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Joe Jackson

Rain (2008)
Es gab eine Zeit, da war es in meinem Freundeskreis absolut HIP, Joe Jackson zu hören. "Night & Day". "Body & Soul". Klassiker. Was war eigentlich so hip an einem so uncoolen Musiker? Jackson war und ist das Gegenteil von locker; sein manischer Hang zum Konzept wurde oft genug zum Korsett, auch wenn ihm immer wieder Genialisches gelang (selbst in den 90ern mit dem gleichsam manirierten wie göttlichen "Heaven and Hell"). Ein Intermezzo vor 3 Jahren mit der wiederbelebten Joe-Jackson-Band lies hoffen, und nun "Rain". Das neue Konzept/Korsett: Piano, Bass, Drums, no overdubs, null Schneckeredenzien. Zunächst wie gewohnt: alles klingt bedeutsam, wichtignehmerisch, ausrufezeichnend. Es braucht mindestens drei Durchläufe, bis es klick macht, bis ich den Gedanken ZULASSE: er kanns noch! Er kann immer noch GROSSE und großartige Melodien und treibende, swingende und schillernd-schöne Popsongs schreiben - und ist bei alledem immer noch nicht locker.

Michael Jackson

Thriller (1982)
Auf dem Cover räkelt sich ein Schwarzer mit Knubbelnase. Damals hatte er noch beides - schwarze Hautfarbe und eine Nase. Bei allen persönlichen Resentiments diesem armen Spinner gegenüber – THRILLER war eine Killerplatte, sie erfand quasi die 80er Jahre und beeinflusste mich subkutan mehr als die gesamte Punk-Welle. McCartney schmiss sich beherzt ins Duett, bevor der liebe Michael ihm die Rechte am Beatleskatalog wegräuberte. Steve Lukather und Eddie Van Halen spielen DIE Gitarrenriffs des Jahrzehnts. Vincent Price's markerschütterndes Lachen weckt Tote auf, wenn auch nicht alle. Jacksons Tod veranlasste mich, meine Vinyl-LP (mit Original-Klappcover) wieder aus dem Keller hervorzukramen, um festzustellen, daß Wanna be startin' something der vermutlich geilste Track ist, den er je gemacht hat. Unsterblich - und trotzdem tot.

Zola Jesus

Conatus (2011)
Conatus klingt wie Coitus und nicht nur so ähnlich. Bei Nika Roza Danilova alias ZOLA JESUS weiß man zunächst nicht, was abgefahrener ist: wahrer oder Künstlername. Wie kann man so jung, so zierlich und so verhuscht sein? Danilova liebt Horrorfilme, tanzt mit den Maschinen, singt wie ein Cyborg, der aus einer bockigen Stevie Nicks geclont wurde und ins Stangerbad geplumpst ist.
Ihr dritter Longplayer “Conatus“ klingt wie die Echos von Fledermausschreien, die durch dunkle Gewölbe schallen und plötzlich für menschliche Ohren hörbar gemacht werden, ungewohnt, zuweilen unangenehm, zumeist (Aufmerksamkeit) erregend. Sie kredenzt im Alleingang eine eisige Industrial-Atmosphäre mit epischen Synthesizerflächen und scheppernden Drum-Machines, ihr markerschütternder Gesang vermittelt glaubhaft, daß das Leben keinen Spaß macht. 2011 war nie MEHR Gothic als hier. (Platte des Jahres 2011, SPEX)

Killer Track: Vessel

Jethro Tull

Oder: welches ist eigentlich das zweitbeste TULL-Album aller Zeiten?
Das Tull-Konzert in der beschissenen Saarbrücker Garage war wirklich gut, und es war wirklich gut dafür, mal wieder die alten Vinyl-Platten auszukramen und dann gleich durch die neuesten digital remasterten Versionen zu ersetzen, allesamt angereichert mit z.T. großartigen Bonustracks (die man - ungeordnet - schon vom Box-Set "20 Years of J.T." her kannte) und wirklich launigen Liner-Notes von Ian Anderson himself. Unter Auslassung weiterer persönlicher Favoriten wie "Songs from the wood" oder "A" fällt mir zu den folgenden klassischen Tull-Alben ungefragt folgendes ein: Aqualung ('71) ist in etwa so muffig wie die Hustenlunge des lumpigen Protagonisten, signalisiert aber den überzeugenden Übergang vom Blues- zum ArtRock. Der wurde vollendet beim geschichtsträchtigen Konzeptalbum Thick As A Brick ('72), bei dem es erstaunlicherweise immer noch tolle Passagen neu zu entdecken gibt; ursprünglich nie und nimmer als One-Track-Album geplant, gbt es laut Bonus-Interview auch viele Kompositionsbeiträge von Bassist Jeffrey Hammond-Hammond und Keyboarder John Evan(s), was in den Credits natürlich nie ausreichend erwähnt wurde. Die Stormwatch-Tour 1979 war mein erstes (und schönstes) von insges. 4 Tull-Konzerterlebnissen, obwohl das Album - das letzte der glorreichen großen 70er-Jahre-Besetzung - eher durchwachsen war. Ist. Auch wenn Anderson hier sogar den Part des zunächst erkrankten und später verstorbenen Bassisten John Glascock übernimmt, wirkt die Platte nach wie vor etwas düster und inhomogen, hat aber mit dem Reigen "Dun Ringill/Flying Dutchman" 10 der schönsten Tull-Minuten of all times an Bord. The Broadsword And The Beast, mit dem Andersons 82er Tull-Inkarnation zum letzten Mal für eine Ewigkeit Saarbrücken beehrte, hat über die Jahre nichts von seiner Faszination verloren: ein zeitloses, kompaktes, in sich geschlossenes Rock-Album, das in Deutschland erfolgreichste und m.E. genialste, das Tull je gemacht haben (nur noch getoppt vom 73er Meisterwerk "A Passion Play"): mit Songs wie "Clasp" oder "Seal Driver", dezenter Elektronik, Mandolinen-Getriebe und so sparsamen Flötentönen wie nie zuvor haben Anderson & Co. die 80er fest im Griff. Der Griff lockert sich Mitte des Jahrzehnts, die Band fällt wieder auseinander, Anderson greift fortan selbst in die Tasten und schafft mit Crest Of A Knave 1987 das letzte wirklich großartige Tull-Album, das mehr als deutliche Anklänge an zeitgenössische Acts wie ZZ TOP oder DIRE STRAITS infiltriert. Ironischerweise erhielten Tull hierfür den Grammy for best Hard Rock/Metal-Album, ein Witz (ich hör heute noch Leo drüber lachen), ein Witz, der eigentlich gar keiner ist: die wieder mal exzellente Gitarrenarbeit von Martin Barre läßt auch aus heutiger Sicht die meisten Axemen alt aussehen.

Jethro Tull's Ian Anderson

Thick As A Brick 2 (2012)
Am schönsten sind ja die Überraschungen, mit denen kein Mensch (mehr) rechnet. Anderson hat seine Lachsfarm verlassen, im Gepäck seine ersten neuen Kompositionen seit... ja seit wann überhaupt!? Als ich zum ersten Mal die "2" hinter Thick as a brick las - und dann auch noch das bescheuerte "Jethro Tull's..." - wurde mir schwindlig vor lauter Kopfgeschüttel. So what!?!
Auch wenn Martin Barré nicht dabei ist, kann es trotzdem nach Tull klingen. Und WIE! So spielfreudig und beweglich, transparent und kristallklar, gewitzt und verschmitzt hat man eine Anderson-Truppe seit nahezu 2 Jahrzehnten nicht gehört! Von Leichenfledderei keine Spur, ganz im Gegenteil: die Idee, die Geschichte von TAAB nach 40 Jahren weiter zu erzählen, dürfte sogar durchaus verkaufsfördernd sein! "Was würde Gerald Bostock, der nun 50 Jahre alt wäre, heutzutage machen?" - die Geschichte beginnt, mich zu interessieren. Anderson daselbst ist erstaunlich gut bei Stimme, und auch wenn die Avantgardismen und unfassbaren Spinnereien des Originals von 1972 fehlen - man kommt sehr, sehr oft aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Entgegen dem originalen Konzeptalbum (1 Longtrack über 45 Min.) entpuppt sich die Fortsetzung als lockerer Songzyklus mit mind. zwei Höhepunkten: Adrift And Dumfounded und insbesondere A Change Of Horses (der einzige Longtrack, mit rockendem Akkordeon) erinnern musikalisch stark an die Crest of a Knave -Phase – was beileibe keine schlechte Referenz ist.

Karsh Kale

Broken English (Album des Jahres 2006)
Das deutlichste Signal für den Wandel meines Musikgeschmacks in den 00ern - der indischstämmige Soundtüftler Karsh Kale (sprich: körsch ka'leh) bietet ein faszinierendes Amalgam aus Bollywood, HipHop, Ambient, Electronica und Indie(n)-Rock, die er mit feinem Gespür für Programming und seinen Fertigkeiten an den Tablas veredelt. Es entsteht dadurch eine überaus sinnliche Weltmusik, die seine indischen Wurzeln nie verleugnet, ein "überwältigendes Plädoyer für global getönte Popkunst". (Amazon.de)
Karsh Kale erklärt den Titel seines dritten Albums wie folgt: “Each piece of music represents the sound that exists between the doorways of the worlds we travel through … and to communicate we speak in Broken English“

Karsh Kale & Anoushka Shankar

Breathing Under Water (2007)
Tatsächlich ist Frau Shankars Sitar das beherrschende Instrument auf einem Album, das es dem geneigten Hörer nicht leicht macht mit seinem Changieren zwischen den Welten, zwischen hinreißenden chartskompatiblen Melodien ("Sea Dreamer", Vocals Sting), regelrecht abhebenden Improvisationsorgien ("PD7"), Kunstkitsch ("Little Glass Folk") und zauberhaften Familienbeiträgen (Norah Jones, Ravi Shankar). Karsh Kalé sorgt allgegenwärtig für Beats, Bässe und Flächen und hat kompositorisch einen hörbaren Fifty-Fifty-Anteil. Das blöde Cover hätte nicht sein müssen, denn diese CD lohnt einer Beschäftigung. Auch wenn es manchmal etwas anstrengt.

King Crimson

Red (the New Mixes, by Robert Fripp & Steve Wilson, CD+DVD, 1974/2009)
The Good, the Bad and the Ugly - so nennt Mastermind Fripp spaßeshalber das berühmte Coverfoto. Damit hört der Spaß auch schon auf. Musik im roten Bereich. Nach sechs aufreibenden Tour-Jahren mit ebenso viel bahnbrechenden Studioalben und vielfätigen Besetzungswechseln beschließt Red das erste Kapitel der bemerkenswerten King Crimson-Geschichte. Zum Rumpftrio geschrumpft, fabrizieren Robert Fripp (g, key), John Wetton (b, v) und Bill Bruford (dr) 1974 ein an allen Ecken und Enden brennendes musikalisches Testament unter Mithilfe diverser Gastmusiker, allen voran Gründungsmitglied Ian MacDonald (Sax), womit sich der Kreis zum Debüt In The Court of the Crimson King genialisch schließt: die 12-minütige Coda Starless ist der grandioseste von allen Songs im Oeuvre des Königs und bietet - das ist mein voller Ernst - das großartigste, minimalistischste, nervenzerfetzendste Gitarrensolo der gesamten Musikgeschichte. Red ist und bleibt das härteste aller Crimson-Alben, eine unbehagliche Urgewalt, die trotz lyrischer Momente auch 36 Jahre nach Erscheinen noch das Fürchten lehren kann.

Kino

Picture (CD + DVD, 2005)
Das „Nebenprojekt“ der vier Musiker von PORCUPINE TREE, ARENA, MARILLION und den legendären IT BITES (Keyboarder John Beck) - die Band, die sich nicht „Cinema“ nennen durfte, weil der Name schon belegt war (Achtung: Legende!) - zu poppig für Heavy Metal, zu anspruchsvoll für die Charts, zu wohlklingend für neo-progressive Hardliner und zu schön, um wahr zu sein. Obwohl keiner der 4 der Sänger seiner Hauptband ist, sind die ausgefeilten Gesangsharmonien das große Plus von „Picture“. Überhaupt kommt es hier nicht - bei einer echten Progressive-Supergroup! - zum befürchteten solistischen Schaulaufen. Vielmehr ordnen sich alle vier mannschaftsdienlich unter, der Song steht immer im Vordergrund. Wenn der Spruch nicht so blöd wär, würd ich sagen: ganz großes KINO!


Kraftwerk

12345678 Der Katalog (2009, 8 CD Box-Set)
Elektronisches Viagra und haptischer Orgasmus, diese 8 CD-Box mit essentieller deutscher Popmusik. Oder möchte jemand anfechten, wer die wichtigste (und zugleich geheimnisvollste) deutsche Popgruppe aller Zeiten und darüber hinaus ist? Der Katalog vereint unter Auslassung des sperrigen Frühwerks alle Alben von Autobahn (1974) bis Tour de France (2003), und es ist für mich gleichsam Zeit- und Entdeckungsreise: es gibt jene Alben, aus denen ich tatsächlich j-e-d-e-n Ton kenne (Autobahn, Radioaktivität, Computerwelt) und solche, die sich mir erst jetzt erschliessen (Trans Europa Express, Mensch Maschine). Und wer der spinnert-entmenschten Kombo um Superhirn Ralf Hütter manische Technologieseligkeit vorwirft, der höre sich in Autobahn die Passage zwischen 08'00'' und 13'00'' an - eine der bedrohlichsten, hypnotischsten im gesamten KRAFTWERK-Oeuvre, oder die bemerkenswerte Textänderung in der Neufassung von Radioaktivität (auf The Mix, 1991) in der dem Titel ein robotisches "Stoppt" vorangestellt wurde. Das kommt für KRAFTWERKsche Verhältnisse einem Erdrutsch gleich.


Heinz-Rudolf Kunze

Räuberzivil (Live & unplugged, 2009)
Früher war Kunze relevant, heute ist er redundant. In seinem jüngsten fettreduzierten Unplugged-Programm ist er Lichtjahre entfernt von LiteraTouren wie "Sternzeichen Sündenbock" (91), seine Bissigkeit ist zahnlos geworden, auf Stammtischparolenniveau, vordergründig witzig und gewitzt, aber ohne Hintergründigkeit. Kurios: es gibt viel zuviel Musik in diesem Programm; "Regen in Berlin" geht nach wie vor durch Mark und Bein, stammt jedoch aus den frühen 80ern. Von den neuen Stücken überzeugt (restlos) nur "Blues für die Beste" - doch entblödet sich Kunze, weil er sich dafür entschuldigt, als Weißer einen Blues zu spielen. Ein geschei(ter)ter Rocker zwischen Arroganz und Kleinkariertheit.

Ladyhawke

Ladyhawke (2008/9)
Vorab: Wirf mir hier niemand LADYHAWKE mit LADYGAGA in einen Topf.
Alles, was uns in den 80ern davon abhielt, eine Kim Wilde-Platte zu kaufen oder Fans von Human League, Flock of Seagulls, Gary Numan, den Cars oder der klebrigen Phase von Fleetwood Mac zu werden, all das korrigiert LADYHAWKE zum Guten hin - und suhlt sich doch knietief und wonnevoll im Jahrzehnt des anerkannt schlechten Geschmacks. Ladyhawke? Pip Brown, Jahrgang 1981, stammt aus Down Under und ist - medizinisch betrachtet - Autistin. Die Frage, ob ihr Debüt - musikalisch betrachtet - so dermaßen gelungen ist trotz des Asperger-Syndroms oder gerade wegen, verblaßt neben der schieren Wucht und rockistischen Indie-Attitüde, mit der das Gör uns - mit beängstigend geringer Ausfallquote - fette Riffs aus Vintage-Synthies nur so um die Ohren haut und ganz nebenbei die 80er, den Tag und das Universum rettet.

Ray LaMontagne

Till the Sun Turns Black (2006)
Amerikanische Folkmusiker unterliegen der Waldschratverordnung und müssen der Glaubwürdigkeit halber Waldschratbärte tragen, so auch LaMontagne (kein Kanadier, nomen non est omen). Doch das Gesichtsgestrüpp allein genügt nicht, es bedarf schon ein wenig Genialität, einen solch überirdisch schönen Opener wie Be Here Now zu erschaffen! Die abwärts fallende Klaviermelodie, die verhuschten Streicher, diese in Töne gegossene Melancholie und Sehnsucht rührt mich jedesmal zu Tränen, ein Jahrhundertsong (danke nochmals an Bill & Rebecca von Radio Paradise, CA)! Ray singt mit heiserer Stimme, die flüsternd schreien kann, titelgerecht die traurigsten Folksongs mit den schluchzendsten Geigen des Universums, nur unterbrochem vom ohrwurmverdächtigen, dezent-jazzigen Gebläseblues You Can Bring Me Flowers , für das Joe Cocker seine Seele verkaufen würde, wenn er das nicht schon längst getan hätte.

Daniel Lanois

For the beauty of Wynona (1993)
Ein All-Time-Favorite, dieses zweite Album des kanadischen Produzenten (U2, Bob Dylan). Schleierhaft atmosphärische, verwaschene Sounds, selbst wenn er sich nur zur Gitarre begleitet. Beatrice, Marie Claire, Wynona – Songs für die Ewigkeit. Es ist eben doch die Ruhe, in der die Kraft liegt. Die Gelassenheit und hohe Musikalität, die der Top-Produzent hier wie scheinbar nebenan im Wohnzimmer zelebriert, ist Balsam für die geschundene Seele. Und dann dieses betörend-verstörende Cover (Jan Saudek „The Knife“) mit der zum Töten bereiten jungen Frau – eines der schönsten, ästhetischsten Cover der Musikgeschichte!

PeterLicht

Melancholie & Gesellschaft (2008)
Von Klavier und dezenten Streichern getragen beginnt (m)eine Reise ins Licht. PeterLicht, der Mann ohne Gesicht, hat sein SONNENDECK verlassen und schenkt uns ein dem Titel angemessenes herbstlich-melancholisches Album, verwandelt ein repetitives NEIN im ruhigen Opener “Räume räumen“ fast unmerklich in ein JA, um dann mit den fantastischen Losgehnummern “Alles was du siehst gehört Dir“ und “Marketing“ regelrecht abzuheben ("…bei den Zornbanken ein Depot anlegen, ein paar Schmerzen ausbezahlen lassen"). Wahre Ohrwürmer sind das, nicht zu vergessen das “Trennungslied“ (“…nur Silke und Sören haben nix zum entstören, sie werden sich trennen, bevor sie sich kennen“). Wem Kettcar oder Tomte zu verkopft sind, der wird hier eine Heimat finden. “Was anderes sehe ich nicht als in weiter Ferne lauter Licht…“. Eben. PeterLicht.

The Long Blondes

Couples (2008)
Disco im Blondie-Style, New Wave vermählt sich mit Powerpop, Giorgio-Moroder-Synthies wabern unverschämt dazwischen, die Sparks und Roxy Music spiegeln sich dutzendfach in der Discokugel - das ist zugleich glamourös und punkig, Retro und Modern, und über allem schwebt Kate Jacksons markantes Organ mit hohem Wiedererkennungswert. 3 Mädels, 2 Jungs, keine(r) blond, wohlige Widersprüche allenthalben. Mit "Century" und "Guilt" sind zwei kniescheibenzerschmetternde Hitmonster an Bord, beim düsteren "Round The Hairpin“ zeigt sich, daß es auch eine Welt abseits der Tanzfläche gibt.
Zum Jahresende lösten sich die LONG BLONDES leider auf, weil Gitarrist Dorian Cox im Sommer einen Schlaganfall erlitt. "Eine ehrbare solidarische Entscheidung, vor allem angesichts dessen, was Exmitglieder z.B. von QUEEN derzeit so veranstalten" (ME)

Lost in the Trees

A Church That Fits Our Needs (2012)
Eine CD, die sich kein Mensch wegen des Covers kauft.
Und damit natürlich einen bizarren Fehler macht. Gleich das Eröffnungsstück Neither here nor there - das ich zum ersten Mal auf Radio Paradise hörte - ist von so unbegreiflich verzückter Entrücktheit, daß ich zwischendurch denke: scheiße, so was Schönes hast du ja noch nie gehört! Fein ziselierte Perkussion treibt einen Traum von einem Popsong ins Märchenland, und auch die nachfolgenden streichervergoldeten Kopfgeburten (Golden Eyelids, Garden, Red...) wandeln zielsicher zwischen schwülem Filmsoundtrack, frei schwebender Popmusik im Geiste Brian Wilsons und üppiger Arrangierkunst à la GET WELL SOON (in ihren allerbesten Momenten). Der Titel untertreibt glatt: dies ist keine Kirche, sondern eine "Kathedrale des Pop" (SZ), und Oberprediger Ari Pricker hört an keiner Stelle auf, bemerkenswert zu klingen.
In memory of Karen Shelton... steht im Booklet. Prickers verstorbene Mutter. Sie ist die Dame auf dem Cover. Jetzt, da ihr es wißt, solltet ihr die CD erst recht kaufen.

In the wake of suicide, Lost in the Trees shade tragedy with triumph

Lucky Jim

Our Troubles End Tonight (2004)
Ihr kennt das: zunächst plätschert eine Platte nur vorbei - hier ein Brighton'sches Folk-Duo (Gordon Grahame und Ben Townsend an akustischer Gitarre, Schlagwerk und dem ganzen Rest). Obleich: die Art der Abmischung, die räumliche Verteilung von Bass und Schlagzeug befremdet. Dann diese prägnante Stimme, schlußendlich diese sehnsüchtigen Melodien, die mich unterbewußtlos an irgend etwas erinnern. Es kommen Streicher hinzu, höre ich gar ein Mellotron? Das Titelstück bleibt sofort hängen, eine Killermelodie wie im Abspann eines staubigen Westerns, und dann "Lesbia", das in einem nichtendenwollend-orgelnden Mahlstrom unfaßbarer Schönheit ersäuft... mein einziges Problem mit dieser Platte ist, daß ich sie nicht einzuordnen vermag! Sie schlägt eine Saite in meinem Hinterstübchen an, die ich (noch) nicht verorten kann. Ich überlege ...
... und überlege ...
... ihr kennt dieses Gefühl, wenn es irgendwann KLICK macht: plötzlich bin ich im Jahre 1969 und Scott Walker stiefelt vorbei, einen großen Schatten werfend, und flüstert mir ein "hör doch noch mal genauer hin" ins Ohr. Okay, alleine die Bürde einer solchen Referenz kann töten, aber einige Songs auf "Our Troubles..." werfen tatsächlich einen großen Schatten.

-> Platten.Kiste ... M N O