Sie sind hier: PLATTEN.KISTE U V W

Ufo

Flying - One Hour Space Rock (1971/ rem. 2008)
UFO benannten sich 1969 nach dem kultigsten Underground-Club ihrer Heimatstadt London, nachdem sie es zuerst als HOCUS POCUS versucht hatten. Aber wem erzähl ich das. Das Quartett löste sich von den Fesseln seines Hard-Boogie-infizierten Debütalbums und machte 1971 ein EINZIGES Album, das den Bandnamen - und das Prädikat SPACE ROCK - nicht nur verdient, sondern buchstäblich im Untertitel wie einen Bauchladen vor sich her trägt. Und tatsächlich wälzt sich auf "Flying" die Nadel fast auf die Sekunde genau eine Stunde lang durchs Vinyl (bei lediglich 5 Songs) - zu jener güldenen Zeit, als man im Studio noch ungestraft 26-Minuten-Songs einspielen durfte, Schallplatten jedoch im Schnitt nur 40 Minuten dauerten. Auch beim Wiederhören nach einem Vierteljahrhundert springt mich die spartanische Direktheit dieses Albums an, Mick Boltons ökonomische, aber allgegenwärtige Gitarre, während der mediokre Phil Mogg quasi stundenlang auf seine seltenen und seltsam verhallten Gesangseinsätze wartet. "Prince Kajuku" ist der "Hit" des Albums (Hans-Dieter, weißt du noch, bei Lautstärke "11" in deinem Cabrio?), und mit "Galactic Love" gibt es eine kurios-verhuschte Single von '72 als Bonus. Das kongenial zur Musik passende futuristisch-gruselige (und herrlich billige) Cover von Günter Blum sollte nicht die einzige Verbindung der Band zu einem deutschen Künstler bleiben. Nach „Flying“ verabschiedeten sich UFO von diesem floydesken Space-Blues und ihrer Namensberechtigung. Dann kam Michael Schenker von den Scorpions, und mit ihm der Stadion-Rock.

Ultravox

Vienna (Remastered, 1980/2009)
Nach 3 Alben mit Ausrufezeichen im Bandnamen kam für ULTRAVOX an der Schwelle zu den 80ern ein eklatanter Wechsel in Stil und Besetzung: für den spröden Sänger John Foxx kam der stylische Schotte Midge Ure (voc, g, synth), der anno '76 mit der Teenie-Band SLIK einen Nr. 1-Hit mit Forever And Ever hatte, mit VISAGE und THIN LIZZY (!) kollaborierte und den zum Trio geschrumpften Billy Currie (p, synth, vl), Chris Cross (b, synth, voc) und Warren Cann (dr, voc) 1980 zu einem traumhaften Relaunch verhalf mit dem Welthit Vienna, einem majestätisch-elektronischen Schmachtfetzen, der auch heute noch - dank Violinensolo - manch wohligen Schauer zu erzeugen weiß. Das Album Vienna ist also ein Werk des Übergangs zu den glatten 80ern und prägnant ambivalent: Seite 1 bietet nach dem 7-minütigen Instrumental "Astradyne" vier durchwachsene 3-Minüter zwischen New Wave und New Romantic, allesamt im gleichen Midtempo und noch leicht angepunkt durch Ures blecherne Gitarre. Völlig anders Seite 2 des Albums (ich besitze die Original-Vinyl-LP): eine dreiteilige Suite - eröffnet durch das grandiose, Kraftwerk-eske minimalistisch-hypnotische Mr. X, gefolgt vom prog-rockigen, Geigen-getriebenen Western Promise und finalisiert durch den ätherischen Titelsong - mündet in den elektronischen Uptempo-Brecher All Stood Still - eine noch heute beeindruckende Kadenz.
Die Bonus-CD vereint rare B-Seiten der Album-Singles (Vienna war kurioserweise nicht erste Wahl, sondern erst die 3. Auskopplung!) mit Live-Versionen und Rehearsals, eine gelungene Präsentation der rauen Seite der Band, bevor ULTRAVOX in die seichteren Gefilde der 80er hinfort tanzen, mit Tränen in den Augen...

Underworld

Nuxx (1996-98)
Ein Sampler (mit den Highlights aus "Second toughest in the infants", der "Born Slippy"-Maxi und "Beaucoup Fish"), den es nur einmal auf der Welt gibt: 7 aurikulare Amphetamine auf knapp 80 Minuten, die zum Dauerdreher in meinem CD-Wechsler wurden. Warum? Und warum erst jetzt?
Knapp, aber zielsicher an mir vorbeigeschossen sind UNDERWORLD, diese Protagonisten des Techno-Rock aus einer Zeit, in der ich anfing, mit Elektro / TripHop / Ambient / House-Crossovers erste Schneisen in das dereinst feste Gefüge meiner Prog-& Art-Rock-Welt zu schlagen. Die Band um Karl Hyde ging hervor aus den legendären FREUR, die Anfang der 80er mit "Doot Doot" einen der schönsten und sonderbarsten Hits des Jahrzehnts ablieferten. Aus absonderlichem Pop wurde Rock ("Underneath the Radar", 1988) und wurde Techno, der aber von der Grundsubstanz her immer noch Spurenelemente und Dramaturgie der ROCKmusik beibehalten hat. 1993 schufen Underworld mit "dubnobasswithmyheadman" eine der Ur-Mütter des melodischen Techno mit Hirnschmalz und Breitwandbumms, der die Jahre unbeschadet überstanden hat. "Dirty Epic" ist der Monsterhit-der-nie-einer-war, manches klingt wie von einer New Order-Platte. Oder wie Porcupine Tree unter Zappelbunker-Arrest. Jedenfalls läßt sich diese Scheibe gut in der Pathologie einsetzen: wer hier stillhält, ist tot. Definitiv.

Kurt Vile

Smoke Ring for my Halo (2011)
Langhaariger American Psychedelic Folk, herrlich verschleppt und schluffig, mit der richtigen Dosis scheißegaler Kifferromantik gewürzt (wo doch seine alte Band The War On Drugs hieß...). Bemerkenswert, was sich da aus manch phlegmatisch dahin träufelndem Folkpicking an Ohrgewürm herausschält! Bemerkenswert verhuschtes Konzert auch! Wobei man bei genauerer Betrachtung vor Untiefen nicht sicher ist ("Society is my friend, it makes me laugh, down in a cool bloodbath").
Kritikers Liebling 2011, "not to be confused with Kurt Weill"

Rufus Wainwright

WANT two (CD + DVD, 2005)
Was kann schon dabei herauskommen, wenn Vater (Loudon Wainwright III ), Mutter (Kate McGarrigle) und Schwester (Martha Wainwright) begnadete Musiker sind? Ganz große Oper! Willkommen im Spiegelsaal der Emotionen! Die Platte beginnt mit einem 6-minütigen weltentrückten „Agnus Dei“, das hinweg nimmt die Sünden der (schwulen) Welt, verendet nach dem fulminanten 9-minütigen „Old Whore‘s Diet“ zwischen den Tasten seines Pianos und hat auch die 3/4-Stunde dazwischen kaum Bodenhaftung. Wer sich vom buchstäblich GÖTTLICHEN „Gay Messiah“ gesegnet fühlt, wird auch beim schwebenden „Waiting For A Dream“ abheben können. Wem das alles noch nicht genug ist: der CD liegt eine DVD bei mit einem kompletten Konzert „Live At The Fillmore“ - auf der man sich eine anderthalbe Stunde von des Rufus‘schen unfaßbaren Gesangstalents beglücken lassen kann.

Scott Walker

Scott 4 (1969)
Nach der zeitweiligen Trennung der Walker Brothers veröffentlichte Scott Walker 1967 und '68 seine ersten Soloalben, die sich blendend verkauften. Ein erster Meilenstein wurde "SCOTT 3" (1969), sein drittes erfolgreiches Album als Solist. In allen einschlägigen Kritiken werden die Jacques-Brel-Interpretationen besonders hervorgehoben (insbes. IF YOU GO AWAY). Im gleichen Jahr noch folgte ein musikalischer Quantensprung mit "SCOTT 4" - sie gilt neben "TILT" (1996) in allen bekannten Kritiker-Listen zu DEN Platten des Jahrhunderts, und auch ich konnte mich ihrer Faszination nicht entziehen: Die Melodramatik der Orchesterarrangements in Tateinheit mit Sotts grandiosem Bariton verschmelzen zu einer gänsehauterregenden Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Es war das erste von Scott komplett selbst komponierte Album und sollte ursprünglich unter seinem bürgerlichen Namen Scott Engel veröffentlicht werden. ANGEL OF ASHES und BOY CHILD bilden eines der zeitlos schönsten Song-Tandems; THE SEVENTH SEAL (basierend auf dem Film von I. Bergmann mit Max von Sydow) und THE OLD MAN'S BACK AGAIN (gemeint ist Stalin) besitzen eine unwiderstehliche Wucht; die Themen indes waren dem Schmachtmelodien-verwöhnten Publikum aber wohl zu hoch! Die Platte wurde ein Flop – eine der großen Ungerechtigkeiten in der Geschichte der Populärmusik - und führte nicht zuletzt dazu, daß sich Scott allmählich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Mit "Scott 4" hat er der schnöden Welt ein Denkmal hinterlassen.
Der Nachfolger "Til The Band Comes In" (1970) war weder Fleisch noch Fisch. Es sollte acht Jahre dauern, bis er wieder zu komponieren begann: 4 Stücke auf "Night Flight" 1979, dem Abschieds-Album der '75 wiedervereinten Walker Brothers, schließlich seine zunehmend erratisch-düsteren Solowerke "Climate of Hunter" (1984), "Tilt" (1995), "The Drift" (2006) und "Bish Bosch" (2012). "The sun ain't gonna shine anymore" - rein musikalisch betrachtet hat die Sonne niemals wieder geschienen.

Scott Walker

Til The Band Comes In (1970, rem. 2013)
"Scott 4" war sein unverstandenes Meisterwerk, eines der größten Alben der Musikgeschichte, das sich nicht verkaufte und dem Publikum vor den Kopf schlug. Mit dem (mir nahezu unbekannten) Nachfolger Til the band comes in, einer Art Konzeptalbum, versuchte er offenbar noch einmal gegenzusteuern und an alte Erfolge anzuknüpfen - eine Zerreissprobe, an der dieses Genie (vorerst) zerbrechen mußte. So ist dieses Album weder Fleisch noch Fisch, ein polierter Spiegel mit Rissen, eine qualitative Berg- und Talfahrt mit Grandiositäten (Time Operator) und Abscheulichkeiten (Long about now, gesungen von Esther Ofarim). Merkwürdig, aber auch folgerichtig: die Bonustracks - allesamt Coverversionen - sind kohärenter und besser als das durchwachsene Album. Bezeichnend das Abschlußstück: "It's over"... es sollte acht Jahre dauern, bis Scott wieder selbst zu komponieren begann.

Scott Walker

The Drift (2006)
Herzlich Willkommen in der HÖLLE des einzigartigen Scott Walker. Um es vorwegzunehmen: die Wenigsten werden diese "Musik" ertragen, geschweige denn ein zweites Mal hören - mein tiefstes Verständnis hierür! Die hörspielartigen Collagen, die durchaus wiederkehrende "Song"-Strukturen aufweisen, sind so beklemmend und verstörend, daß das düstere CD-Cover dagegen regelrecht fröhlich anmutet. Kein Musiker hat mich übers Jahr so beschäftigt wie Scott Engel (sic), wobei das vielzitierte Schlagen der Schweinehälften auf "The Drift" noch den geringsten Anlaß gab. Meine Beiträge landeten 2006 auf Wikipedia und der Leserbriefseite des ROLLING STONE- Walker-sei-dank. Der einst schönste Bariton der Popgeschichte, der Ende der 60er Jahre Welthits schmachtete ("The sun ain't gonna shine anymore") und beharrlich seit 1984 alle 11 Jahre zunehmend erratische Platten veröffentlicht, ist ein rares Faszinosum! War bereits "Tilt" (1995) - das ich zu den 25 besten Alben aller Zeiten zähle - ein unfaßbares gotisches Monstrum an der Schwelle zum Wahnsinn, so geht "The Drift" einen Schritt weiter. Welche Dämonen reiten diesen nunmehr 63-jährigen?

Scott Walker & SUNN O)))

Soused (2014)
Wer einen Soundtrack für seine Ängste und Alpträume sucht, ist hier richtig. Der einst betörendste Bariton des Pop ist über die Jahrzehnte zum Tenor der Abgründigkeit mutiert, seine Werke Tilt (1995), The Drift (2006) und Bish Bosch (2012) sind gleichsam Monumente der Avantgarde und der Unverdaulichkeit. Soused (slang), was soviel wie sturzbetrunken bedeutet, wird für viele nicht anders zu ertragen sein. Walker, im Jahre 1943 als Scott Engel geboren, ist der Engel der Unbarmherzigkeit, der Teufel des Details und der Orson Welles der Musikindustrie. Auch die fünf überlangen Soundtrips auf SOUSED stehen seinen letzten Werken in Punkto Düsternis, Fremdartigkeit und Originalität in nichts nach - statt Schweinehälften dienen Bullenpeitschen und Messerklingen als Taktgeber - erhalten jedoch durch die kongeniale Zusammenarbeit mit der Drone-Metal-Band Sunn O))) ein überraschend straffes Korsett, das dich umschmiegt und durchbohrt wie eine Eiserne Jungfrau, aus der es bekanntlich ebenfalls kein Entrinnen gibt. Wer einmal Gitarrenbreitseiten im Sinne des Wortes erleben will, sollte sich Soused nicht entgehen lassen.
Hammersong: Herod 2014

Jack White

Blunderbuss (2012)
Eine CD, die man sich wegen des Titels kauft. Tausendsassa White schöpft aus sämtlichen Schaffensperioden, wir hören Songs, die auch auf Alben der White Stripes oder Raconteurs, Jimmy Page oder James Bond-Soundtracks Perlen wären, immer schön schludrig-angerotzer Plunder, ein ekklektisches Vergnügen, trotz aller Stilvielfalt wie aus einem Guss. White legt erstaunlich häufig die Gitarre neben dem Wurlitzer ab, ganz der songdienliche Arrangeur und Produzent. Schönes Cover auch.

The Who

Quadrophenia - the Director's Cut [Deluxe Edition] (1973/2011)
Pete Townshends letzte kompositorische Großtat mit THE WHO - das berühmte Doppelalbum stammt komplett aus seiner Feder. Bemerkenswert, damals wie heute, die Musiker-Credits: John Entwhistle, Keith Moon und Roger Daltrey werden aufgeführt mit Bass, Horns, Drums und Vocals. Bei Townshend steht lediglich "Rest". Dieser Rest ist ein (zuweilen überambitioniertes) Gebirge aus Gitarren, Klavieren, Synthies und Violinen, die er manisch übereinander schichtet. Trotzdem ist Quadrophenia (die Steigerung von Schitzophrenia) ein monolithisches Meisterwerk wie aus einem Guß, die vielleicht beste Rockoper aller Zeiten (bevor das Wort zum Unwort wurde), packende Story, großartige Songs, brillante Musiker - Entwhistle atomisiert auf The Real Me sämtliche Bassistenträume, Moon trommelt wie eine achtarmige Krake im Stangerbad, Daltrey singt sich im hymnischen Love reign over me in den Olymp, und nur Townshend darf ein Lied THE ROCK nennen.

Steve Wilson

The Raven That Refused to Sing (2013)
Wilson, auf früheren Porcupine Tree-Alben bekennender Pink Floyd-Apostel, hat nunmehr eine arge Überdosis King Crimson geschluckt und sich einen Fripp'alen Infekt eingefangen: uuuhh- geht das höllisch angejazzt los, aaahh- jetzt auch noch ein Flötensolo (wie hipp ist das denn!?), ooohh- wie das ausgebremst und gekonnt konterkariert wird durch den (natürlich aus heiterem Himmel kommenden) ruhigen Gesangspart, iiiiihh- was für eine Bestie von Sägegitarrensolo, booaaah - jetzt setzen auch noch Sax und Melotron ein... undsoweiterundsofort. Zum Gähnen langweilig kann so eine Zitatensammlung sein... (und man sehnt sich einmal mehr nach RIVERSIDE, die beweisen, wie packend und unverkrampft New Prog sein kann).
Dummerweise kommt als Finale dann dieser Titelsong daher, vom Raben, der das Singen verweigert, majestätisch, melancholisch, fast schwerelos, ein erhabenes, verdammtes Meisterwerk. Schade um den schönen Verriss ...

-> Platten.Kiste ... X Y Z