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Genesis

Box Set 1970-1975 (CD+DVD, 2008)
Die Musik dieser klassischen Alben der Gabriel-Phase ist über jede Kritik erhaben. "Trespass", "Nursery Crime", "Foxtrott", "Selling England by the Pound" waren meine musikalische Muttermilch, und "The Lamb Lies Down On Broadway" das im Freundeskreis offiziell gewählte "Album des Jahrtausends".
Umso interessanter - ja hochgradig faszinierend - ist die Interview-Serie als Bonus auf JEDER CD, wenn die 5 (bzw. 6) Musiker getrennt voneinander ihre Erinnerungen an die einzelnen Songs rauskramen und preisgeben: Antony Phillips wirkt wie ein gütiger Landlord, Collins zunächst erstaunlich blass, Gabriel souverän, bedächtig und entspannt, Rutherford etwas sperrig, aber sehr gentlemanlike, Hackett erinnerungsmäßig immer wieder erleuchtet, begeistert und grundsympathisch, Banks sprudelnd eloquent, überraschend witzig und wie gewohnt der harscheste Selbstkritiker. Diese Re-Issue-Interviews von 2007 zu jeder einzelnen CD dauern ca. 30 Minuten und sind - über die remasterte Musik, die Konzertausschnitte und Backstage-Extras hinaus - nun ja, ein Gottesgeschenk!

Get Well Soon

Rest Now Weary Head! You Will Get Well Soon (2008)
Der Indie-Wunderknabe Konstantin Gropper ist mittlerweile zurecht in aller Indie-Ohren, und dieses sein Füllhorn aus zauberhaft-verschrobenen Melodien und Kleinoden könnte man auch problemlos in der Sufjan Stevens-Ecke verorten, wenn es nicht tatsächlich und unglaublicherweise aus einem oberschwäbischen Kaff stammen würde. Und wer UNDERWORLDs "Born Slippy (Nuxx)" unplugged covert (!!) und ansonsten eigene Titel schreibt wie "I Sold My Hands For Food So Please Feed Me" oder "Witches! Witches! Rest Now In The Fire", der kann kein schlechter Mensch sein.

Get Well Soon

Original und Fälschung (Toff stellt Plattencover nach)

Vexations (Ltd. Deluxe Edt. 2CD, 2010)
Ein Konzeptalbum über römischen Stoizismus - wie spannend ist das denn!? Wecken Songtitel wie Seneca's Silence oder Werner Herzog Gets Shot… Neugier - oder einfach nur Brechreiz? Konstantin Gropper ist seit Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon der Wunderknabe der deutschen Indieszene, und sein zweites Werk steht dem Debüt in kompositorischer Raffinesse und ausgebuffter Arrangierkunst in nichts nach: er läßt Xylophone rocken, Schlagzeuge galoppieren, Harfe, Geigen und Celli schnurren und Chöre jubilieren, daß Hollywood seine helle Freude daran hätte. Oder sagen wir besser Babelsberg. Denn nicht zuletzt klingen viele Songs von GET WELL SOON wie kleine Filmmusiken. Spex nennt das „Schlaumeiermusik“; das wäre womöglich ein "Ärgernis" für Gropper - wenn er sein Album nicht genau so genannt hätte ;-)
Geiles Cover übrigens - seine kammermusikalische Version von David Bowies Drums & Bass-Kracher I’m Deranged (auf der Bonus-CD). Die Zeit wird zeigen, ob dies der große Entwurf für barocke Popmusik wird… oder einfach ausblutet wie der besungene Seneca.

The Go-Betweens

Bright yellow bright orange (2003)
10 Lieder, 39 Minuten. 2 unverzerrte Gitarren, Bass, Drums. Fertig! 2 Songwriter, 2 Stimmen, immer schön abwechselnd: Robert Forster und Grant McLennan sind Lennon/McCartney für den gepflegten Vorgarten. Schlichtheit ist Trumpf. Harmonie omnipräsent. An der Tür der Hütte ein Schild: „Bitterkeit, Kälte und Moll-Akkorde müssen leider draußen bleiben". Böse Zungen würden sagen: Die beste Schülerband der Welt. Gute Zungen übrigens auch.

John Grant

Pale Green Ghosts (Album des Jahres 2013)
Bleichgrüne Geister schwirren über die nächtliche Autobahn, vernebeln mir die Sinne, ich verlasse meinen Körper und betrachte mich selbst von weit oben, alleine durch die Wucht dieser Musik - dieses Album ist kein Hammer, es ist ein Amboß!
Island. Wo sonst. Mit Arabian Horse kredenzten die Deep House-Pioniere GUS GUS eines der nachhaltigsten Alben des noch jungen Jahrzehnts, und nun ist auch der begnadete Swinger/Songrider John Grant - dessen Solodebüt Queen of Denmark 2010 in diversen Gazetten Platte des Jahres wurde - in die nordische Elektronikfalle geraten: seine neuen Songs wurden von Gus Gus-Mastermind Birgir Þórarinsson produziert, was zu einer faszinierenden Melange führt: der fettreduzierte Songwriterpop seiner ehem. Band The Czars schimmert nur noch subkutan durch, wird synthetisch eingefettet, verfremdet, auf ein soundtechnisches Level geboostet, daß intensives Zuhören fordert und nicht wieder losläßt.
Der Spannungsbogen vom dröhnend pulsierenden Titelsong über die opulente Ballade vom Greatest Motherfucker bis zum symphonischen Finale ist schier ATEMBERAUBEND, die autobiografischen Lyrics tun weh; so beschreibt er mit schneidender Stimme die schmerzlichen Anfeindungen gegen seine homosexuelle "Andersartigkeit" als einen Gletscher, der sich durch seine Seelenlandschaft schabt und schiebt (Glacier). An anderer Stelle findet er für seine HIV-Infizierung Umschreibungen unfassbarer Komik: "Dad keep looking at me says I got the disease - Now what did you expect, you spent your life on your knees" (Ernest Borgnine).
Mr. Grant - mit ehrfurchtgebietendem Vollbart auf dem fesselnden Cover, gesegnet mit einer der eindringlichsten Stimmen unserer Tage, gebeutelt vom Leben als ehemals Alkohol- und Drogenabhängiger, geoutet als HIV-positiver Schwuler - solch eine Vita in Tateinheit mit der rauhen Wucht seiner Wahlheimat Island macht es ihm geradezu unmöglich, weniger als GROSSE Musik zu erschaffen. Pale Green Ghosts klingt wie ein Kampf ums Überleben. Und ist überlebensgroß.



Grizzly Bear

Veckatimest (2009)
“They combine jangling guitars, soft vocals, erratic drumming and beautiful synth to make an incredible world all their own" (www.knoxroad.com)
Gleich der Opener Southern Point – akustisch getrieben, rhythmisch komplex und viel-harmonisch - katapultiert dich aus der Realität heraus direkt ins Fantasialand des New Yorker Quartetts GRIZZLY BEAR. Was für ein UN-FASS-BAR guter Song, befremdlich fiebrig und doch völlig vertraut, an meinem geistigen Ohr rauschen so unterschiedliche Reminiszenzen vorbei wie die ganz frühen Genesis, CSN&Y, Beach Boys undundundVeckatimest (bekanntlich eine unbewohnte Insel vor Neuenglands Küste) bleibt bis zur letzten Minute eine glimmende Wundertüte, ein überbordendes Füllhorn voller Überraschungen.
In dieser fragilen und manchmal auch brachialen, nie aber überladenen Musik – mit höheren Spielanteilen für Rock gegenüber Folk - schwirren die End-60er vorbei und rematerialisieren sich im Waldschratwald der 00er Jahre, aber anders als bei den nahe liegenden FLEET FOXES fahren GRIZZLY BEAR nicht nur auf den ruhigen Gewässern musikalischer Eintracht, sondern lassen sich auch gerne mal wonnevoll von der nächstbesten Stromschnelle davontreiben. Natürlich stehen die Gitarren und Stimmen von Ed Droste und Daniel Rossen im Mittelpunkt; völlig außergewöhnlich jedoch: das Drumming von Christopher Bear, der eine Vorliebe für Paukenschlägel zu haben scheint, und die elektronischen Sounds, die unaufdringlich, aber unüberhörbar den Folk in eine Art Anti-Folk verwandeln.
Vielleicht das Album, auf das sich 2009 alle einigen können.

Besetzung: Daniel Rossen (guitar/ vocals/ keyboards), Ed Droste (guitar/ vocals/ keyboards), Chris Taylor (bass/ woodwinds/ electronics/ vocals), Christopher Bear (drums/ vocals).

Steve Gunn

Time Off (2013)
Ein weiterer Geheimtip aus dem Pool dieser jungen strubbeligen amerikanischen Gitarristen, die genügend authentischen Straßenstaub auf den Sohlen ihrer zerschlissenen Chucks kleben haben (file under Kurt Vile). 6 Songs, 40 Minuten, ein Flow von (wenig) Melodien und (viel) Saitenpicking, ein Hauch von Grateful Dead und Kaleidoscope (anno '68). Das ungewöhnliche (Akustik-)Gitarrenspiel des New Yorkers hat etwas Mantra-artiges und kristallisiert sich am besten im neunminütigen Sog des abschließenden Instrumentals Trailways Ramble.

Gus Gus

Arabian Horse (Top 3 Album des Jahres 2011)
Sie stammen von jener Insel, die Sigur Rós, Björk, Geysire und Aschewolken ausgespuckt hat. Irgendwie erwartet man von Musik aus Island immer das Besondere. Auch vom Elektronik-Kollektiv GUS GUS, das ich schon seit vielen Jahren auf dem Radar habe. “Arabian Horse“ bedient die Schublade House – elegant, tanzbar, düster, dräuend, divenhaft. Mondäne Dämonen in tonalen Thermalbädern. Melancholisch, in warmen Tönen gezeichnet, ein steter Midtempo-Flow mit den unfassbaren, unter die Haut gehenden Stimmen von Urdur Hakonardottir (aka Earth) und Högni Egilsson. Ein atmosphärisches Werk wie aus einem Guß, ein tieftönender Boxenkiller, triebhaft, hypnotisch, ein Monolith von einem Album. Grandios!

Killer Track: When your lover's gone

PJ Harvey

Let England Shake (2011)
Polly Jean läßt ihr Heimatland erzithern. Geiles Wortspiel! Aber man muß es einfach gesehen haben (z.B. neulich in Aspekte), wie sie auf der Bühne die Zither an ihren zierlichen Körper presst - und rockt. Ihr zehntes Album hat sie mit vielen akustischen Instrumenten in einer Kirche eingespielt, und sie opfert ihr zerrissenes England auf einem Altar der Leidenschaft. Sie lindert den Schmerz durch ihren roh-verspielten Folk (fast könnte man von Minnegesang reden), der britischer nicht sein könnte. Die Musikjournaille spricht wie aus einem Munde: LET ENGLAND SHAKE wurde in Mojo, New Musical Express, Uncut und MusikExpress zum Album des Jahres 2011 gekürt, im Q-Magazine und dem Rolling Stone reichte es "nur" zum zweiten Platz. Das ist gelinde gesagt spektakulär.

Killer Track: The Words That Maketh Murder

Charlotte Hatherley

Grey Will Fade (2005)
Frauenpower - Powerfräulein: die Gitarristin von ASH präsentiert ein brodelndes, fiebriges, überbordendes Solodebüt, das so quirlig daherkommt, daß man unterwegs auch mal die Pausetaste drücken muß, um Luft zu holen. Das ist bei all den bretternden Rhythmusgitarren stets mehr Pop als Rock, melodiensüffig und halsbrecherisch, aber gerade die ruhigen Passagen lassen aufmerken, um was für ein talentiertes Gör es sich hier dreht: "Where I'm calling from" ist für mich schlichtweg eines der raffiniertesten, schönsten Lieder 2005. Und für einen Song namens "Bastardo" bedanke ich mich persönlich bei dir, Charlotte!

Charlotte Hatherley

The Deep Blue (2007)
Das "Mädchen von ASH" ist erwachsen geworden auf ihrem zweiten Soloalbum, der z.T. ungestüme Indiepop ist einem komplexeren, auch verletzlicheren Sound gewichen. Die Melodiebögen der Gitarristin sind kunstvoll verwoben und oft erst beim wiederholten Hören erfassbar, jedenfalls weit ab vom maskulinen Bluesschema, und doch haben diese durch und durch femininen Songstrukturen eine bodenständige Power und Kompaktheit. Die Arrangements sind durchaus fantasievoll, nur phasenweise ein Fitzelchen zu überladen. Der mädchenhafte Charme ihrer Stimme ist geblieben und die Art, wie diese Schnuckerzecke ihre Chöre selbst als vielschichtiges Instrument einsetzt, ist nicht weniger als beeindruckend! Alleine, was sie in Dreiminutensongs wie "Wounded Sky" packt, gehört mit zum schönsten, was ich 2007 gehört habe.
Wie ich es liebe, wenn eine Platte zum Schluß hin immer noch besser wird: das träumerische "Dawn Treader" (von XTC-Andy Partridge co-written), das hypermelodiöse "It isn't over", die 6-minütige Gitarrenbreitseite "Siberia" ... und der zauberhaft-simple Ghosttrack, der die Tauchfahrt der Charlotte H. beschließt. Zum Ersaufen schön!

Hercules and Love Affair

Hercules And Love Affair (2008)
Glitzer, Glam und Gloria...
Ende der 70er Jahre war Disco der Feind. Während sich mein Musikgeschmack formte unter der Urgewalt von Queen, den Beatles, Zappa, Pink Floyd und gleichsam erschüttert wurde durch Punk und Wave, blieb für DISCO nur Verachtung. Nile Rodgers war der Feind. Giorgio Moroder war der Feind. Saturday Night Fever war das Fegefeuer, Donna Summer die Hölle. Heute sind sie Maßstäbe, und Disco lebt. Und das hip'ste Label ist DFA (LCD Soundsystem, The Rapture) mit seinem neuen Schößling, dem New Yorker Andrew Butler, der mit HERCULES & LOVE AFFAIR einen dermaßen geschmeidigen, soulig-groovenden Hybrid in die Welt gesetzt hat, daß ich mir fast wünsche, wieder Bassist zu sein. Butler liefert Kompositionen und Keyboards sowie seine dünne Stimme und die ebenso ausdruckslose von Kim Ann Foxman – was natürlich so nicht ausreicht.
Was dieses Album so unwiderstehlich macht, sind die Gesangsbeiträge von Antony Hegarty und Nomi, letztere eine langbeinige Schönheit, deren rauchiger Alt einen Blindgänger zur Explosion bringen dürfte, ersterer genau der Gay Messiah, der mit seinem Projekt ANTONY AND THE JOHNSONS m.E. gefährlich nahe an sog. Kunstkacke laviert, von Butler jedoch so kongenial in sein Groove-Schaumbad getaucht wird, dass es die pure Wonne ist. "Blind" hat eine so fassungslos machende Gesangsmelodie, dass andere dafür töten würden – einer der famosesten Songs des Jahres. Zugegeben, HERCULES und seine LOVE AFFAIR hängen im zweiten Drittel etwas durch und kommen hinten auch nicht mehr ganz hoch, aber auf diesem Album gilt: wichtig ist, was vorne rauskommt. Vorne – aus den Boxen. Play it loud! It ain’t Rock’n’Roll, but I like it

Hell

Teufelswerk (2009)
Ich warne meine Synapsen vor einem euphorischen Kurzschluss - aber dieses Teufelswerk klingt verdammt nach einem Meilenstein teutonisch-elektronischer Tekknomucke! Ein Lied "Germania" zu nennen, gemahnt vorneweg an die gute alte Krautrockschule Marke Neu!, Cluster, Harmonia, Ashra, besser noch: HELL - der das "DJ" aus seinem Namen verbannt hat (und dessen bürgerlicher Name Helmut Josef Geier schon wie ein abgefahrener Künstlername klingt) - hat seine Kraftwerk-Lektionen mit der Suppenbolle gefressen, daß es eine HELLe Freude ist. Zur Beweisaufnahme empfehle ich die Killertracks "Electronic Germany" (8:00) und "Hell's Kitchen" (8:30) - höllisch gut ausgebaute Datenautobahnen zwischen Bauch und Gehirn.
CD 1 trägt den Titel "Night" und spricht mehr den Bauch an: Techno-Elektro-Future-Rock par excellence, mit der einen Ausnahme "The DJ" (sic!), bei dem P. Diddy (formerly known as Puff Daddy) seine unsäglichen "Motherfucker"-Stakkati ungestraft diarröhren darf. CD 2 ist mit "Day" tituliert - eine formidable Irreführung, denn die nächtliche Fahrt über einsame Autobahnen schreit regelrecht nach diesem Soundtrack, der direkt abhebt in einen krautig-umnebelten Klangkosmos, in dem Retro Trumpf ist.
Anspieltip: "The Angst" (13:20!!) - was für ein Trip!

Julia Holter

Loud City Song (2013)
Eine Kalifornierin, Jahrgang '84, die mit zweitem Vornamen Shammas heißt (was wohltuend saarländisch klingt) und mit ihrem 3. Album auch bei meinem Bruder einschlägt - das ist schon eine außergewöhnliche Koinzidenz! Und dann auch noch vier Seiten Special Story im Rolling Stone... Vorsicht, Hype! Die Multiinstrumentalistin Julia Holter singt sich neugierigen Auges mit glasklarer Stimme in einer elektronischen Klangwelt durch die nächtlichen Straßen einer geheimnisvoll-vernebelten, manchmal bedrohlichen Stadt, ohne jemals LOUD zu werden.
Außergewöhnlich. Sprachlos machend. Vor dem geistigen Auge entsteht ein faszinierendes Universum, an dessen Firmament sporadisch Sternschnuppenmelodien aufglühen, die entfernt an Popmusik erinnern.
Killertrack: Horns Surrounding Me

Bruce Hornsby

Intersections 1985-2005 (4 CDs & DVD, 2006)
Ich höre auf dem Weg zur Arbeit zuweilen SR2 Kulturradio. Genauso fühlt es sich an, wenn man CD1 von "Intersections" auflegt: man wägt sich zunächst in einer Bach'schen Klavieretüde, aus der sich unversehens eine populäre Melodie herausmorpht - "The Way It Is", Hornsbys größter Hit, als achtminütige Solopiano-Performance ist dermaßen gänsehauterregend, daß ich um ein Haar die Abfahrt zum Büro verpasse. Was für eine wohlige Einstiegsdroge in dieses Monumentalwerk, eine Art Lifetime Achievement des sympathischen Südstaatlers, den ich 1991 als Pianist der GRATEFUL DEAD in Frankfurt live erleben durfte. Ganz nebenbei Erics Album of the Decade - nicht mehr und nicht weniger.


The Horrors

Primary Colours (2009)
Da hat mir mal wieder ein Lied eine gewaltige Gänsehaut über den Rücken gejagt, doch auf das 8-minütige "Sea within a Sea" muß man eine ganze CD lang warten. Es ist das phänomenal-phantasmagorische Abschlußstück einer ungemütlich-aufregenden Mucke, die die düsteren Wave-Zeiten der 80er wieder lebendig werden läßt. Gitarrist Joshua Third hat nur die eine Funktion, die Schmerzen seines hörbar an einer Art Schweinegrippe leidenden Röhrenverstärkers einigermaßen in Schach zu halten (was ihm nicht gelingt). Die Stimme des moppköpfigen Sängers Faris Badwan kämpft sich durch Nebelbänke aus Hall, und die Distanz zur Albumcoda scheint hin und wieder unüberwindbar lang, es sei denn, man steht auf gruftigen Shoegazer-Postpunk. Doch das Aufbleiben lohnt sich, wenn gegen Ende die Gitarrenschredder verebben, Bass und Drums losgaloppieren, die Synthie-Arpeggios in wonnigen Wellen über dich hinweg waven und Sonnenstrahlen die Nacht verjagen. "Sea within a Sea" - ein echter Über-Song! Ich wollts nur noch mal gesagt haben.

Sophie Hunger

The Danger of Light (2012, Artist of the Year 2013)
Frau Hunger ist das Neue Ding aus der Schweiz. Sie changiert zwischen Chanson und Indie-Pop mit großem Gespür für raffinierte Arrangements und pfiffige Instrumentierungen und singt dazu mehrsprachig in englisch, französisch, deutsch und schwyzerdytsch. Kleine Textprobe: "30 ist das neue 20, Reich ist das neue Schlau, Deutschland ist die neue Türkei, und Jetzt ist das neue Vorbei". Chapeau für die Frau der Stunde!

Hurts

Happiness (2010)
Es gab 2010 kein Entrinnen vor Wonderful Life, ein hochqualitativer Ohrwurm, der auf allen Sendern mit gnadenlosem Airplay Marina Diamandis' Hollywood den Rang des perfekten Popsongs 2010 abläuft. Doch bereits der überragende Opener Silver Lining setzt dem in Eleganz und harmonischer Raffinesse noch einen drauf. Klar passiert hier nichts wirklich Neues, doch selten hat man die 80er Jahre so eloquent ins neue Jahrzehnt übersetzt gehört wie hier: tolle Sounds, modern und Retro zugleich. Das Fischen im Bermudadreieck zwischen Human League, Aha und den späten Ultravox verdeutlicht: die zwei Jungs von Hurts sind hemmungslose Hitgrabscher, keine Frage. Mainstream rules ... aber scheiß drauf, wenn dabei so himmelstürmende Hymnen wie Stay herauskommen!

It Bites

The Tall Ships (2008)
Daß es nun wieder eine Band gibt, die sich IT BITES nennt - genau wie jenes legendäre britische Quartett, das vor knapp 18 Jahren eine absolut einzigartige, kompakte und hochmelodiöse Spielart des New Prog auf gerade mal drei Studioalben packte - mag zunächst an Leichenfledderei Marke QUEEN gemahnen. Doch muß man John Mitchell (v, g, b) und John Beck (key, b, v) zugute halten, dass sie in einem luxuriösen Dilemma stecken: sie sind nicht mehr KINO (Top 3 Platten des Jahres 2005 - es fehlen Trewavas & Maitland), noch können sie im Ernst IT BITES sein (es fehlen Dick Nolan und der einzigartige, mit nichts auf der Welt zu ersetzende Gitarren- und Gesangsstil Francis Dunnerys). Stattdessen machen sie aus der Not eine Tugend und sind beides zugleich. Eine Legitimation der dreisten Namensaneignung ist zum Scheitern verurteilt, doch geschieht dies auf dermaßen hohem Niveau, dass einem vor lauter großartiger Melodien schwindlig wird. Am ehesten noch klingen "Ghosts" und "Great Disasters" nach den guten alten Dunnery-Zeiten, ansonsten driften die "Tall Ships" in jene schwelgerischen Gewässer, die KINO vor 3 Jahren beispiellos und traumwandlerisch durchfuhren. Songs wie "The Wind That Shakes The Barley" hört man schon im Titel an, wie sie klingen: majestätisch-erhaben, wohl-strukturiert, seelenvoll, dynamisch, hochdramatisch und PS-stark. Ja, es wird einem fast zuviel des Wohlklanges - über die gesamte Distanz betrachtet sind die "Tall Ships" etwas spannungsarm und ermüdend. Was nicht darüber hinweg täuscht, dass wir es hier höchstwahrscheinlich mit einer der Platten des Jahres zu tun haben. Und mit "This is England" (13:34 min.) den großartigsten Prog-Song des Jahres geschenkt bekommen.

It Bites

A Map of the Past (2012)
Am Anfang hört man, wie jemand am Radio dreht, die Sender durchwandert und schließlich beim ersten Song landet. Wer das innovativ findet, liebt auch Schlagzeugsoli, hasst Veränderungen und lebt in einer musikalischen Welt vor unserer Zeit. Und wird sich am zweiten IT BITES-Opus der Nach-Dunnery-Ära begeistern können. Es sei gegönnt. Denn A Map of the Past ist perfekt produziert und gespielt, hochmelodischer Progrock der Alten Schule. Es sei aber auch betont, daß diese Innovationsfeindlichkeit nahezu erschreckend ist gegenüber Meilensteinen wie "Eat Me in St. Louis" oder "Once Around the World", Alben, die Ende der 80er progressive Elemente mit intelligenter pop-affiner Rockmusik zu etwas Neuem, Neo-Prog, zu verbinden trauten. Diese Traute ist mittlerweile völlig verloren gegangen, IT BITES trauen sich auf höchstem Niveau - nichts. Boredom rules. Gott-verdamm-mich, Flag und (zumindest die Bridge von) Clocks sind überwältigend und deuten an: sie können es noch, auch ohne Francis Dunnery. Das einzig störende ist der irreführende Name IT BITES...

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