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Pantha du Prince

Black Noise (2010)
Man nehme das faszinierende Gamelan-Segment aus KING CRIMSONs "The Power to Believe, Pt. II"... oder ein paar von EROCs ernsthaften Passagen... nein, lassen wir das. Der Berliner Hendrik Weber (aka DJ Pantha Du Prince) veranstaltet hier einen beeindruckenden Weltrekordversuch im Perkussivklöppeln, Glöckchenbimmeln, Gonggongen und Zerebralchillen, unterlegt mit minimalistischer Soundbatik, während ein Elefant im Perkussionsladen zwischen Techno und Naturmusik hin und her tänzelt, bis einem die Vokabeln ausgehen...
Nächster Versuch: Verfremdete Naturgeräusche und irrwitzig detaillierte elektronische Percussion, als wäre man im Innern einer Spieldosenfabrik, spielen die Hauptrolle, während Melodien über imaginäre Bergseen wabern... diese Musik ist ungehört, grandios, schlichtweg nicht von dieser Welt - vom offensiv kitschigen Cover einmal abgesehen.

Irene Papas

Odes (1979)
"Arrangé et produit par Vangelis" steht auf dem schönen Klappcover. Das macht neugierig: Insider werden wissen, daß Irene Papas (Jg. 1926), griechische Sängerin und Schauspielerin (Alexis Sorbas, "Z"), bereits 1972 auf dem Progressive-Rock-Meilenstein "666" von Aphrodite's Child eine hochgradig berüchtigte Allianz mit eben jenem Vangelis Papathanassiou eingegangen ist: das Stück " ∞ " [unendlich] sollte besser nur dann laut gespielt werden, wenn die Eltern nicht zuhause sind, handelt es sich doch um nichts anderes als die akustische Umsetzung eines Geschlechtsaktes mit dem Satan. Auf "Odes" geht es wesentlich andächtiger zu: Volksweisen, Meditationen und Choräle im archetypischen Vangelis'schen Elektronikgewand, zumeist karger als gewohnt/gefürchtet, so darf man dennoch "Odes" als reines Vangelis-Solowerk betrachten, das von der prägnanten Stimme Papas' bekrönt wird. Ein ungeborgener Schatz, ein Meisterwerk!

Pet Shop Boys

Yes (2009)
Heute morgen auf dem Weg ins Büro wollte ich SUPPER'S READY vom phänomenalen Genesis-Box-Set hören. Nun lud mein CD-Wechsler zunächst die neue PET SHOP BOYS, und bereits mitten im Hurrah-Opener Love etc. vergaß ich, was ich eigentlich hatte hören wollen (was für ein Beat, was für ein Hochgefühl...). Dann fiels mir wieder ein: Supper's Ready! Not yet - wenn wir gerade schon dabei sind, gleich noch ins zweite auf YES reinhören (gab es nicht mal eine Band gleichen Namens?) - All Over The World ... geiles Intro - bekanntes Thema, haben das nicht mal ELP als Zugabe auf Pictures At An Exhibition verwurstet? Und schon ist man mittendrin in diesem Wohlfühlsumpf mit gefickt eingeschädeltem Verschleppungsrhythmus... gleich weiter mit Song Nr. 3 - Beautiful People, dezenter Gitarrentwang und dann dieser Refrain, der dich trotz Frühlingssonne mit Gänsehaut spickt ... eine Woge des puren Entzückens... Ich komme im Büro an und bin gut gelaunt - wow! YES we can!!! Und heute nachmittag auf der Heimfahrt höre ich dann Supper's Ready.

Phoenix

Wolfgang Amadeus Phoenix (2009)
Die geballte Musik-/Kulturpresse (RS, ME, Spex, Galore) kann nicht irren. Oder vielleicht doch? Kaum eine Band wird zur Jahresmitte so gehypet wie diese Franzosen, und alleine das offensive Bomben-Cover des vierten Albums und der größenwahnsinnige Titel signalisieren: diese Band hat Verve. Hat sie auch! Die Songs sind schmissig, allesamt tanzbar – mit Ausnahme des völlig aus der Rolle fallenden Longtracks „Love like a sunset“ – zudem superb produziert, vielleicht sogar überproduziert, jedoch auch technoid, kalt. Mir fehlen ein wenig die warmherzigen Melodien, meine geliebten Chöre, ein lebendiger Drummer … trotzdem ein raffiniertes DancePop-Album - dank der O2-Werbung mit Verdacht auf Ewigkeitswirkung.

Pink Floyd

The Piper At The Gates Of Dawn (3 CD Boxset, 1967/2007)
Das vom Genie Syd Barretts getragene Debütalbum von Pink Floyd ist ein Meilenstein der Musikgeschichte; die Trennung der Architekturstudenten Waters, Mason und Wright von ihrem labilen Frontmann ein Jahr später einer der größten "Sündenfälle"; die Floyd'sche Musik wurde nach Barretts Ausscheiden "uninteressant" (Wikipedia).
Solche Sätze lese ich immer wieder kopfschüttelnd. Auch nach dem Genuß der opulenten Jubiläumsbox kann ich den Hype um Barrett nicht ganz nachvollziehen. Gewiß, Songs wie "The Gnome", "Chapter 24" oder "The Scarecrow" sind brillant-absonderliche Pop-Miniaturen, die jedoch von Pink Floyd niemals live gespielt wurden. Und so klingen sie denn auf dem Debüt auch kaum wie Songs einer kompakten Band, sondern eher wie der private Mikrokosmos Barretts, oft Kinderlied-artig arrangiert, faszinierend, verstörend und unerhört. Die Mini-Epen mit der nachhaltigsten Wirkung waren seit ehedem das 9-minütige "Interstellar Overdrive" sowie "Astronomy Domine", von dem ich bis heute nicht weiß, wie es ausgesprochen wird und von dem bekanntlich eine famose Live-Version auf "Ummagummma" existiert - kraftvoller und spaciger als alles, was Barrett in der kurzen Zeit seines erhellten Bewußtseins beisteuerte, bevor der "verrückte Diamant" dem Acid zum Opfer fiel und ersetzt wurde durch einen befreundeten Gitarristen, der ihm technisch um Lichtjahre voraus war. Dieses wunder- und schmuckvolle Box-Set bleibt dank Syd Barrett vor allem eins: ein Solitär im an Meisterwerken reichen Pink Floyd-Katalog.

Pink Floyd

Schweine über London - Tiere in meinem Kopf Ob als CD-Remaster (2011) oder rare Vinylpressung in schweinchenrosa - ANIMALS ist das tierischste aller Pink Floyd-Alben

Animals (1977)
ANIMALS ist komplett vom ersten bis zum letzten Ton in meinem Kopf entstanden, noch bevor ich das Album erstmals hörte.
Damals, 1977, in einer Lady-Gaga-losen, weitestgehend kommerzfreien Vinylwelt war die Zahl der Neuerscheinungen im Plattenladen noch überschaubar, genau wie mein Taschengeld, und eine neue Schallplatte riß ein nicht unbeträchtliches Loch in meinen juvenilen Staatshaushalt.
Mein erstes Pink Floyd-Album war erstaunlicherweise ATOM HEART MOTHER - das mit der Kuh - ein geschmackssicheres Geschenk unsrer Eltern und gerade richtig zur Horizonterweiterung, um UMMAGUMMA verdauen zu können. DARK SIDE O.T.M. und WISH YOU WERE HERE wurden bereits damals kultisch verehrt, und jetzt stand ANIMALS in den Regalen, während ringsum Punk erste Furchen riß. Damals begriff ich noch nicht, daß eine der Zielscheiben und Triebfedern des Punkrock ausgerechnet Bands wie Pink Floyd und Alben wie ANIMALS waren. Dafür (im wahrsten Sinne des Wortes) begriff ich die optische und haptische Wucht dieses phänomenalen Klappcovers, das eines der großartigsten der Musikgeschichte ist: die bedrohliche Kulisse der Battersea Power Station - die so rein gar nichts mit dem im LP-Titel verhießenen Naturmotiv zu tun hat - und darüber schwebend, fast unmerklich, erhaben, das berühmte fliegende Schwein. Vieldeutige Poesie, brutaler Realismus. Gäbe es einen Nobelpreis für Grafik, Storm Thorgerson und Hipgnosis hätten ihn mit diesem Werk verdient.
(Alleine das Cover-Shooting ist Legende: auf www.wikipedia.org/Animals erfährt man die unglaubliche Geschichte von teuren Scharfschützen, fliegenden Stoffschweinen und lahmgelegten Flughäfen).
So stand also damals der pubertierende Junge im Laden, das Cover des (noch unerschwinglichen) Albums in Händen, die blühende Phantasie auf Hochtouren gebracht durch die verstörenden Schwarzweiß-Fotos im Centerfold und die signifikanten Titel der gerade mal fünf Songs: Dogs, Pigs, Sheep – eingerahmt von zwei Pigs on the wing.
Mein Heimweg führte über viele Umwege, denn ich legte im Geiste die Platte auf, teilte die üblichen 40 LP-Minuten gerecht auf diese fünf Titel auf und erfand schlendernd in meinem Kopf vom ersten bis zum letzten Ton meine Version von ANIMALS. Natürlich stellte ich später überrascht fest, dass Dogs nicht acht, sondern siebzehn Minuten dauerte, Pigs on the wing hingegen nur eine einzige. Dahingegen kapierte ich schnell, daß es Roger Waters in den Lyrics nicht um Geschichten vom Bauernhof ging. Die sarkastische Einteilung der Menschheit in Hunde, Schweine und Schafe (in Anlehnung an Orwells Animal Farm) – war das nicht der pure Punk? Und natürlich klang ANIMALS ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist das härteste, rüdeste, trockenste aller Pink Floyd-Werke, angefeuert durch Waters gallige Texte und treibende Bässe, motorisiert durch Gilmours unvergleichlich brillantes Gitarrenspiel, und selbst Rick Wright (R.I.P.) an den Tasten hat in Dogs eine letzte ausufernde Floyd'sche Sternstunde. Der Schritt vom spacigen WISH YOU WERE HERE -Millionenseller zum geerdeten, muskulösen ANIMALS ist erstaunlich, aber erklärbar: Dogs und Sheep hatten Floyd bereits 1974 live erprobt. Diese Urversionen (Gotta be crazy und Raving and drooling*) waren bereits Rohdiamanten, die unter hohem Druck zum kompaktesten, phasenweise besten und letzten richtigen Band-Album veredelt wurden. Danach explodierte Waters Ego, und er fuhr das Projekt Pink Floyd … an die Wand.

(* jetzt auf der Bonus-CD des WYWH-Remasters in bestechender Tonqualität)

Poliça

Give You the Ghost (2012)
In meinem Traum irre ich des Nachts durch ein riesiges Umspannwerk, elektrisches Flirren und Surren liegt in der Luft, ferne Maschinengeräusche. Von den kahlen Wänden hallen die Kaskaden zweier Schlagzeuge, treiben mich von Raum zu Raum. Elektronische Klänge und pochende Bässe umhüllen mich wie einen Kokon, und darüber, darunter und drum herum echot die Stimme einer jungen Frau, verschwommener Sirenengesang, eine Phasenverschiebung im Rot-Grün-Bereich wie bei einer defekten 3D-Brille. Über dem Ausgang ein Schild: Stromgitarren müssen draußen bleiben. Der nackte Beton wirft die Echos zurück, die mich tief durchdringen. Ich wache auf, unausgeruht, versuche die Traumbilder krampfhaft festzuhalten und lege das Debüt der Band Poliça aus Minneapolis auf: elektrisches Flirren und Surren liegt in der Luft, ferne Maschinengeräusche...

Killertrack: I See My Mother

Politparade

Politparade (1996, Bear Family Records)
Der nachhaltigste Beitrag aus "THE IN-KRAUT Vol. 3 - Hip Shaking Grooves Made In Germany" war das absurd-bekiffte "High" von Karl Schiller - jene bizarre Collage aus frühsiebziger teutonischem Beat-Jazz in Tateinheit mit dem Politgeblubber des damaligen Bundeswirtschaftsministers, erdacht und produziert von Volker Kühn (Autor) und Roland Schneider (Komponist). Meine Internetrecherche nach MEHR von diesem brisanten Stoff trug Früchte: diese opulente 4 CD-Box (als deutsches Zeitzeugnis selbstredend aus Los Angeles versandt und mit Zollgebühren belegt) vereint das parlamentarische Politgeplärr der Originalalben "Wie die Alten singen - Die große Pop-Show unserer Star-Politiker" (1969), "Pol(H)itparade - Musik aus Studio Bonn" (1972, inkl. Karl Schillers "High"), "Pol(H)itparade 2 - Die Liedermacher aus Bonn" (1975), "Bonner Hitparade - Das Duell" (Strauß vs. Schmidt, 1980), "Bonn-Apart - Große Worte aus dem Bundestag" (1977), "Bonn Apart 2 - Noch mehr große Worte aus dem Bundestag" (1979) sowie - last but not least - "Heinrich Lübke ...redet für Deutschland. PARDON verteidigt den Bundespräsidenten" (1967) und somit nahezu das satirische Gesamtwerk von Kühn und Schneider.
Ein echtes Stück Zeitgeschichte ... und jede Menge gehirnerschütternder Spaß obendrein!

Porcupine Tree

Deadwing (2005)
Ich sag ja immer: das Eröffnungslied muß ein Hammer sein. „Deadwing“, der Titelsong, ist das Eröffnungslied, und es ist ein Hammer - umwerfend, fies, niederschmetternd, wie ein Thriller voller überraschender Wendungen inkl. einem nervenzerfetzenden Solo von King Crimson's Adrian Belew, ein fast 10-minütiger Spannungsbogen, der die hohen Erwartungen nach dem grandiosen Vorgänger „In Absentia“ tatsächlich erfüllt. Diese Qualität zu halten muß einfach scheitern. Es ist indes ein Scheitern auf sehr hohem Niveau - auch auf „Deadwing“ gibt es atmosphärischen Depri-Prog mit Metal- und Pop-Attitüden, wie ihn neben PORCUPINE TREE allenfalls die polnischen RIVERSIDE so formvollendet liefern, bedrohlicher, schwermütiger freilich als 2 Jahre zuvor. Die Klangepen von Steve Wilson, Richard Barbieri & Co. klingen phasenweise wie in Zeitlupe, Metall auf Acid, was vermuten läßt, daß sie genau so entstanden sind.

Portishead

Third (2008)
Meilenstein oder Mühlenstein...?
Als Geoff Barrow & Co. 1994 mit dem sog. Bristol Sound die Musikwelt veränderten, war ich noch nicht dazu bereit. Mittlerweile ist TripHop angeblich ja wieder total OUT, und daher erfinden sich Portishead 10 Jahre nach dem letzten Studioalbum komplett neu: P3 klingt an jeder Stelle wie etwas noch nie dagewesenes, spannend, verstörend, bezaubernd, aufregend, unfassbar, enervierend. Scott Walker meets Kraftwerk, Folk meets Krautrock. Die Single-Auskopplung „Machine Gun“ ist das radikalste, was es 2008 im Radio zu hören gibt, was alleine daran scheitert, weil es so radikal ist, dass es eh niemand auflegt. Mein staunendes Ohr hört auf P3 Sounds, von denen ich nur VERMUTEN kann, dass sie menschlichen Ursprungs sind. Es kostet Mühe, sich mit dieser spartanischen Musik, Adrian Utleys rudimentärem Gitarrenspiel und Beth Gibbons oft schmerzlicher Stimme auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich, denn in jedem Ton und jeder Pause steckt die Vorahnung eines werdenden Klassikers.

Queen & Paul Rodgers

The Cosmos Rocks (2008)
Queen waren die größte Rockband aller Zeiten.
Der Synergie-Effekt zwischen diesen vier Musikern / Komponisten ist in der Geschichte der Rockmusik absolut einzigartig. Doch längst hat sich John Deacon vom Musikbusiness zurückgezogen. Freddies Ausrede ist sogar noch besser. Daß Brian May und Roger Taylor nun wieder ein Album unter dem Moniker QUEEN veröffentlichen, zeigt buchstäblich, dass sie von allen guten Geistern verlassen sind.
Die letzte reguläre Studioaufnahme stammt aus dem Jahr 1997: “No One But You“ – nach Mercurys Tod als Trio eingespielt, war der genialisch-adäquate Schwanengesang. Ja es wäre sogar legitim gewesen, hätte die Band zu dritt weitergemacht – May und Taylor sind bekanntlich exzellente Sänger, und Deacon war stets der unverzichtbare musikalische Katalysator. Doch dazu fehlten wohl Mut und Antrieb. Jetzt sind sie wieder da - May und Taylor sind Rampensäue – und zusammen mit dem begnadeten Blues-Rock-Sänger Paul Rodgers nach wie vor Garanten für explosive Live-Konzerte. Doch warum ein neues Studioalbum? Und warum um alles in der Welt unter dem Namen “QUEEN +“ ? Was hat dieses Album mit Queen zu tun? Warum ist es z.Z. ausgesprochen populär, “The Cosmos Rocks“ in der Luft zu zerreissen? Und warum haben die meisten Kritiker recht? Fragen über Fragen! Z.B. diese: was haben tiefschürfende Phrasen wie "Rock’n’Roll never dies", "Sock it to me" oder der entsetzlich peinliche Urschrei nach 1:00 in "Surf’s Up..." auf einem Queen-Album verloren?
Wäre dies ein Projekt unter dem Namen Taylor-May-Rodgers – wir hätten es mit einem passablen, Old-School-Rockalbum zu tun. Doch idiotischerweise steht nun mal “QUEEN +“ auf dem einfallslosen Cover, und das verwehrt es mir von Grund auf, dieses durchwachsene Album unvoreingenommen hören zu können – dazu war ich zu lange mit dieser Band verheiratet. Immerhin kommt im hymnischen “We believe“ so etwas wie ein erstes echtes Hochgefühl auf – eine Art “Las Palabras de Amor, Part 2“ und ein hörbares Zeichen, dass es die Alten Meister noch nicht ganz verlernt haben. Und wenn gegen Ende in “Say it’s not true“ endlich die Stimmen von Roger und Brian solieren, sind wir für einen kurzen Moment wieder 30 Jahre jünger, Freddie und John sitzen entspannt und wohlwollend grinsend in der Ecke, und der Kosmos rockt völlig unvoreingenommen.
Für einen Moment. Mehr nicht.

The Raconteurs

Consolers Of The Lonely (Album des Jahres 2008)
Die vielleicht beste Rock'n'Roll-Scheibe des Jahres!
Wann habe ich das letzte Mal ein Album so oft hintereinander gehört!? Wir haben Jack White und seinen WHITE STRIPES den Stadion-Brüller schlechthin der EM 2008 zu verdanken ("Seven Nation Army"), und dafür kann er noch nicht mal was, weil der Songbastard bereits 6 Jahre alt ist. Daß er mit seinem Sideproject RACONTEURS noch drei Schippen drauflegt, hat mich dann doch überrascht! "Consolers", das 2. Album, entstand in Rekordzeit und wurde allen Marktstrategien zum Trotz ohne Vorwarnung über Nacht veröffentlicht - die Röhren der Verstärker waren praktisch noch warm! Jack White hat mit Brendan Benson einen gleichwertigen Partner sowie mit Jack Lawrence und Patrick Keeler von den GREENHORNS eine druckvolle Abschußrampe - es rockt und rozzt an allen Ecken und Enden, und die Piano-Balladen erst ... die Piano-Balladen!!! Benson und White reichern mit grandioser Spielfreude ihr Instrumentarium mit Hammond, Banjo, Mandoline und Mariachi-Trompeten an und fabrizieren 14 Songs, die an Abwechslungsreichtum, Power und Süffigkeit keine Wünsche offen lassen. Die beste Led-Zep-III seit Led Zeps III, und überhaupt: die beste Rock'n'Roll-Scheibe des Jahres - sagte ich „vielleicht“?

Radiohead

In Rainbows (2007)
Was wurde nicht alles über die Veröffentlichungs-Strategie zur neuen Radiohead geschrieben! Tolle Sache, den Plattenfirmen-Sackgesichtern ein Schnäppchen zu schlagen und das neue Album zunächst exklusiv via Homepage als Download zu verramschen. Aber Leute wie ich warten dann doch lieber auf die offizielle Veröffentlichung, weil mir ein Wiener Schnitzel eben lieber ist als ein Schnitzel Wiener Art (wenn ihr wißt, was ich meine) - oder will mir jemand weißmachen, eine komprimierte Datei Marke MP3 wäre klanglich dasselbe wie Musik von CD?
Ein schöner Nebeneffekt dieser VÖ-Strategie ist die Tatsache, daß auf dem Album auch noch Musik drauf ist. Und was für welche! Endlich wieder kann man Radiohead ohne Großhirnkatarrh genießen. Das Album fließt, es ist aus einem Guß, kerngesund, hochmodern, und es ist nahezu unmöglich, das Wort Groove nicht zu benutzen! Und doch gibt es kaum Sounds, die man so schon einmal gehört hat. Ich habe mir damals meine erste RH-Scheibe wegen "Paranoid Android" gekauft - in der Hoffnung, die anderen Songs würden genauso klingen. Das, was Radiohead so einzigartig (und über die Jahre auch so anstrengend) machte, ist dann ja auch die Tatsache, daß praktisch kein einziges anderes Lied so klingt wie "Android", ja kein einziges anderes klingt so wie irgendein anderes.
Der Song "Reckoner" wird von Thom Yorke nicht gesungen, sondern geweint. Geweint! Nur Radiohead kommen mit so etwas durch. Die Musik auf "In Rainbows" hat nicht das Ohr am Puls der Zeit. Die Zeit hat das Ohr am Puls dieser Musik.

Radiohead

The King of Limbs (2011)
Im Jodie Foster-Film "Die Fremde in dir" findet die Polizei am Tatort einen MP3-Player mit Musik von RADIOHEAD, was die Erstellung des Täterprofils erleichtert. Wir schmunzeln. Dann legen wir den "King of Limbs" auf. Zunächst die Ernüchterung: kein zweites "In Rainbows", keine Fortführung der Eingängig- und Leichtigkeit, sondern Rückkehr zu sperrigem Avantgardismus. Und dann, mit jedem weiteren Gehörgang des achten Radiohead-Longplayers (der mit 37 Min. in Wahrheit ein Shortplayer ist) öffnet sich dieser, wird fluffiger, ja nahezu schwerelos. Thom Yorkes Schwermut klang noch nie so leichtfüßig, die Experimentierflut selten so verspielt. "The King of Limbs" (was immer das auch bedeuten mag) wächst wie ein Unkraut, ein schleichendes Gift, und letzten Endes über sich hinaus.

Rah Band

The Definite Collection (2009)
Richard Hewsons erster Job war es, "Those Were The Days" von Mary Hopkins für das Beatles-Label Apple zu arrangieren, ein weltweiter No. 1 Hit. Ein echter Scheiß-Job also. 1977 projektierte er die RAH BAND, die fortan mit weichgezeichnetem synthetischem Jazz Funk verdientermaßen keine Furore machte. Aber es genügt ja, wenn man ein einziges Mal im Leben einen guten Song schreibt. Ich untertreibe: "Clouds Across The Moon" ist einer der schlichtweg bezauberndsten, kitschigsten und kuscheligsten Popsongs aller Zeiten und aller Galaxien, jene gänsehauterregende Geschichte von der liebenden Frau, die mit ihrem Darling telefoniert, von Haus und Kindern erzählt und versucht, die Tränen zu unterdrücken, bis der Operator eingreift, weil ein Sturm im Asteroidengürtel die Verbindung zur Marsstation, auf der ihr Liebster arbeitet, unterbricht. Ihre Schlussworte "I'll...I'll try again next year..." durchwehen seit 1985 wie eine Geisterscheinung den Äther und rematerialisieren alle Schaltjahre wieder vor den erstaunten Ohren der Formatradio-Hörer.

Riverside

Out of Myself (2003) / Voices in My Head (EP, 2005) / Second Life Syndrome (2005)
Der feinsinnigste, melancholischste, beste ProgRock der Nuller Jahre kommt aus Polen. Diese drei Frühwerke balancieren perfekt zwischen elegischen und metallischen Elementen mit traumhaften, hackettesquen Gitarrensoli an der Zahl, ein lekker Vorgeschmack auf das lang erwartete neue, sechste Album der Osteuropäer (Frühjahr 2013).

Riverside

Shrine of New Generation Slaves (2CD Deluxe Edition, 2013)
Bei all der unfassbar guten, frischen, neuen Musik, die es heutzutage gibt, scheint es obsolet, weiterhin Progressive Rock zu hören. Es sei denn, er komme aus Polen. Riverside sind zurück und schießen auf ihrem fünften Studioalbum sämtliche gängigen Art Rock-Anachronismen auf den Mond und wieder zurück. Abgesehen vom allzu reisserischen Titel präsentiert das Quartett einen gefühlvoll-melancholischen, kompakt-hypnotischen Songreigen, der alles Artverwandte in den Schatten stellt, mit Melodien und Spannungsbögen, die phasenweise regelrecht in die Stratosphäre abheben - um dann wieder sanft zu landen.
Insbesondere die beiden "Night Sessions" auf CD 2 - mit deutlichen Ambient-Anklängen und Sopransaxophon (!) - sind brillantes Understatement ohne solistische Wütereien, aber überbordend mit geschmackvollen Sounds, angeführt von Keyboarder Michal Lapaj und optisch/haptisch abgerundet durch das wundervolle CD-Artwork. Riverside sind State of the Art Rock, ein gepflegtes Erdbeben, und das Epizentrum liegt in Warschau.

Killertrack: Feel Like Falling

RPWL

World Through My Eyes (2005)
War im Februar 2005 Platte des Monats im eclipsed-Magazin. Angefangen haben die Bayern als reine PINK FLOYD-Coverband, doch RPWL sind viel mehr als bloße Epigonen der britischen Giganten. Vier sympathische Jungs, die sich gerne in die zweite Reihe stellen, wenn Gastsänger RAY WILSON die Bühne betritt ("Roses"). Bei RPWL schweben epische Gitarrensoli über aparten Keyboards, angereichert mit indischen Klängen und Ausflügen in Richtung Weltmusik. Mit „Wasted Land“ zeigen die Jungs, daß sie auch ein härteres Brett zu spielen verstehen.

Rush

Snakes & Arrows (2007)
Eine neue RUSH-CD ist wie ein Treffen mit guten alten Freunden! Ich liebe diese Band wie kaum eine zweite - fast ihr gesamtes Output der 80er Jahre gehört zu meinen All Time Favorites. Seit Mitte der 90er haben sie etwas den Faden verloren, was die Suche nach Killermelodien und tödlichen Harmonien betrifft. Auf dem nunmehr 18. Studioalbum hat das kanadische Trio erfreulicherweise den Faden wieder aufgenommen - vieles klingt nach ihren besten Taten, kompakt und doch vielschichtig, kraftvoll und doch melodisch - allein die volle Glückseligkeit mag sich nicht einstellen. Die Instrumentalfertigkeiten von RUSH hervorzuheben hieße Eulen nach Athen zu schmeissen, und doch ist es gerade die Gitarrenarbeit von Alex Lifeson, der akustische Landschaftsmalerei mit seinem Saitenarsenal betreibt, die so manches Loch in der Songdramaturgie zu überdecken weiß. Manchmal wünschte ich mir, die Jungs würden mal ein reines Instrumentalalbum aufnehmen ... nix gegen meinen Freund Geddy, doch seine vielstimmigen Gesangsintarsien sind zuweilen einfach zu ...äh... vielstimmig.

Rush

Beyond the Lighted Stage (DVD, 2010)
Revenge of the Nerds - die sympathische und nicht immer lineare Geschichte der "nettesten Band der Welt" (Rolling Stone) von den Beginnen in den späten 60ern bis heute, mit rarem Doku-Material: wir sitzen am Tisch der Einwandererfamilie Lifeson, als Filius Alex erklärt, keinen Bock mehr auf Schule zu haben und Musiker werden wolle. Wer zum Geier hat das gefilmt? Wir sitzen am Tisch, als sich Geddy, Alex und Neil nach jahrelanger Zwangspause (aufgrund einer Familientragödie) zu einem Candlelight-Dinner wiedertreffen und -finden. Denkmal wem Denkmal gebührt.

Rush

Clockwork Angels (2012)
Zu viel, zu lange, zu laut.
Dinosaurier, aus einer Zeit, in der die Uhren anders tickten. Vom Motto "weniger ist mehr" haben sie evolutionstechnisch nie gehört. RUSH machten ihr letztes rundum überzeugendes Album vor über 20 Jahren. Und nun werden wieder auf idiotisch langen und ebenso LAUTEN 66 Minuten tausende Gitarren, Streicher und Synthies zu einem hochenergetischen, aber undurchdringlichen Brei verkocht, daß man die Transparenz einer BAND OF SKULLS herbeisehnt... soweit der erste Eindruck.
Dennoch: ich liebe die Jungs! Meine drei kanadischen Freunde haben schließlich ein halbes Dutzend der besten Alben der 80er Jahre verbrochen und jeden zweiten Gehörgang verdient. Und da offenbaren sich manch großartige Würfe wie Caravan, Halo Effect oder der Titelsong. Das Album steckt voller ironischer Anspielungen auf die eigene Historie: die Uhr auf dem Cover steht auf 21:12, im stärksten Song Headlong Flight wird das 40 Jahre alte Anthem eingebaut. Auch Dinosaurier haben ein wenig Liebe verdient.

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