1974-1985 - die grossen Studioalben

Line-up: Rick Davies (voc, key), Roger Hodgson (voc, g, key), John A. Helliwell (sax), Bob Siebenberg (dr), Dougie Thomson (b). Sämtliche Kompositionen: Davies / Hodgson - dabei darf bei diesem Team getrost von einem Lennon/McCartney'esken Konkurrenzkampf ausgegangen werden, der die Band bis zu Beginn der 80er Jahre zu kreativen Höhenflügen antrieb - und gleichsam zerrieb.

Boring old farts?
Songs, die man schon hunderte Male gehört hat (und dann 20 Jahre lang praktisch überhaupt nicht mehr) – müssen die mir nicht buchstäblich aus den Ohren wieder herauskommen, jetzt da ich sie für das Programm der Tributeband DREAMER sezieren und bis ins Detail studieren muß? Das genaue Gegenteil ist der Fall: erst jetzt erschließt sich mir der phänomenale Klangkosmos dieser Band um Rick Davies und Roger Hodgson, die 1974 mit ihrem dritten Album Weltruhm erlangte und deren Stern erst 9 Jahre später nach Hodgsons Ausstieg allmählich verblasste. Als ich Ende der 70er für den Rest meines Lebens mit dem Virus der Rockmusik infiziert wurde, hatten Supertramp bereits 5 Alben veröffentlicht – die in den Annalen meiner LP-Hitparade irgendwo zwischen „stiefmütterlich“, „wohlwollend“ und „beeindruckend“ registriert wurden – und für die kommerzielle Pop-Affinität von „Breakfast in America“ (1979) und diese Art erwachsener Musik war mein stürmisches Rock’n’Roll-Herz noch nicht bereit.
Sich plötzlich wieder geballt mit der Musik Supertramps auseinander zu setzen, mutet wie eine Zeitreise in die eigene Jugend an, in der es einiges aufzuarbeiten gibt. Wäre nett, wenn Ihr mich dabei begleiten würdet:

Crime of the century (1974)

Ein großes Art-Rock-Album, und ein kleines Wunder, betrachtet man den Werdegang der britischen Band: die Flops der ersten beiden (leidlich gelungenen) Alben Supertramp (1970) und Indelibly Stamped (1971) zog diverse Besetzungswechsel und die zwischenzeitliche Auflösung der Band nach sich. 1974, nach der erfolglosen Debütsingle des neuen Line-Up (s.o.) Land Ho / Summer Romance mutet die Veröffentlichung von Crime Of The Century wie ein Quantensprung an: ein lupenreines Meisterwerk, in dem sich monumentaler Tiefgang, große Spielfreude und detail-versessene Verspieltheit in nie mehr erreichter Form vermählen.
Die Trackliste ist prototypisch für das spätere Oeuvre: der Wechsel zwischen Hogdson- (der makellose Kastrat) und Davies-Songs (der bluesig Näselnde) und der daraus resultierende Abwechslungs- und Klangreichtum. Auf Crime Of The Century gewinnt Davies das interne Duell: er bietet mit "Asylum", "Rudy", "Bloody Well Right" und dem Titelstück die besten, tiefgründigsten und zwingendsten Songs seines Lebens. Hodgsons Konter mit "School", "Hide In Your Shell" und "If Everyone Is Listening" offenbaren seinen Hang zur positivistischen Leichtigkeit in Tateinheit mit Melodramatik, der erste Welthit "Dreamer" ist ein dreiminütiges Minimusical und ein Wunderwerk an ökonomischer Dynamik und ausgebuffter Laut-Leise-Dramaturgie. Helliwells Saxofon und der Sound des Wurlitzer E-Piano werden zu Trademarks. Ein Album aus einem Guß, kein Ton zuviel und jeder an der richtigen Stelle, ein Meilenstein - auch fast 35 Jahre nach seiner Veröffentlichung.

* * * * * * (6 Sterne - Höchstwertung)


Crises? What Crises? (1975)

Ein mutiges, inkohärentes Nachfolgealbum mit großen Stimmungswandlungen - und der erste klare Punktsieg für Hodgson (in Punkto Leadgesang ein deutliches 7:4). Kein Supertramp-Album ist so nahe am Rock gebaut wie dieses - insbeondere in den Davies-Songs "Another Man's Woman" und "Ain't Nobody But Me" - und es ist nicht ganz nachvollziehbar, warum es im Katalog der klassischen Alben eher ein Schattendasein fristet: "Easy Does It", "Sister Moonshine", "The Meaning" sind großartige Hodgson-Werke, "A Soapbox Opera" sein Highlight und die Single-Auskopplung "Lady" polyharmonisch, treibend und zu komplex für die Charts (ergo ein Flop). Ein kleines Juwel liegt im Verborgenen: das selten zu hörende "Just A Normal Day" entpuppt sich als wunderschöne Ballade mit lyrischem Tiefang und ist das einzige Supertramp-Stück, bei dem sich Hodgson und Davies den Gesang brüderlich pari-pari teilen.

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Even In The Quietest Moments (1977)

Ein Album, das den Songs Zeit zum Atmen lässt (nur sieben Stück auf 43 Min.), dadurch aber auch manch Längen evoziert. Der poppige Rockappeal des Vorgängers weicht einer großen Ernsthaftigkeit, der konzertante Anspruch wird bereits durch das Cover signalisiert.
Rick Davies stellt den Wurlitzer in die Ecke und widmet sich breitwandig dem schneebedeckten Flügel. Seine 3 Beiträge sind erlesen: „Lover Boy“ entwickelt sich vom Vaudeville-Schüttler zum Breitwand-Klassikrock (mit zugegeben viel zu langem Abspann), „From Now On“ ist eine komplexe Ballade mit tödlich harmonischem Schlußkanon und „Downstream“ ist Davies nackt und unverfälscht, ein Piano-Solo von träumerischer Eleganz.
Roger Hodgson hingegen eröffnet das Album wieder mit seiner Akustischen: „Give A Little Bit“ hat über die Jahre leider nichts hinzugewonnen und bleibt der prototypische, beschwingte, leicht wehmütige Mitsing-Hit, perfekt und ohne Ecken und Kanten. Bewegender indes das Titelstück, ebenfalls von akustischen Gitarren getragen, schwerelos und von einnehmender Harmonieseligkeit. Das Toto’eske „Babaji“ beginnt schon nach 2 Minuten zu nerven und bringt Hodgson auf die bandinterne Verliererstraße – wenn da nicht das grandiose Schlußstück wäre: die schon auf dem Cover präsentierte majestätische „Fools Overture“ ist das Magnum Opus des klassischen Line-Ups und kommt dem, was man als Progrock bezeichnet, wohl am nächsten: ein soundgewaltiges zehnminütiges Triptychon, das nicht wenige als das beste Supertramp-Stück aller Zeiten bezeichnen und die Band in den Art-Rock-Himmel bugsiert. Zwar klingen die Synthies zuweilen etwas antiquiert, aber alleine der getragene Mittelteil mit Hodgsons superber Gesangsleistung und Helliwells Saxophon sind nicht von dieser Welt.

* * * * (*)


Breakfast in America (1979)

Mit dem vierten Album im klassischen Line-up werden Supertramp zur Supergroup. Mike Doud, der schon das Artwork für die beiden Vorgänger gestaltete, übertrifft sich hier selbst: das Cover ist sensationell - auch Jahre später entdeckt man noch Dinge, die man nie bemerkt hat - und signalisiert nach den bierernsten „Quietest Moments“: Supertramp haben Humor - unbelievable!
Davies stellt den schneebedeckten Flügel in die Ecke und widmet sich wieder breitwandig dem Wurlitzer, der soundtechnisch dieses Album prägt wie kein zweites von Supertramp. In sich stimmig, kompakt (böse Zungen würden sagen: gleichförmig), punktgenau und kommerziell enorm erfolgreich – die Platte verkauft sich mehr als 18 Millionen mal! Hodgson hat einen regelrechten Lauf: qualitativ hochwertige Popperlen wie „The Logical Song“, „Take The Long Way Home“ oder das Titelstück gehen ihm wesentlich lockerer von der Hand als dem verbissenen Davies – was bestimmt nicht zur neidlos-entspannten Gruppendynamik beigetragen hat – wohingegen letzterer die vordergründig anspruchsvolleren Beiträge liefert („Gone Hollywood“, „Just Another Nervous Wreck“) - und mit dem federnden „Goodbye Stranger“ immerhin sein vielleicht bekanntestes Stück.
Auch Hodgson verbeißt sich synkopisch in den Tasten des Wurlitzer, seine spärlichen, aber exquisiten Gitarrensoli bietet er (ausgerechnet) in den Songs seines bärtigen Songwriting-Partners. Und nachdem er beim süßlichen „Lord Is It Mine“ fast ins allzu geschmäcklerische abdriftet, wirft er mit „Child Of Vision“ den Rettungsanker: der progressive Siebenminüter ist zugleich Abschluß und Highlight des Albums und setzt mit seiner ausufernden Coda und der textlichen Tiefe ein Ausrufezeichen, ohne das Breakfast schon lange Staub angesetzt hätte.

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…Famous Last Words… (1982)

Nach endlosen Welttourneen und dem merkwürdig emotionslosen Live-Doppelalbum Paris ist die Luft raus, die berühmten letzten Worte (zwischen Hodgson und Davies) gewechselt.
Das Klavier beherrscht wieder die Szene – glasklar und perlend wie selten gehört, kann es dennoch manch Durchhänger und Ermüdungsbruch nicht gerade rücken. Mich zumindest hat dieses Album dazumals völlig kalt gelasssen: wenn eines der schwächsten Lieder zum Megahit wird, spricht man wohl vom „I Just Called To Say I’m Sorry“-Effekt: Wem „It’s Raining Again“ noch nicht aus den Ohren rauskommt – bitte melden; folgerichtig wird diese Kinderliedmelodie ihr verdammt größter Hit in Deutschland! Dennoch ist Roger Hodgsons Abschiedsalbum mit Supertramp nicht so schlecht wie sein Ruf, hat die Jahre sogar besser überstanden als sein berühmter und abgenudelter Vorgänger und wartet mit der ein oder anderen Überraschung auf: wie zur Entschuldigung bringt Hodgson quasi solo zur Akustischen das pastorale „Know Who You Are“ mit herrlichem, weltentrücktem Picking. Davies braucht einige Zeit zum warm werden, liefert dann aber mit dem vordergründig unscheinbaren „Bonnie“ einen keyboardlastigen Grower und mit „My Kind Of Lady“ einen passablen Schunkler (Supertramp goes Doo-Wop) - wenn auch keine Highlights im Katalog. Die kommen zum Schluß: die insges. 13-minütige Coda legt eine Schwermut und Tiefgründigkeit an den Tag, die so nicht mehr zu erwarten war, jedoch den schicksalhaften Albumtitel kongenial unterstreicht: Davies schwerblütiger Prog-Tango „Waiting So Long“ wird dabei fast noch getoppt von Hodgsons elegischem Schwanengesang „Don’t leave me now“ (sic!) – Ironie oder Galgenhumor?

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Brother Where You Bound (1985)

Der Titeltrack wälzt sich über sage und schreibe 16 ½ Minuten - und die ersten sieben davon sind die progressivsten, spannendsten, mitunter brillantesten und hinreißendsten, die je unter dem Namen Supertramp veröffentlicht wurden. Es stellt die Band auf eine Stufe mit Pink Floyd (deren David Gilmour mit seinen Gitarrensoli diese sechsteilige Suite veredelt) und läßt zumindest zeitweise vergessen, daß Roger Hodgson nicht mehr dabei ist. Dieser hatte ein Jahr zuvor mit seinem Solodebüt In The Eye Of The Storm die Messlatte sehr hoch gelegt.
Brother Where You Bound ist zur Gänze Rick Davies Solowerk - Helliwell, Thomson und Siebenberg sind kaum mehr als bloße Statisten – und er ist noch einmal in großer Form: mit „Still in Love“ zeigt er, daß er zur Abwechslung auch Lieder mit ohrwürmigem Refrain schreiben kann, während der funkenschlagende und mächtig vorantreibende ellenlange Opener „Cannonball“ gänzlich ohne auskommt. Gleich zu Beginn setzt Davies hiermit ein Ausrufezeichen und lässt einen frischen Wind durch die schlaffen Segel wehen: „Cannonball“ ist völlig anders als alles, was Supertramp bislang veröffentlichten – ein mutiger Schritt in die richtige Richtung, alteingesessene Fans zu erschrecken. In „No Inbetween“ lebt er seinen Hang zur balladesken Melodramatik aufs ergötzlichste aus, während „Better Days“ – vom famos progiggen Intro abgesehen – zum uferlosen Finale hin einfach nicht den Arsch hochkriegt, um in die Pötte zu kommen.
Davies wartet mit einem wahren Keyboardarsenal und einer Schwadron begnadeter Gastgitarristen auf (um nur ja keine Hodgson’schen Mangelerscheinungen aufkeimen zu lassen), wahrt jedoch sein Gespür für den leisen Moment und die Spannung zwischen den Tönen. Es bleibt indes ein leicht trügerischer Beigeschmack nach dem Genuß dieses runden, stimmigen Albums: es steht SUPERTRAMP auf dem Cover, und allen Davies’schen Bemühungen zum Trotz ist das eben doch nur die halbe Wahrheit.

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Supertramp spielten 1985 auf der Brother-Tour (vor meinen Augen) in der Saarlandhalle und veröffentlichten zwischen 1987 und 2002 drei weitere Studio- und zwei Live-Alben, die leidlich erfolgreich waren.
Zu einer Reunion mit Roger Hogdson ist es nie wieder gekommen.


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