeboren wird. Bemerkenswert ist immer noch Cockburns Gitarrenspiel: unprätentiös, ätherisch, oft orientalisch angehaucht, was in den ungewöhnlich zahlreichen Instrumentalstücken zu bestaunen ist. Der weise Kanadier braucht nicht immer Worte, um politische Metaphern zu kreieren. Ein saustarkes Alterswerk.

Killer Track: Comets of Kandahar

Console

Herself (2011)
Im Gegensatz zur polnischen DJane MAGDA klingt diese Musik wie der schwerelose Marsch durch die gleissende Sonne einer digitalen Sahara. Martin Console Gretschmann ist Programmierer (formerly known as Keyboarder) der Weilheimer Kultband THE NOTWIST, seine Solowerke sind Lichtjahre von Neon Golden entfernte Exkursionen zwischen Elektropop und Ambient. Herself (das laut CD-Text im Display Hereself heißt!) ist Magdas entspannte Schwester, leichter zugänglich, weniger abgründig, mehr Fata Morgana denn Zombie Disco, begleitet nur von Miri Osterrieders fast körperlosem Gesang. In einer gerechten Welt wäre das fluffige Homeless Ghost ein Hit.

Killer Track: Her eyes

The Coral

Butterfly House (2010)
Rubber Soul in der Version der Byrds, Westcoast heiratet Brit Pop, Simon & Garfunkel als Trauzeugen - fluffiger, unverkrampfter und drückender als ihre älteren Werke, ein Vulkanausbruch an großartigen, vertrackten, wuchtigen und betörenden Melodien! THE CORAL sind seit Jahren auf dem Radar, ohne bislang meine musikalische Atmosphäre durchdrungen zu haben. Doch Butterfly House ist ein unwiderstehlischer Kometenschwarm mit großen Einschlagstrichtern. Eine Punktlandung. 2009 konnten wir uns alle auf Veckatimest einigen. Diesmal ist es Butterfly House

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