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Saga

Trust (2006)
Mit SAGA und RUSH bestand zu Beginn der 80er Jahre nicht der geringste Zweifel, woher die beste Rockmusik der Welt kommt: aus Kanada. Die ersten vier Alben 1978 - 1981 (Saga, Images at Twilight, Silent Knight und Worlds Apart) waren bewußtseinserweiternd: daß eine Band auch mit drei Keyboardern rocken konnte, war uns bis dato nicht bewußt. Doch nach Abschluss der 8 CHAPTERS- Science-Fiction-Story verlor das Quintett zunehmend an Orientierung, die Musik verlor an Wärme und Eleganz und geriet in Vergessenheit.
Knapp 20 Jahre habe ich SAGA bzw. deren sporadische Neuerscheinungen praktisch ignoriert. Ob das ein Fehler war, möchte ich bezweifeln - die neue CD TRUST (sowie ihr ebenbürtiger Vorgänger NETWORK, 2004) indes gemahnen an bessere Zeiten: die Band spielt so straight, apart, lustvoll und rockig wie nie zuvor - und tolle Songs können sie immer noch schreiben: dem leicht folkigen "On The Other Side" gelingt der Brückenschlag von den 80ern zur Moderne. Wirklich innovativ ist das zwar nicht, aber welche Band kann schon behaupten, daß man sie unter Tausenden heraushört und wiedererkennt!


Savoy Truffle

Zing! (2014)
Das sechste Album der Saarbrücker SAVOY TRUFFLE um Zippo Zimmermann heißt ZING!, es trägt ein Ausrufezeichen im Titel und es ist gut! Es groovt, es barmt, es reizt und es umarmt dich! Es wuchert mit ideenreichen Eigenkompositionen und verspielten Arrangements, die trotz der großen Besetzung mit Sax, Cello, Flöte, Akkordeon, Klarinette und Theremin reichlich Platz zum Atmen lassen, dessentwegen das Album, an dem die achtköpfige Band zweieinhalb Jahre lang in Eigenregie gebastelt hat, obgleich der immensen stilistischen Vielfalt wie aus einem Guß klingt. Zing! setzt viele Ausrufezeichen, vom drängenden Opener Dance Stranger Dance bis zum arabesk ausgekleideten Take The Burden Off My Shoulders, über den kratzenden Crossover von Ride On New Horses bis zur melancholisch-anmutigen Kästner-Vertonung Sachliche Romanze (mit der sich Zippo in eine Reihe stellt mit van Veen und Lindenberg, und JA - er kann singen!) und gipfelt in der unwiderstehlichen Adaption Poupée de Cire, Poupée de Son, bei der Serge Gainsbourg vor Freude im Grab tanzen wird. Das hat Chuzpe und soviel Hitpotenzial, daß es nie einer werden wird - schließlich machen Savoy Truffle "Unchartable Pop".


Georg Schramm

Thomas Bernhard hätte geschossen (2006)
Das 2006er Kabarett-Solo Georg Schramms, charismatischer Ex-Mitstreiter des ARD-Scheibenwischers und der ZDF-Anstalt, ist eine Tour de Force durch politische und gesellschaftliche Niederungen, sprachlich brillant, schonungslos und phasenweise so bitter, daß einem das Lachen am Klos im Halse stecken bleibt ("Soldatentod", "Sozialverträgliches Ableben", "Die Sau durchs Dorf treiben"). Doch im Gegensatz zu den allermeisten seiner Kollegen bietet sein Programm etwas ungeheuerliches: Lösungen!!! Nach dem Abgang meines Herzensfreundes Hanns Dieter Hüsch ein tröstliches Zeichen für das deutsche Kabarett.

William Shatner

Has been (2004)
DER Shatner - der mit dem Weltraum und den unendlichen Weiten! Arranged by BEN FOLDS steht unüberlesbar auf dem Cover - und das ist natürlich die halbe Miete. Aber tatsächlich nur die halbe - denn der 73-jährige Shatner beamt sich mit seiner Leistung am Mikrofon direkt subkutan unter die Haut mitten ins Herz! Grandios, wie er in seinen Texten und dem gewieften Vortrag zwischen Selbstironie, Spott und Tragik changiert. Ein Has-Been ist jemand, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Insofern ist der Albumtitel eine glatte Lüge. Gesungen wird auch, das aber übernehmen Ben Folds, Joe Jackson, Aimee Mann, Henry Rollins u.a. - ... Kirk-sei-Dank!

Sigur Rós

( ) (2003)
Stimmungsmusik - im tiefsten Sinne des Wortes! Eine durchsichtige CD-Hülle, ein Booklet aus Transparentpapier, auch die CD ohne Beschriftung, das ganze im durchsichtigen Schuber. Auch die Lieder (was für Lieder?) transluzent, nebulös, kaum greifbar, ja selbst die Lyrics: eine Kunstsprache (hopelandic). Ein stetiges Auf- und Abschwellen von warmherzigen Tönen und Harmonien im 8-Minuten-Takt. Die Jungs heißen Jónsi, Kjarri, Goggi und Orri und stammen aus Island, das uns schon mit einigen Geniestreichen verwöhnt hat. Jónsis Schwester heißt übrigens Sigurrós.

Sigur Rós

Med Sud I Eyrum Vid Spilum Endalaust (2008)
Nach dem beeindruckenden Luxemburger Gastspiel der vier Isländer drehte sich auch deren aktuelles Album ("Mit einem Summen im Ohr spielen wir endlos weiter") endlich endlos in meinem CD-Spieler. Die Fachpresse diagnostiziert bei diesem Werk eine Trendwende hin zum Pop. Toff diagnostiziert bei der Fachpresse gehobelten Unsinn.
Von den brachialen Openern “Gobbledigook“ und "Inní mér syngur vitleysingur" einmal abgesehen sind Sigur Rós immer noch die Alten, obwohl sie jung sind. Jung und sonderbar. Isländer halt. Die sphärischen Slow-Mo-Epen mit pastoralem Nachhall schwellen an, kulminieren hymnisch und verebben, zum Ende des Albums hin immer mehr, verschmelzen mit den einzigartigen, fast mystischen Bildern ihrer Heimatinsel, der so unbegreiflich eindrucksvoll und herzerwärmend in ihrem Konzertfilm HEIMA ein Denkmal gesetzt wurde. Ein Naturdenkmal.

Silly

Alles rot (2010)
SILLY - die beste Rockband der DDR, ihr Ende tragisch, die Rückkehr triumphal. Mit der Schauspielerin Anna Loos gelingt der unmögliche Spagat aus Reminiszenz und Vorwärtsgang. Unmöglich, weil die 1996 an Krebs gestorbene Tamara Danz - eine der ganz wenigen wahrhaftigen Ikonen deutscher Rockmusik - von keiner Frau der Welt zu ersetzen ist. Triumphal, weil die Überlebenden der Band trotzdem den Mut besaßen und nach 14 Jahren ein neues Album gemacht haben, das in seiner Liga z.Z. in Deutschland seinesgleichen sucht. Anna Loos (verheiratet mit einem gewissen Jan-Josef Liefers) überzeugt mit warmer, angerauchter Stimme, frei von Kapriolen, aber nicht ohne Kraft und Ausdruck, und macht nicht den Fehler, Tamara kopieren zu wollen. Sie macht eigentlich überhaupt keine Fehler, und das ist vielleicht das einzige, das man bekritteln möchte: es fehlt ein wenig die Reibung, mit der sich ihre Vorgängerin ohne Sicherheitsnetz in die lyrischen Schluchten des SILLY-Texters Werner Karma geworfen hatte. Anna hat keine Schürfwunden auf den Stimmbändern; eine großartige Sängerin ist sie allemal. Großartig auch die neuen Kompositionen von Gitarrist Uwe Hassbecker und Keyboarder Ritchie Barton - der ansteckend-melodische SILLY-Sound zwischen Chanson, Songwriterpop und fettem Rrrock (mit massiver Betonung auf fettem Rrrock) in Tateinheit mit einer druckvollen Produktion, poliert, modern, so daß SILLY manchmal wie RUSH klingen (no joke) und oft wie SILBERMOND mit Eiern... mit jeder Menge Eiern! Hier spielen keine Anfänger, hier wird nicht gekleckert. Ich bin entwaffnet - diese wuchtigen, melodramatischen Songs machen keine Gefangenen. Alles richtig gemacht. Alles rot. Alles gut.

Sinkane

Mars (2012)
Ahmed Abdullahi Gallab spielte bei Yeasayer, Caribou und Of Montreal und hat nun unter dem Namen SINKANE sein (Achtung: Deppenapostrop'h!) abgespace'tes Solo-Debüt nahezu im Alleingang eingespielt - hibbelig-jazzige Afro-Disco mit New Wave-Flair, ein abenteuerlicher Culture Clash. Sein musikalischer Planet Mars ist ein Hybrid, der aus der Musik seiner sudanesischen Vorfahren und seiner Wahlheimat New York gekreut wurde. So überraschend und unterhaltsam, daß sein Song "Jeeper Creeper" Dauergast auf der Playlist von Radio Paradise ist. Affiges Cover, Scherzkeks, sei ihm verziehen ;-)

-> Sinkane: 'Jeeper Creeper', Live On Soundcheck

Sound of Contact

Dimensionaut (2013)
Simon Collins, der Sohn des großen (kleinen) Phil, kann die vererbten Stimmbänder und perkussiven Gene des Vaters nicht verleugnen. Das Debüt seines Bandprojektes ist harmonieseliger songformatiger Spacerock, der zuweilen an KINO erinnert (jene legendäre wie kurzweilige Supergroup, aus der die Reinkarnation von IT BITES hervorging). Dimensionaut hat neben den genreüblichen Plattitüden auch einige sehr starke Momente, bei denen insbesondere Dave Kerzners geistreiches Tastengezwirbel beeindruckt. In der Kürze steckt bekanntlich die Würze, daher kann ich nicht umhin - wenn nach elf Songs und 54 anstrengend überladenen Minuten abschließend noch ein 20-Minuten-Stück folgt (Möbius Slip) - dem zügellosen Collins jr. aufs Trommelfell zu kotzen.

Sonic Season

Changes and Steadiness
Für das vierte Album haben SONIC SEASON das Motto „Changes and Steadiness“ ausgegeben. Kann man beides haben – Beständigkeit und Veränderung?
Eine gemeinsame Bahnreise wird Aufschluss geben. Das Coverfoto lädt dazu ein.
Das von Chris Simon (WPA Studios) gemasterte Album klingt druckvoll, dynamisch, transparent, kurz: äußerst professionell. Wer Ecken und Kanten, Störgeräusche und elektronische Mätzchen liebt, wird hier keine Heimat finden. Doch auch Fans der American Folk Rock-geprägten früheren SONIC SEASON-Alben werden „Changes and Steadiness“ als nicht wirklich überraschungsarm erleben. Es ist eine charaktervolle, abwechslungsreiche, gitarrenlastige Songkollektion, die unterschiedlichste Einflüsse stilvoll und stilsicher zu vereinen vermag.
Steigen wir ein…
Schon der enorm treibende Opener RUN TO YOU weist die Richtung: geradeaus. Ohne Umwege. Das Cover zeigt einen verwaisten Bahnsteig, an dem der Sonic-Express gar nicht erst anhält. Man muß auf den Zug aufspringen, sonst verpasst man TRUE TO MYSELF. Der Heizer legt noch ein paar Schippen drauf, der Lokführer straft alle blinden Passagiere Lügen, die Sonic Season immer noch für eine Balladenband halten. Laurent peitscht kompromisslos ein und Sonja versichert uns selbstbewusst, sich treu zu bleiben, no matter what happens. Changes and steadiness, eben.
Und dann kommt sie doch, die melancholische Killerballade: TWENTY YEAR REUNION. Der Zug schwebt schwerelos durch die Dämmerung, in der die Landschaft, die Gedanken und Erinnerungen verschmelzen, bis Alex mit einem unfassbar sphärischen Solo regelrecht abhebt und in eine hoch dramatische Bridge überleitet. Wer hier keine Gänsehaut bekommt, sollte einen Termin beim Hautarzt nehmen.
Die Nacht bricht herein, die Stimmung im Abteil wird ausgelassener, HOW TO GET OUT OF IT, die erste von vier Alex-Kompositionen, kommt als BossaNova getarnt, der Schaffner verteilt Cuba Libres und Caipis. Für die offenen Fragen des Songtextes über den üblen Kreislauf zwischen Arbeit und Leben (and how to get out of it) gibt die raffinierte Leichtigkeit der Musik die passende Antwort.
Manch Hörer wird den Übergang zu SCHOOLGIRL versäumen, das zunächst wie Part 2 von How to get… anmutet, ein kluger Schachzug in Sachen Tracklisting. Und wer hinter dem historisch belasteten Songtitel ein Rock’n’Roll-Klischee vermutet, tappt in die Falle: Das Schoolgirl vermengt akustischen Riffblues mit Unisono-Gesang zu einer eigenartig faszinierenden Melange, die sich erst im Refrain öffnet und von Stefans unaufgeregtem Hammond-Solo veredelt wird.
In RUN AWAY nimmt der Zug wieder schnellere Fahrt auf, die Weichen stehen auf Rock, angetrieben durch Bernds und Laurents dynamisches Zusammenspiel, flankiert von Alex’ bratzenden Brettern, und Sonja beweist, dass sie auch beißen und kratzen kann.
Nie klangen Sonic Season heavier. Die härtere Gangart steht ihnen gut zu Gesicht, sie wirkt nicht gewollt, sondern passt wie eine zweite Haut. Die sie auch bei WOKE UP nicht abstreifen. Der Zug passiert nun mitten in der Nacht eine Großstadt, das Lichtermeer flirrt am Fenster vorbei. Reize im Überfluss, ähnlich wie in diesem mitreißenden Rocksong mit fetten Riffs, starkem Intro und einer überraschenden Schlussdramaturgie.
Der Sonic Express fährt in die Morgenröte, ein neuer Tag bricht an, Silberstreifen erstrahlen am Horizont, wenn TELL ME WHY erklingt, das mit Kaskaden volltönender Akustikgitarren, mächtiger Verve und hymnischen Melodien am ehesten den AOR-Geist älterer Sonic Season-Aufnahmen herauf beschwört, während die Lyrics Ereignisse schildern, die von heute auf morgen ein Leben verändern können. Changes and steadiness, auch hier. Und über allem strahlt Sonjas glockenklare Stimme, beherrscht ohne hörbare Anstrengung die viel zu kurzen dreieinhalb Minuten. Was für eine begnadete Sängerin und Songwriterin die Frontfrau ist, beweist sie ein weiteres Mal in LIFE, dem Magnum Opus des neuen Albums, jenem majestätischen Walzer (von ursprünglich über acht Minuten Länge), der das schwierigste aller Themen - das Leben selbst - mit hoffnungsfroher Leichtigkeit serviert. Der Schaffner geht noch einmal durchs Abteil und verarbeitet die Fahrkarten zu Konfetti, während das Quintett den 6/8-Takt verabschiedet und im ausufernden Instrumental-Finale zur Electric Marching Band mutiert.
Das wäre der runde Abschluss einer Zugfahrt, doch der Sonic Express fährt gar nicht erst in den Bahnhof ein, sondern immer weiter, dem Horizont entgegen. Am Ende des Films steht „Fortsetzung folgt“, zum Abspann läuft WHAT YOU CHOOSE, ein fluffig-poppiger Ohrwurm (des ehemaligen Keyboarders Patrick Barth), das Zugpersonal läuft noch einmal winkend durchs Bild, während die End Titles ablaufen.
Doch so ganz wollen sie uns noch nicht ziehen lassen: zu Stefans dezenter Pianobegleitung entlässt uns Sonja mit einem ergreifenden BEAUTIFUL GOODBYE.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Spliff

Live At Rockpalast (DVD, 2012)
- Rockpalast, Elspe (20.05.1983) / Rockpop in Concert, Dortmund (19.12.1981) -
Spliff waren die technisch innovativste, vielseitigste, beste deutsche Rockband der 80er Jahre. Hervorgegangen aus den drollig-zappaesken LOK KREUZBERG (noch ohne Keyboarder Heil), machten sie sich mit den beiden brillanten Alben als NINA HAGEN BAND sowie der bissigen Rock-Revue THE SPLIFF RADIO SHOW (1981 live in Saarbrücken genossen!) bereits unsterblich, noch bevor zum ersten Mal der Rote Hugo tot im Seil seine Carbonara gabelte.
Die vorliegende DVD ist mit Sicherheit nicht das bestmögliche LIVE-Dokument des Quartetts, aber bedauerlicherweise das Einzige. Eine echte Rarität, was im Zuge der löblichen Rockpalast-Edition da ausgegraben wurde: SPLIFF 1983 auf der HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH-Tour, aufgezeichnet in Elspe, wo sich das Quartett um den kürzlich verstorbenen Manne Praeker (b, v, g, synth) permanent im Kampf mit den Tücken der Technik befindet. Reinhold Heil schießt giftige Pfeile gegen die Bühnentechnik ab, weil seine Maschinen ihm den Dienst verweigern, während man Bernd Potschka mehrmals überlaut im Mix Gitarre stimmen hört. Herrlich arrogant Herwig Mitteregger, einer der wenigen singenden Schlagzeuger der Nation, der gleich mehrere Drumsets bedienen und verprügeln darf. Trotz aller Pannen ist es ein Genuß, dieser bahnbrechenden Band beizuwohnen. Sie waren soundtechnisch ihrer Zeit um Jahre voraus, was die ein oder andere verständnisarme Publikumsreaktion erklären dürfte.
Abgerundet wird die DVD durch ein halbstündiges Konzert bei Rockpop in Concert 1981, kurz nach Erscheinen des Chartbreakers 85555 und anmoderiert durch einen knackig-kompetenten (!) Thomas Gottschalk.
1985 hatte ich Karten für die SCHWARZ AUF WEISS-Tour und freute mich auf ein Wiedersehen in Saarbrücken. Das Konzert wurde kurzfristig abgesagt, Spliff lösten sich in ein Rauchwölkchen auf, die deutsche Musiklandschaft wurde ein Stückchen öder. Daher ist diese DVD ein Déjá Vu, das mir große Freude bereitet hat. Die lediglich getrübt wird durch die haarsträubend fehlerhaften Linernotes.


Sport

Aufstieg und Fall der Gruppe "Sport" (2006)
Ich mag Soloplatten von Gitarristen (aber auch -Innen), schon mal gemerkt? Und die Hamburger GRUPPE SPORT ist die Zweitband des KANTE-Gitarristen Felix Müller, also quasi ein Solo-Projekt. Im Vergleich zu den eher verkopften Nord/Ost-Lichtern BLUMFELD, KANTE oder von mir aus auch ERDMÖBEL geht es bei SPORT etwas "lockerer" zu, oder sagen wir besser: "bauchmäßiger"! Denn - natürlich ist "Aufstieg und Fall..." eine Art Konzeptalbum - trotz tiefgründiger Textlandschaften ist das Fundament fetter ROCK, manchmal brachial, manchmal psychedelisch, oft überraschend, meist melodisch und IMMER unterhaltsam! So sind die Hooklines von "Die Hände" oder "Laß die Sirenen singen" und die Beatles-Referenzen von "Ein Ende" nahezu unwiderstehlich, und beim 7-minütigen Brocken "Der Weg hinab" (ich sagte ja: Konzeptalbum!) gelingt die Illusion der Wiederauferstehung von SOUNDGARDEN.

Sport

Aus der Asche, aus dem Staub (2012)
Die Gruppe SPORT ist die vielleicht beste deutschsprachige Rockband, was dummerweise kaum jemand weiß. Die Texte von KANTE-Gitarrist Felix Müller sind gerade eben verkopft genug, um nicht intellektueller Kunstkacke verdächtigt zu werden: "Und ob das Eis uns trägt wissen wir erst wenn wir es wagen drauf zu gehen" (Dünnes Eis) packt den ganzen Sinn des Lebens in einen einzigen simplen Satz. Dann verzeiht man auch Titel wie Sattelt die Hühner, wir reiten nach El Paso ;-)
Das Trio ist zum Quartett mutiert, was dem ohnehin schon deftigen Eintopf zusätzliche Schärfe verleiht und um geschmackliche Nuancen bereichert. Dünnes Eis, ein Duett mit Masha Qrella, ist das beste Beispiel: diese verquere Eingängigkeit, der forsche Einsatz benachbarter Dur- und Mollakkorde, die überraschend gesetzte, gnadenlos fesselnde Instrumental-Bridge vorm finalen Refrain - besser geht deutsche Rockmusik einfach nicht.

Squackett (Chris Squire & Steve Hackett)

Steve Hackett (1981, live in Mannheim - Foto: Dieter Scheerer)

A Life Within A Day (2012)
Fossile Brennstoffe. Helden, nein, Götzen meiner Jugend! Damals hing je ein Foto von Yes-Bassist Squire und Ex-Genesis-Gitarrist Hackett (fotografiert von meinem alten Freund Dieter S.) in stiller Eintracht über meinem Altar hätt ich jetzt fast geschrieben, über meinem juvenilen Schreibtisch. Daß die beiden sich nun - jenseits der 60 - für ein gemeinsames Album zusammentun, impliziert ein gerüttelt Maß Ironie, derer sie mittlerweile auch fähig sind. Hat man den arg progressiven Opener (das Titelstück) einigermaßen unverwundet überstanden, öffnet sich plötzlich ein Kosmos wunderbar eingängiger Songkonstrukte, ein harmonischer Schwarm, der gar nicht mehr abschwärmen will. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wie songdienlich hier geschuftet wird, ohne daß es wie Schufterei wirkt!
Der eine mag eher den Einfluß Hacketts heraushören, der andere eher zu Squire tendieren; die Wahrheit - und das ist das Schöne an diesem Werk - liegt exakt dazwischen, eine milchschaumgekrönte Melange beider Stile und musikalischer Backgrounds, irgendwo im Spannungsfeld zwischen Tigermoth und City of Love angesiedelt. Diese Melange geht sogar so weit, daß beider Gesang phasenweise nur schwerlich oder schlichtweg gar nicht auseinander zu dividieren ist. Chris Squire ist der versiertere Sänger - ich habe seine Stimme immer geliebt, er zelebriert bei YES seit 40 Jahren formvollendet die völlig unterschätzte Kunst des Harmoniegesangs - aber die Freude wird vielerorts getrübt durch überflüssiges Autotuning, Harmonizing und maßloses Auftürmen von Stimmgebirgen, wie es auf der Prog-Schiene leider Usus ist. Auch hier wäre weniger mal wieder viel mehr gewesen (und ich sehne mich schon wieder nach dem unverfälschten Duettgesang der Band of Skulls)...
Entschädigt wird man dafür mit Hacketts superben, stilvollen Gitarrenspiel und Squires raumgreifenden Rickenbacker. Killertracks: Das Titelstück, Tall Ships und The Summer Backwards (bei dem ein Hauch A Trick of the Tail durchs Zimmer weht)

Sufjan Stevens

The Age of Adz (2010)
Der Sonderling aus Detroit, Michigan hat mit Come on Feel the Illinoise! eines der zehn schönsten und einflussreichsten Alben der Nuller Jahre erschaffen, einen musikalischen Zauberwald, in dem hinter jedem zweiten Busch eine Tinker Bell hockt und entrückt in die Flora pieselt. Viele Kritiker sind der Meinung, Stevens hätte nun seinen Zauberwald abgeholzt - mit einer Armada aus Synthesizern, Drum Computern, Sequenzern und Harmonizern. Amen ich sage euch: er hat seinen Zauberwald in ein Raumschiff gepackt (Lauthals im Weltraum) und ein neues Sounduniversum erschlossen, das diese Welt noch nicht gehört hat. Die radikale Neuerschaffung Radioheads zur Jahrtausendwende kommt mir da in den Sinn, so unerhört ist diese Musik. Dabei sind alle liebgewonnenen, oft kopierten und nie erreichten Sufjan-Zutaten noch da, der chordurchtränkte, glöckchendurchperlte, banjodurchplinkerte Klangkosmos hat sich elektronisch gekrümmt und erweitert. So eine Musik habe ich in 35 Jahren Rockkonsum noch nicht vernommen! THE AGE OF ADZ ist das ’KID A’ des neuen Jahrzehnts.

Sting

The Last Ship (2013)
Sting hat ein Musical geschrieben. Das klingt zunächst mal abschreckend. Jeder Star muß fürderhin irgendwann mal ein Musical schreiben. Dabei wäre hier das schöne Wort "Singspiel" - ganz im Kurt Weill'schen Sinne - viel mehr angebracht: Mr. Sumner, der eitle Geck, gockelt sich mit weit nach vorne gemischter Stimme durch einen instrumental fein ziselierten Songreigen über (seine) Kindheit in der Zeit des großen Werftesterbens, als die letzten Stahlriesen zu Wasser gelassen wurden. Das sind melancholische Shantis mit folkloristischem Einschlag, die nahezu nichts mit seiner Vergangenheit bei der Polizei zu tun haben; lediglich bei And Yet nimmt das Album etwas Fahrt auf. Die wahre Größe dieser Kammermusik erschließt sich zuletzt dem Ungeduldigen.

St. Vincent

Actor (2009)
Annie, süße Annie, du bist ein Omelette Surprise, außen verführerisch fluffig, und an der Füllung beißt man sich die Zähne aus. Hinter St. Vincent verbirgt sich die 27-jährige Texanerin Annie Clark. Und die hat folgenden Trick: ihr gelingt es immer rechtzeitig, ihre betörenden Märchen-Melodien zu zersägen. Oder geradlinige Songs anzuschrägen. Verorten würde ich sie irgendwo zwischen Judy Garland, Björk und Karen Carpenter. Aus den Träumen, die sie mit Engelsstimme, Geigen und Holzbläsern spinnt, wird man gerne auch wieder unsanft herausgerissen. Gewöhnungsbedürftig. Außergewöhnlich. Annie im Wunderland. Deine Songminiaturen sind von bizarrer, verschwenderischer Schönheit, hinter der stets das kleine Teufelchen lauert. Denn was vordergründig nach traumhafter Popmusik klingt, ist tatsächlich Avantgarde im Schafspelz. Und das ist zuweilen etwas anstrengend.

Supertramp

Supertramp (1970)
Das unbetitelte Debüt eines völlig unbekannten britischen Quartetts, die enorm erfolglose Keimzelle einer späteren Ihr-wißt-schon, die sich beim ersten öffentlichen Auftritt noch "Daddy" nannte und deren Gitarrist Richard Palmer das Buch The Autobiography of a Super-Tramp des walisischen Dichters William Henry Davies in die Hände bekam und einen neuen Bandnamen vorschlug. Erstaunlicherweise handelt es sich um ebenjenen Richard Palmer-James, der in frühen Siebzigern zu drei King Crimson-Alben die Texte beisteuerte - Larks' Tongues in Aspic, Starless and Bible Black und Red!
Das Supertramp-Debutalbum erstaunt in vielerlei Hinsicht: Roger Hodgson am Bass ist der alleinige Leadsänger, neben Rick Davies (nicht verwandt/ verschwägert mit o.g. walisischem Dichter) ist mit Richard Palmer ist ein weiterer Komponist an Bord- was es später nie wieder geben sollte (mit der einen Ausnahme Rosie had everything planned vom ebenso erfolglosen zweiten Album Indelibly Stamped). Die Songs Nothing to Show und Surely klingen zukunftsweisend und könnte man sich auch auf Crisis? What Crisis? vorstellen, und mit dem dreizehnminütigen Try Again ist eine frühe ProgRock-Perle am Start. A shape of things to come...

Rezensionen zu den Supertramp-Klassikern -> 1974-1985 - die grossen Studioalben

Sweet

Off The Record (Remastered/extented, 1977/2005)
...oder: süsser Lockruf der Pubertät. Eine nostalgische Anwandlung, die meinen verstaubten Geist auf eine höchst interessante Zeitreise in die eigene Vergangenheit schickt: nach meiner frühmusikalischen Schutzimpfung durch sämtliche BEATLES-Alben war es zunächst OFF THE RECORD, das letzte kohärente Rockalbum der britischen Hitlieferanten SWEET, das mich 1977 bis ins Mark prägte (bis ich zum ersten Mal We Are The Champions im Radio hörte). Als ich nun das – reichlich um interessante Bonustracks erweiterte - Album nach über einem Vierteljahrhundert wiederhöre, stelle ich erstaunt fest, wie gut es die Zeiten überdauert hat (von Mastermind Andy Scotts brackigen Gitarrensounds mal abgesehen) und um wie viel (zu)packender und homogener es z.B. gegenüber dem ehrgeizigen und leicht überschätzten Nachfolger LEVELHEADED doch klingt! Midnight To Daylight und Hard Times sind unverwüstliche wahre Dampframmen (und überzeugen vor allem durch rauere Alternativ-Versionen im CD-Bonusteil) und das Riff des mit 7 ½ Min. schwer ambitionierten Windy City braucht sich hinter den klassischsten Dreschphrasen von DEEP PURPLE oder BLACK SABBATH nicht zu verstecken. Der HAMMER jedoch – und eine Wiederentdeckung allemal wert – ist die finale Discogranate Funk It Up, in dem Scott mit schneidenden Gitarren und quietschigen Synths LED ZEPs The Crunge hemmungslos zitiert und Another One Bites The Dust um schlappe 2 1/2 Jahre vorweg nimmt … ohne dass es damals jemanden interessiert hätte.

The Syn

Syndestructible (2005)
Zurück zu himmlischen Gefilden - willkommen in der "Cathedral of Love" und dem schönsten ProgRock-Album des Jahres 2005. Aus THE SYN sind 1968 YES hervorgegangen, kein wirklicher Grund also für Chris Squire und Sänger Steve Nardelli, ihre Schülerband nach 37 Jahren zu reanimieren. Daß THE SYN tatsächlich phasenweise nach dem klassischen "Yes Album" (1970) klingen und gleichsam ein gewisses …nun ja… Westcoast-Feeling aufkommt, ist so verblüffend wie unerwartet und liegt nicht zuletzt an Nardellis leicht angerauter Stimme, die den latent lauernden Bombast angenehm konterkariert. Auf diesen Satrz bin ich ähnlich stolz wie auf dieses kraftvolle und zugleich spielerisch luftige Album, das seinen nicht allzu komplexen Songs Zeit zum Entfalten läßt.
Kleiner Fingerzeig für die YES-Insider unter euch: wenn Squire im Chor von "Cathedral of Love" Hold Out Your Hand intoniert, ist das zugleich augenzwinkernd, altersweise … und gänsehauterregend.

Thin Lizzy

Black Rose [Deluxe Edition] (1979, rem. 2011)
Bad Reputation [Expanded Edition] (1977, rem. 2011)
Live and Dangerous einmal ausgeklammert, galt BLACK ROSE immer als das Magnum Opus der irischen Rockband um den 1986 verstorbenen Phil Lynott, denn es hat einiges zu bieten: die 7-minütige Jahrhundert-Hymne Roisin Dubh (Black Rose): A Rock Legend, die Rückbesinnung auf irische Wurzeln, den Hit Waiting For An Alibi und natürlich Gary Moore; dabei ist der Vorgänger schlichtweg besser: BAD REPUTATION hat die durchweg tougheren Songs, großartige Balladen, den smartesten aller Lizzy-Hits Dancing in the Moonlight und natürlich John Helliwell am Saxofon (dafür spielt Scott Gorham auf dem ersten SUPERTRAMP-Album ohne Roger Hodgson - Brother Where You Bound - die Gitarre). Und hier genügen 3 Minuten, um der Nachwelt zu zeigen, wo der Hammer hängt: der beispiellose Titelsong Bad Reputation packt auf engsten Raum ALLES, was großartige Rockmusik ausmacht - Downeys treibende Percussion, Lynotts pulsierender Bass, Gorhams messerscharfe Soli, ein rhythmisch saumäßig vertrackter Refrain - hier galoppiert die dünne Lizzy der Konkurrenz meilenweit davon.

Martina Topley Bird

Quixotic (2003)
Frau Vogel wird oft auch die „Stimme des Trip Hop“ genannt, da sie in den 90ern drei TRICKY-Alben damit veredelt hat (und im aktuellen Line-Up von MASSIVE ATTACK vertreten ist, siehe Konzert.kiste), aber das wisst ihr ja alles schon und es interessiert euch auch nicht wirklich, ihr Banausen. Dabei überzeugt ihr Debüt „Quixotic“ doch schon vom Titel her - es gibt sowohl beschleunigte wie narkotisierte Tracks in oft exotischen, sinnlichen, immer aber transluzenten Arrangements, es gibt Licht und bedrohliche Dunkelheit, es gibt Blues, Soul, Lullabies, jedoch gehimmelt (im Gegensatz zu geerdet) mit jenem Quentchen TRIP, der das Ganze zu einem solchen macht. James-Bond-Komponist David Arnold würde sich vermutlich ins Knie schießen für ein Orchesterarrangement wie in "Soulfood" (laut Amazon „die vielleicht kraft- und eindrucksvollste Soulballade aller Zeiten“) – wenn es nicht selbst von ihm stammen würde. Und mit dieser Stimme klingt Martina wie eine schlafwandelnde Göttin.

Pete Townshend

Empty Glass (1980, Remastered + Expanded 2006)
1978 proklamierte Townshend auf WHO ARE YOU "Music must change". Das tat sie: die Jahre '78-'82 sind die spannendsten, an die ich mich in meinem Musikhörer-Leben erinnern kann, und ich hatte das Glück, sie in vollem Bewustsein mitzuerleben! Alles war möglich, Berge wurden abgetragen, Kontinente verschoben sich, das musikalische Koordinatensystem änderte sich in diesen wenigen Jahren mehr als ein komplettes Jahrzehnt davor - von der Zeit danach ganz zu schweigen. Und es erschienen massenhaft Platten, die ich noch heute zu meinen Schätzen zähle! Dazu gehören nicht die letzten Studioalben der WHO (FACE DANCES, 1981 + IT'S HARD, 1982), aber sehr wohl die beiden Soloalben des WHO-Mastermind Pete Townshend, EMPTY GLASS (1980) und CHINESE EYES (1982).
Es erweckt fast den Eindruck, die Rübennase Townshend hätte die "besseren Songs" für seine Solopfade aufgespart. Es gibt aber durchaus einige WHO-Versionen von Songs (Bonustracks auf WHO ARE YOU + FACE DANCES), die später dann auf Petes Soloplatten landeten. Unbestritten bleibt jedoch: EMPTY GLASS ist ein Fels von einem Album! Hier stehen Townshends Power und Poesie in voller Blüte, die Songs sind ohne Ausnahme Highlights seines Schaffens, und er ist so großartig bei Stimme, daß er den Roger Daltrey dieser Zeit gänzlich in den Schatten stellt. Allein was er in die zweieinhalb Minuten von "Jools and Jim" hineinpackt, haut mich schier aus den Socken! "Rough Boys" und "Empty Glass" strotzen vor Saft und Kraft, "I am an Animal" widerspricht seinem Titel durch pure Zärtlichkeit, das Klavier von "And I moved" perlt wie Champagner durchs Rückenmark, und wenn man glaubt, alles ist gesagt und getan, kommt mit "Gonna get ya" noch ein 6-minütiger Abschlußbrocken, der die Power der Rockmusik nahezu live einfängt. Als Sahnehäubchen gibt es auf dieser Remaster-Version sogar eine rohe 10-Minutenversion dieses Monstersongs.
Eigentlich ist ALL THE BEST COWBOYS HAVE CHINESE EYES (1982) dasselbe in Grün, nur etwas geschliffener und prätentiöser. Alleine für einen Titel wie "The Sea refuses no River" würden sich Millionen Komponisten ins Knie schießen. Bessere Musik jedenfalls hat Pete Townshend nie wieder gemacht.

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