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Magda

From the Fallen Page (2010)
Diese... äh... Musik klingt wie der atemlose Marsch durch ein nebelgeflutetes nächtliches Gassenlabyrinth, in dem hinter jeder Ecke ein Untoter lauert. Urgemütlich also, was die aus Polen stammende Wahlberlinerin Magdalena Chojnacka (Jhg. '74) auf ihrem rein instrumentalen Debütalbum kredenzt: tatsächlich ist der Opener Get Down Goblin eine hörbare Reminiszenz an den ZOMBIE-Soundtrack zu Romeros berühmt-berüchtigten Abgesang auf die Konsumgesellschaft. Track Nr. 7 heißt "Doom Disco", und das ist exakt das, was wir hier hören: gespenstisch, rumorend, analogwarm, technoidkalt, tanzbar, schicksalsschwanger - eine düstere Version des Techno, der minimalistischer, skelettierter nicht sein könnte. Wenige werden einen Zugang zu Magda finden. Ich hatte ein ganzes Jahr Zeit (Platte des Monats, ME 01/2011)

Killer Track: Little bad habits

Marina & the Diamonds

The Family Jewels (2010)
Marina Lambrini Diamandis, Tochter eines Griechen und einer Waliserin, sieht zwar so aus, aber sie wurde nicht, sie hat sich selbst gecastet. Jahrelange beharrliche Arbeit formte sie nicht unbedingt zu Everybody's, aber immerhin zu des Rolling Stones' Darling, wo ihre außergewöhnliche Stimme, ihr Debüt und ihre Live-Performance hoch im Kurs stehen. Zumindest mit der Stimme haben sie recht: man hört Echos der 80er, Lene Lovich, Siouxsie Sioux, ein biegsames Organ mit hohem Wiedererkennungswert. "Hollywood" wurde trotz hinterkotzigen Textzeilen wie "Living in a movie scene, puking American dreams" ein Bandwurm von Ohrwurm! Das gilt leider nicht für alle Songs auf "The Family Jewels", aber für eine Handvoll musikalischer Wadenbeisser und Champagnerkorkenknaller ("Are you satisfied with an average life?", "Shampain", "Hermit the Frog") reicht es allemal. Nicht für die Ewigkeit, trotzdem - unterm Strich: Namen merken! "Oh my god, you look just like Shakira; No no, you’re Catherine Zeta... Actually, my name’s Marina!"

Marmaduke Duke

Duke Pandemonium (2009)
... ist das zweite Album des Nebenprojektes von Biffy Clyro-Röhre Simon Neil mit seinem Cousin JP Reid (von der Band Sucioperro) alias The Atmosphere and The Dragon, und es klingt tatsächlich so, als wären Biffy-Demos in eine Beatbox-Elektro-Funk-Suppe gefallen und darin aufgeweicht. Wenn man die allzu spinnerten Momente dieser Overkill-Disco abzieht, bleibt ein sehr unterhaltsames, zappliges halbstündiges Etwas mit lustigen Titeln wie „Je suis un funky homme“, „Erotic Robotic“ oder (hüstel) „Skin the motherfucker alive“.

Paul McCartney & Wings

London Town (1978, Remastered 1993)
Im März 1978 veröffentlicht, war dies die allererste Platte aus dem Beatles-Lager, die wir (= Eric & ich) uns nach Erscheinen gekauft haben. Aber nicht nur deshalb hatte sie für mich immer einen Sonderstatus: im Rahmen meiner McCartney/Wings-Komplettierung war ich erstaunt, festzustellen, wie wenig sich LONDON TOWN über die Jahre abgenutzt hat. Ich behaupte sogar, daß sie die einzige Macca-Scheibe aus den 70ern ist, die BAND ON THE RUN das Wasser reichen kann! VENUS AND MARS (1975) und BACK TO THE EGG (1979) mögen die stärkeren ROCK-Alben sein, doch wo diese im letzten Drittel stark nachlassen, zieht LONDON TOWN erst richtig an: "Name and Adress" ist lupenreinster Rock'n'Roll (Macca wollte es Elvis anbieten, der es jedoch vorzog, abzuleben), "Don't let it bring you down" ist gänsehauterregend-gespenstischer Atmo-Folk im 3/4-Takt und "Morse Moose and the Grey Goose" gar ein überlanger Hybrid aus Psychedelia und Seemanns-Shanti.
Dabei standen die Aufnahmen unter keinem guten Stern: nachdem Gitarrist Jimmy McCulloch und Drummer Joe English das Boot verlassen hatten (Teile der Sessions entstanden auf der Yacht "Fair Carol" vor den Virgin Islands), mußten die Wings die Aufnahmen als Trio beenden - nicht die einzige Parallele zu BAND ON THE RUN.
Ein weiteres Plus: Denny Laine ist - dieses eine Mal - fast auf Augenhöhe mit dem großen Meister - nicht weniger als 6 Songs (der CD-Version) hat er mitkomponiert, sein "Deliver your children" hat nahezu unwiderstehlich molliges Country-Flair und seine Beiträge zu "Don't let it bring..." und "Morse Moose..." sind substanziell.
McCartneys Kompositionen sind auf höchstem Niveau, sei es die unerhörte Geschmeidigkeit von "Girlfriend" (später von Michael Jackson gecovert) und dem Titelsong oder die gekonnte Schnoddrigkeit eines "Backwards Traveller" oder gar der "Famous Groupies" - nie verfällt er in mediokre Sämigkeit, erst recht nicht bei der obligatorischen Schnulze "I'm carrying". Einzig an "With a little luck" (damals ein No.1-Hit) mit seinen sumpfigen End-70er-Synthis hat der Zahn der Zeit genagt. Umso überraschter war ich, wie sehr man das unvermeidliche "Mull of Kintyre" (CD-Bonus-Track) nach nun fast 30 Jahren wieder genießen kann!

Paul McCartney

Chaos and Creation in the Backyard (2005)
Macca ist wohl der einzige Künstler seines Alters (Jahrg. ‘42), von dem alle Welt unablässig fordert, etwas „beweisen“ zu müssen! Warum mußte sein genialer Partner aus den 60ern auch nur so früh zum Musiker-Olymp verduften! Lennons Oeuvre an erstklassigen Soloplatten kann man an einer Hand abzählen, für McCartney müßte man schon die Füße zu Hilfe nehmen - und nicht, weil er dummerweise noch lebt, sondern weil es (für mich) außer Frage steht, welcher Beatle der innovativste, avantgardistischste, agilste, mutigste, musisch begabteste, nur leider am wenigsten lockere war. Auch „Chaos and Creation in the Backyard“ (welch genialer Titel!) wird weltweit zwiespältig aufgenommen, obwohl Paule hier endlich LOCKER und sich von seinen üppigen Melodien treiben läßt. Ein exquisites, souveränes, atmosphärisch dichtes (Achtung: Unwort!) Alterswerk, das mich nicht sofort gepackt, aber ganz plötzlich auch nicht wieder losgelassen hat. Ein Album aus einem Guß - sein bestes seit „Flowers in the Dirt“ (1989) - behutsam instrumentiert (Macca spielt fast alles im Alleingang), transparent produziert (Nigel Godrich). Ich höre Anklänge an die „Abbey Road“-Suite, die Balladen vom „Weißen Album“, „Band on the run“, „Revolver“, „Red Rose Speedway“... alles ist plötzlich wieder da und es fällt schwer, einzelne Stücke aus dem Kontext zu reißen. Da wäre z.B. „Jenny Wren“, eine so stilsichere Fortsetzung von „Blackbird“, daß die Vermutung naheliegt, wir werden dieses Kleinod dieser Tage noch öfter zu hören bekommen

Paul McCartney

Memory Almost Full (2007)
Die ganze Woche über begleitete mich ein blöder Pickel auf meiner Nasenspitze, an exponierter Stelle sozusagen. Mein Gejammer, wie schlimm ich mit Pickel aussähe, konterte meine Freundin mit der These, wie schlimm ich ohne Nase aussähe. Wie Michael Jackson, war meine prompte Antwort. Was das mit der neuen Scheibe von Sir Paul zu tun hat? Nun, Mr. Jackson wird sich alle naselang danach sehnen, mal wieder einen geschmeidigen Popsong wie "See your Sunshine" hinzukriegen, den sich Macca mal soeben im Vorbeigehen aus der Nase schneuzt. Kurzer Prozess: Macca ist auf "Memory" absolut präsent und bärenstark - mit 65 Lenzen! Es gibt keinen lebenden komponierenden Musiker, der ihm das Wasser reichen kann. Keinen. Die Vergleiche mit "Abbey Road" (das 4-teilige Medley) oder "Band on the run" ("Only Mama knows" ist der Enkel von "Jet") halten Stand. War "Chaos and creation in the backyard" ein melancholisches Meisterwerk, so zeigt Macca nunmehr kraftvoll sämtliche Facetten seines Könnens ... ein "Memory" eben ;-)
Gerade der Schluß ist furios: "House of wax" - ein Lehrstück in Melodramatik (und eines der 5 besten McCartney-Solostücke überhaupt), "The end of the end" - die ergreifende Klavierballade über (endlich!) die eigene Vergänglichkeit, und schließlich "Nod your head", die vielleicht größte Überraschung: ein kaum zweiminütiger stampfender Heavyrocker mit sägender Gitarre, wie der größte Teil der Platte im Alleingang eingespielt, der mich mit breitem Grinsen zurückläßt ... und der Ahnung, daß dies noch nicht das Ende einer long and winding road ist.

Paul McCartney alias The FIREMAN (2008)

Paul McCartney

Veggie-Paule hat was Neues (Foto & Rohkost: Toff)

New (2013)
Paul, der schon 1969 für tot erklärt wurde, ist nach wie vor quicklebendig. Auf seinem neuen - mit einem ziemlich bescheuerten Titel gesegneten - Album versuchen bekanntlich gleich vier Köche, den Brei zu verderben. Zur Frage der besten Songs gesellt sich rasch die gleichberechtigte solche nach dem Produzenten, der die beste Arbeit gemacht hat:
so kriegt zunächst Ethan Johns (Sohn des berühmten Glyn) keinen Stich, "seine" Songs (Early Days, Hosanna, Turned Out) sind die am ehesten verzichtbaren, seine Handschrift bringt keine positive Färbung. Die Arbeit von Paul Epworth evoziert ein eindeutiges JEIN: einerseits liefert er überproduzierte Queen-Opulenz (Save Us, Queenie Eye - nomen est omen), andererseits geriert er bei Road ein für McCartney-Songs nahezu nie gehörtes futuristisches Klangbild, chapeau! Mark 'Valerie' Ronson macht offenbar nie Fehler, Alligator und der Swinging Sixties-versprühende Titelsong sind schiere, unverwüstliche Brillanz. Den Vogel abschießen tut ironischerweise Giles Martin - Sohn der ehemaligen Beatles-Eminenz Sir George Martin am Regiepult - und das nicht nur quantitativ (die Hälfte der Songs gehen auf sein Konto). Seine soundtechnischen Duftmarken sind mutig, blumig, überraschend - mit Stimmverfremdungen, Störgeräuschen und elektronischen Beats lehnt er sich am weitesten aus dem Fenster, McCartney läßt ihn gewähren, und das ist gut so. Dadurch werden eh schon geniale Songs wie Appreciate, Everybody Out There oder Looking At Her zu wahren Perlen im Post-Beatles-Katalog. Ganz wunderbar übrigens auch Get Me Out Of Here, das wie ein Überbleibsel von Ram klingt und durch ein Wurmloch im RaumZeit-Gefüge in die Zukunft geschlüpft ist. Und da wäre noch der "Ghost Track" Scared - zerbrechlich, karg, Paul am Klavier, ohne Angabe eines Produzenten. Hier - und nur hier - ist er ganz bei sich selbst.

Joni Mitchell

Shine (2007)
Während 2007 das Comeback der Eagles allenthalben zelebriert wird, ist die größte lebende amerikanische Songwriterin auf leiseren Sohlen zurückgekehrt aus dem selbstgewählten Exil der Musikbusiness-Verweigerung. Für mich ist das die wesentlich größere Überraschung, und "Shine", ihr erstes Album mit neuem Material seit 1998, läßt kaum Wünsche offen. Okay, die ersten Lieder, insbesondere der instrumentale Opener, kommen ein wenig prätentiös daher, doch spätestens mit dem Einsatz von Brian Blades butterweichen Drums bin ich dieser Platte verfallen, die fast wie eine Antithese zu Dakota Suites Herbstmetaphorik daherkommt. "Shine" ist eine Dezemberplatte, die mich umhüllt wie eine wohlig wärmende Wolldecke, die Trost und Zuversicht spendet. Joni brilliert als Multiinstrumentalistin an Piano, el. und ak. Gitarren, scheut sich auch nicht, 80er-Jahre-Synthis einzusetzen, die den atmosphärischen Arrangements oft ein ambivalentes Flair geben, ist für Produktion und Art Direction verantwortlich und für alle Kompositionen sowieso. Faszinierend, wie sich ihre Stimme mit mittlerweile 64 Jahren gewandelt hat - ein reifes, brüchiges Timbre, dem man sich kaum entziehen kann. Mit dem 7 1/2-minütigen Titelstück liefert sie nachgerade einen der Übersongs des Jahres, unfaßbar, wie sie mich damit vom ersten Ton an in eine bessere, gütigere Welt entführt.

Moderat

Moderat (2009)
Ist ja nichts neues, daß Elektronische Musik bei mir geht. Streng genommen beginnt dieses Gehen bereits in den 70ern mit Klaus Schulze und Kraftwerk. In der Neuzeit tauchen DJ Hell, Fever Ray, Underworld, Hot Chip, Röyksopp, Karsh Kalé, Massive Attack, Archive oder De Phazz in meinen Jahreslisten auf. ROCK in seiner reinen Form findet kaum noch statt. Das schlagendste Argument pro Techno bietet das Projekt Moderat, eingezogen in mein Reich im Januar 2010:
Modeselektor + Apparat = Moderat.
Was wie ein verbaler Gag klingt, ist der Schulterschluss von 3 Berliner DJs mit internationalen Meriten im Electronica-Genre. Ihre bislang einzige Veröffentlichung unter dem Namen MODERAT klingt nur phasenweise wie ihr Name: die Loops und Soundscapes sind analog atmosphärisch, zuweilen bedrohlich, gerne experimentell und immer hypnothisch, und weichen meinen mentalen Zappelbunker übers Jahr wie einen Schwamm auf, der sich voll saugt mit dieser Intelligent Dance Music. Winterweckschüttelmucke. Highlights sind die Vokal-Tracks mit den Stimmen von Sascha Ring (aka Apparat) und SEEED. Deafinitely my cup of tea…


Modeselektor

Monkeytown (2011)
Modeselektor = Moderat minus Apparat
Unter dem Namen MODERAT mischten 2010 drei Berliner DJs meine CD-Spieler auf, nun gehen sie wieder getrennte Wege: Sascha Ring (aka Apparat) taucht dennoch als Gast auf dem neuen Elektronik-Puzzle von Gernot Bronsert und Sebastian Szary (aka Modeselektor) auf, bei dem schon die halluzinogene Covergestaltung (in blau-schwarz, wie Uli anmerkt) auf den Sog vorbereitet, in den mich dieser abenteuerlustige Mix aus Techno / Dubstep / Ambient / Rave hineinstrudelt. Mit den Hip-Hop-Elementen weiß ich nach wie vor nix anzufangen. Mit den Gastbeiträgen von Thom Yorke umso mehr: "Shipwreck" und "This" klingen, als hätten Bronsert und Szary bei RADIOHEAD angeheuert, superber elektronischer Krautrock zum wegbeamen, die fehlenden Perlen von "The King Of Limbs", überirdisch.

Killer Track: This

Mogwai

Hardcore will never die, but you will (2011)
Dieser Titel. Eigentlich nicht zu toppen, womöglich eine Anspielung auf Millions Now Living Will Never Die der Experimentalband TORTOISE, einem Meilenstein der Instrumentalmusik. Die Musiker von Mogwai werden sie zuhause im Plattenschrank stehen haben. Hardcore klingt weniger brutal wie namentlich vermuten läßt, wobei das eigentliche Sahnestück auf die Bonus-CD verbannt wurde: Music for a Forgotten Future (The Singing Mountain) wälzt sich über epische 23 Minuten, eine Klavieretüde, die sich Zeit für Töne und Pausen nimmt und schwer beeindruckt.
Ein Mogwai ( 魔怪 „böser Geist“ oder „Dämon“) ist ein Fabelwesen der chinesischen Mythologie und dem Menschen nicht wohlgesonnen. Diese wuchtige (Fast-)Instrumental-Musik balanciert auf der Grenzlinie zwischen Prog- und Postrock, und hier wird traditionell scharf geschossen. Wohl dem, der eine doktrinfreie Schutzweste trägt.

Janelle Monáe

The Archandroid (2010)
Rhythm&Soul is the new ProgRock! Die 25jährige Sängerin aus Kansas überholt Artverwandte wie Alicia Keys, Beyoncé oder gar Prince im ersten Gang auf dem Standstreifen; The Arch Android ist eine 70minütige Wundertüte, die an Abwechslungs- und Ideenreichtum, Dynamik und operettenhafter Dramaturgie kaum zu toppen ist: der mit Größenwahn kokettierende Songreigen beginnt mit einer Suite und endet im neunminütigen BabopbyeYa, das wie ein kompletter James Bond im Schnelldurchgang daherkommt. Apropos Film: mit Albumcover und -titel verrät sich Miss Monáe als Fritz Lang-Fan; in Metropolis erlebten wir die Schöpfung eines künstlichen Menschen, hier erleben wir die Schöpfung einer neuen Soulmusik.

Van Morrison

Astral Weeks - Live at the Hollywood Bowl (2009)
Neulich hatte ich mal Zeit und Muse, mich einem der bedeutendsten Werke der Rockgeschichte zu widmen: ASTRAL WEEKS - LIVE - 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung! Nun bin ich ja erklärtermaßen kein Fan von Van the Man, und was soll ich sagen: das wird auch so bleiben! Ich habe selten eine langweiligere Platte gehört als diese Neufassung (und das 68er Original ist - sorry! - nicht viel erträglicher). Ein klarer Fall von a) persönlichem Kunstbanausentum in Tateinheit mit b) hochgradig überschätztem Meilensteinstatus. Die epochale Synergie aus Folk, Jazz und Blue-Eyed-Soul geht mir - sorry - am Arsch vorbei, wenn diese Musik so spannungsarm vor sich hin dräut, an nahezu keiner Stelle mal so richtig losgeht ... und Morrisons gequälter Quetschgesang ist mir ein echtes Greuel - von seiner verstimmten Akustikgitarre ganz zu schweigen. War nicht sein schönstes Lied - Scandinavia (aus Beautiful Vision) - ein instrumentales Piano-Stück? Doch auf ASTRAL WEEKS ist sein Gesang allgegenwärtig - die Gralshüter der Musikhistorie werden ihn "beseelt" nennen; in "I Start Breaking Down" quengelt er "I gotta stop this thing ... I gotta stop this" - und ich denke mir: würdest du's nur tun ...

Mumford & Sons

Sigh No More (2009)
Marcus Mumford und seine drei Mitstreiter (selbstredend NICHT seine Söhne) klingen wie unter Strom stehende FLEET FOXES, die zu lange auf der Weide gegrast und sich in der Dunkelheit im elektrischen Zaun verheddert haben. Oder wie Dave Matthews als Folkie: Elektrisierend, aber keinesfalls elektrifiziert. Mumford und seine Nicht-Söhne spielen (fast) rein akustisch, mit Gitarre, Banjo, Dobro, Kontrabass, Akkordeon, Klavier und Basstrommel, und das mit dermaßen viel Bumms und ansteckender Freude, daß draußen im kalten Winter endlich, ENDLICH die Schneeschmelze eintritt...
Song Nr. 7 - Little Lion Man - wird zum mittleren Welthit, danach überrascht das bis dahin ungestüme Album mit leiseren Tönen.

Muse

Absolution (2003)
Man fragt sich ehrlich gesagt, wann dieses kraftstrotzende Trio vor lauter Power implodiert und einfach nur ein Häufchen Asche hinterläßt!
(Was ich im Jahre 2003 noch nicht ahnte: diese Formulierung werde ich im Laufe der Jahre immer wieder leicht variiert verwenden, wenn ein neues MUSE-Album erscheint - unbewußt, ohne je bei mir selber abgeschrieben zu haben - was mich im Nachhinein beim Zusammentragen meiner Rezensionen doch ein wenig schmunzeln läßt...)
Die orchestrale Vehemenz läßt stellenweise Queen hinter sich, Frontman Matthew Bellamy beschwört aus Synthies, Flügeln und Gitarren Klanggewitter herauf, seine Stimme schneidet Metall wie Butter. Kein Ton jeder nur denkbaren Tonleiter bleibt verschont. Am Ende bleibt der Wunsch nach Sauerstoff...!

Muse

Black Holes And Revelations (2006)
Ich erwarte den Moment, in dem das Pomp-Rock-Trio um Matt Bellamy vor lauter Bombast implodieren wird, um das im Titel angekündigte Schwarze Loch zu hinterlassen! Die Vergleiche mit QUEEN mehren sich - demzufolge ist Bellamy sozusagen Mercury & May in Personalunion. Was der Mann mit Vokalakrobatik, Gitarre und Keyboards absolviert, ist phänomenal und schien schon nach den Vorgängern Origin of Symmetry und Absolution nicht mehr zu toppen. Black Holes erweitert den MUSE'ischen Horizont um etliche Genre-Spieler- und Spinnereien: "Knights Of Cydonia" galoppiert halsbrecherisch in den blutroten Sonnenuntergang, und auch das todbringende "City of Delusion" riecht förmlich nach Größenwahn, doch wenn plötzlich und unerwartet die Mariachi-Trompete einsetzt, wird die Ahnung zur Gewissheit: diese Jungs sind definitiv verrückt. Furchtlos. Großartig. Trotzdem: es fällt mir zunehmend schwer, diese Power 50 Minuten am Stück zu "ertragen"… keine Ahnung, wo das noch enden wird...

Muse

The Resistance (Album des Jahres 2009)
"Irgendwann wird ein MUSE-Album erscheinen, das beim Abspielen in einer leuchtenden Kugel explodiert. Weil der Bombast von "The Resistance" mit musikalischen Mitteln kaum mehr steigerbar ist". Hat Torsten Gross bei mir abgeschrieben?? So beginnt jedenfalls seine beispiellose Kritik im Rolling Stone. Beispiellos deshalb, weil das Power-Trio mit seinem ungebremsten Elan, seiner schier grenzenlosen Chuzpe und furchtlosen Experimentierlust eine gern benutzte Zielscheibe für Meinungsführer abgibt, die tumb über den hohlen Pathos herziehen, der sich da vor ihren Ohren auftürmt. Und dabei ebenso gern übersehen, mit welcher Inbrunst, Emphase, leidenschaftlicher Glut und - last but not least - Selbstironie MUSE hier zu Werke gehen. Es ist bequemer, diesen Bombast zu verdammen, als ihn zu durchleuchten. Denn dann öffnet sich plötzlich ein Universum an musischer Vernarrtheit, ein Zitatenjahrmarkt, der mir zu einer lächelnden 55-minütigen Gesichtslähmung verhilft: "Uprising" ist ins neue Jahrzehnt gebeamter 70er Glamrock, ein stampfender Mitreissrocker, den man nicht in der Nähe von Friedhöfen spielen darf, weil er Tote erwecken kann! "Undisclosed Desires" wäre auf jedem Dancefloor, in jedem Radio der Welt ein Dauerbrenner - mit Ausnahme des üblichen teutonisch-beschissenen Formatradios.
Die "Exogenesis: Symphony Part 1-3" erhielte alleine schon vom Titel her von der Geschmackspolizei Stadionverbot auf Lebenszeit. Der Überflieger jedoch ist "I Belong To You (+ Mon Coeur S'Ouvre À Ta Voix") (sic!) - ein munterer Ragtime, in dem Mastermind Matt Bellamy zunächst verblüffend wie Ben Folds klingt, sich urplötzlich in Freddie Mercury verwandelt, um schließlich wieder zwischen Folds Klaviertasten zu rematerialisieren.
Abschließend sei noch angemerkt, daß "The Resistance" das ruhigste aller MUSE-Werke geworden ist und seltsamerweise die Fetzrocknummern auf halber Distanz die einzigen Durchhänger sind. Die qualitativ so hoch durchhängen, daß man mit dem Düsenjet drunter durchfliegen kann. Und da RS-Autor Torsten Gross (s.o.) meine Begeisterung teilt, überlasse ich ihm - auch wegen des Namedroppings - gerne das Schlußwort:
"Daß Matt Bellamy inzwischen grundsätzlich drei Songs braucht, um einen zu schreiben, wird erstmals bei "United States Of Eurasia (+ Collateral Damage)" deutlich, einem Ungetüm, das der Rockgruppe QUEEN vermutlich nicht nur wegen des spinnerten Titels zu bombastisch gewesen wäre (...) Man denkt ungefähr fünfmal, daß der Song aufhört, doch Bellamy fällt immer noch was ein - bei weitem nicht das einzige Stück Columbo-Rock auf dieser Platte (... ...) MUSE denken SPINAL TAP konsequent zu Ende. Und das trotz einer grundsätzlich ernsthaften Attitüde mit ebensoviel Humor wie etwa die bei Nerds aller Couleur beliebten RUSH - was nur nicht sofort auffällt, weil die Musiker von MUSE gut aussehen und sich zu kleiden wissen (...)
Kitsch, natürlich - aber was für ein herrlicher, rührender und herzergreifender Kitsch das ist!"


(Anmerkung: mit meiner Formatradioschelte lag ich ausnahmsweise daneben - "Undisclosed Desires" wurde tatsächlich zum bis dato größten Hit von MUSE)

Joanna Newsom

Ys (2006)
Die 24-jährige verhuschte Amerikanerin hat ein Opus über die versunkene bretonische Stadt Ys geschrieben, und ich vermag diese Musik nicht einzuordnen. Weird Folk? Bretonisches Americana? So etwas originäres bekommt man nur selten zu hören. Joanna spielt Harfe, singt elfenhaft und doch markerschütternd, die Orchestrierung stammt von Van Dyke Parks, der schon Brian Wilsons SMILE veredelt hat. Und doch ist die Dame stehts im Vordergrund. Fünf epische Lieder, die zusammen mehr als 55 Minuten dauern, und es gibt keine einzige Instrumentalpassage. Joanna hat viiiel zu erzählen, das kann ich euch sagen, und es lohnt sich, ihr aufmerksam zuzuhören. Vorausgesetzt, man läßt sich auf sie ein, und das wird nicht jeder schaffen.
In "Emily" erzählt sie uns von ihrer Schwester, die ihr den Unterschied erklärt zwischen "Meteorites, Meteoroids and Meteors…" - was wir ja schon immer wissen wollten. "Das Lebenswerte steckt eben im Unnützen" (Hanns Dieter Hüsch)

Joanna Newsom

Have One On Me (3 CD, 2010)
Die grassierende Praxis, CDs als Downloads aus dem Netz zu saugen, will mir nicht in den Kopf gehen, angesichts der wunderbaren Fotos, die die einzelnen CDs des neuen Werks der Amerikanerin Joanna Newsom zieren und in all ihrer unfassbaren Grazilität präsentieren. Upps - die Elfe ist plötzlich sexy!? Ein optisches, ein haptisches Vergnügen - man könnte fast meinen, sie lenke mit ihren Beinen von ihrer Stimme ab. Ein akustisches Vergnügen dürfte Joannas Drittling indes nicht für jedermanns Ohren sein, war bereits der sagenhafte Vorgänger YS (2006) eine grenzgängerische Erfahrung. "Have One On Me" (ein Trinkspruch) ist ein echtes Magnum Opus geworden: diese zwei Stunden graziler Musik erfordern viel Muse und Geduld; die Songs sind etwas kompakter geraten, die Arrangements luftiger, greifbarer, hin und wieder schimmern gar Strukturen durch, die nach Strophe und Refrain klingen, Gott bewahr. Zauberhaft ist das, wenn sie zwischen Harfe und Klavier ihre einzigartige Stimme ihre spinnerten Geschichten modellieren läßt: sie sirent, meckert, flüstert, fesselt und peitscht, und allen Unkenrufen zum Trotz: ja, es klingt manchmal verdammt nach der jungen Kate Bush. Und nein, diese Musik ist definitiv nicht sexy. Sie oszilliert zwischen den Polen faszinierend und enervierend - und ist dabei mit jedem Ton ziemlich einzigartig.

The Notwist

The Devil, You + Me (2008)
Verkopfter Alternative trifft auf elektronische Soundtüfteleien. Rock made in Weilheim, von der international wichtigsten deutschen Band, wenn man dem Kulturmagazin ASPEKTE glauben darf.
An Markus Achers Nicht-Gesang scheiden sich die Geister - diesem Meister der vokalen Ausdruckslosigkeit in Tateinheit mit gezielt teutonischer Oxford-Aussprache - aber gerade seine Stimme ist Ausdruck der Scheißegalhaltung von THE NOTWIST gegenüber den kommerziellen Mechanismen der Musikindustrie. Die Band trägt die Verneinung ja regelrecht im Namen. Dennoch, unter all den raffinierten Arrangements, Störgeräuschen, Ambient-Teppichen und Lautleise-Malereien verbergen sich zuhauf kristalline Popmelodien, die man sich aber durch geduldiges Hören erarbeiten muß. Aurikulare Sahnehäubchen sind die hörbar unaufdringlichen Einsätze des Andromeda Mega Express Orchestra aus Berlin. Die zwei Feinmechaniker Markus und Micha Acher und der Elektrotechniker "Console" Gretschmann haben nach dem international gefeierten NEON GOLDEN wieder ein unangetrengt-anstrengendes Gesamtkunstwerk vollbracht. Weilheim rules...!

Mike Oldfield

Tubular Bells [Deluxe Edition] (1973/2009)
Zarte 19 Lenze zählte das Wunderkind Mike, als es in "The Manor", Shipton-on-Cherwell, Oxfordshire, im Frühjahr 1973 sein "Opus One" vollendete, das beim neugegründeten Label VIRGIN unter dem klangvollen Namen "Tubular Bells" veröffentlicht wurde, bei dessen Entstehung er die Mehrspur-Aufnahmetechnik fast im Alleingang revolutionierte und den damaligen musikalischen Horizont der U-Musik sprunghaft erweiterte. Sollte tatsächlich jemand "Tubular Bells" nie gehört haben? Ich kenne niemanden. Und trotzdem höre ich auf dem 2009er Remaster plötzlich Dinge, die mir nie zuvor aufgefallen sind. Und wer dachte, alles sei bereits geschrieben worden über diesen originären, endemischen Meilenstein, der führe sich das pralle Booklet der herausragenden "Deluxe"-Serie in aller Ruhe zu Gemüte: die Entstehung von TB liest sich wie eine spannende Novelle!
Das schönste an diesem Meisterwerk: es lebt. Es hat Schwächen (Timing-Schwankungen; fragile Übergänge, bei denen der Flow fast zu versiegen droht). Und jeder von uns hat seine Lieblingspassagen. Meine ist die in Part 2 von 11:40 bis 16:20. Oldfield nannte sie den "Caveman"; auf meiner Vinylpressung klebte damals der Aufkleber "Musik aus dem Film DER EXORZIST", und irgendwie sah ich immer die besessene Linda Blair vor mir, die diese Passage "sang" (dabei stammte das Grunzen von Oldfield selbst). Haarsträubend! Und natürlich die Schrecksekunde, in der Viv Stanshall im berühmten Finale von Part 1 aus dem meditativen Mäandern heraus seine Stimme erhebt (20:17 beim Remaster, 19:47 beim 73er Original) und alle Instrumente ansagt. "...two slightly distorted guitars... spanish guitar and introducing acoustic guitar... plus... tubular bells!" - keine noch so anspruchsvolle Lyrik, kein Songtext war damals so trefflich erhebend wie diese Worte.

Mike Oldfield

Ommadawn [Deluxe Edition] (1975/2010)
Auf die Gretchenfrage, was denn nun Oldfields musikalische Bibel sei - "Tubular Bells" oder "Incantations" - darf man getrost antworten: "Ommadawn". Sein drittes Werk (erschienen 1975) bietet in kompakten 36 Minuten zahllose Highlights, die sowohl das famose Debüt zitieren als auch das ausufernde Magnum Opus "Incantations" vorwegnehmen (man vergleiche die African Drums-Passage mit dem neunminütigen Coda von "Incantations Part 2"), nur wirkt "Ommadawn" stringenter, energiegebündelter, folkloristischer, fokussierter und dennoch entspannter, ja erhabener als alle anderen Frühwerke des Wunderknaben. Alleine die 19 Minuten des 1. Teils vergehen wie im (Höhen-) Flug, und das Intro mit seinem tiefgründigen, ambient-mäßig rumorenden Basslauf und den scheinbar meilenweit darüber schwebenden Keyboard-Strings (das wiederkehrende Thema des Albums) klingt auch Jahrzehnte später noch wie der erste gleissende Sonnenstrahl am Anbruch eines verheissungsvollen Tages.

Mike Oldfield

Incantations [Deluxe Edition] (1978/2011)
Jeder hat ja sein Oldfield-Lieblings- und Hassalbum, man kann darüber trefflich streiten. Incantations stand bei mir schon immer unter Favoritenverdacht, trotz seiner Uferlosigkeit und unzweifelhaft vorhandenen Längen. Kein anderes Frühwerk des Wunderknaben klingt so konzertant-philharmonisch wie diese 72-minütigen Beschwörungen. Oldfield beschwört auf seinem vierten Album neben keltischen Geistern, Schamanen und afrikanischen Trommlerseelen auch ungeniert die repetitiven Elemente der Minimal Music (Steve Reich, Philipp Glass).
Das Original erstreckt sich über vier Plattenseiten mit starken charakterlichen Unterschieden: Part 1 (19:11 min.) ist der majestätischste, Part 2 (19:34) der erhaben-hypnotischste Ausdruck seines gesamten Schaffens (ich sage nur: die Hiawatha-Passage mit der atemberaubenden und atemlosen Maddy Prior). Danach läßt der junge Virtuose etwas nach - auf hohem Niveau: Part 3 (16:58) strapaziert mit nahezu überbordender Spielfreude, Part 4 (16:57) führt in raumgreifenden Reprisen und Variationen die Hauptthemen und musikalischen Handlungsstränge wieder zusammen - unter massivem Einsatz Rock'n'Roll-unverdächtiger Instrumente wie Vibraphon und Xylophon.
Damit nicht genug. Highlights der Extra-CD + DVD sind - neben einem Dutzend Demos, Kuriositäten (William Tell Overture), unveröffentlicher Outtakes, Konzertausschnitten und Promofilmen (hat jetzt jemand Pornofilme gelesen?) - eine sanft modernisierte Fassung der göttlichen Diana -Passage (aus Incantations Part 1, ab 08:56 - hier beschwört er mit einem Mädchenchor die gleichnamige Göttin der römischen Mythologie) sowie zwei Studiofassungen der berühmten Single Guilty, dem Wendepunkt in Oldfields Oeuvre:
Es war 1978, Mike hatte die Haare schön und ging in die Disco.


The Orb featuring David Gilmour

Metallic Spheres (2010)
Das Problem mit Metallic Spheres ist der phette Name auf dem Cover. Das Prädikat Gilmour wird viele Floydianer zappelig machen, sie werden Gilmourschen Schönklang erwarten, seine himmelwärts singende Gitarre, endlose Soli ... dabei sind THE ORB hier die Herren im Haus. Chill Out / Ambient der ersten Stunde. Atmosphäre ist Trumph. Gilmours Gitarre ist zwar allgegenwärtig, er ordnet sein Spiel jedoch mit sparsamen Arpeggios kongenial unter. Wer hätte dem alten Sack noch solche Flexibilität zugetraut? Böse Zungen werden sagen, Metallic Spheres klinge wie ein endloses Intro zum Remix eines The Wall-Songs, der einfach nicht zu Potte kommt. Gute Zungen sagen im Prinzip dasselbe. Dieses 48-minütige Intro lasse ich mir gerne gefallen.

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