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15.11.2009 Garage, Saarbrücken

Biffy Clyro - 15.11.2009 Garage, Saarbrücken (Fotos: Toff)

Gott und der Teufel, Hand in Hand

"I talk to God as much as I talk to Satan
'cause I want to hear both sides"

Das Trio aus Kilmarnock ist das beste, was z.Z. aus Schottland kommt - von Single Islay Malt mal abgesehen. Mittlerweile sind sie schon sowas wie Freunde im Geiste, und so wurde das zweite Saarbrücker Gastspiel binnen 2 Jahren zu einer Art Heimspiel - auch wenn die Jungs eine vollere Garage verdient gehabt hätten.

Zunächst jedoch war das Quartett MUTINY ON THE BOUNTY aus Luxemburg zu ertragen. Keine Chance übrigens. Die fühlbar interessante Mucke (file under System Of A Down) explodierte in einem halbstündigen Schallwellengewitter, das die Grenzen zwischen Musik und Geräusch gnadenlos verwischte. Wie übrigens nicht anders zu erwarten in dieser beschissenen Konzerthalle (wenn auch bei heute erträglichen Temperaturen).
Bei BIFFY CLYRO wurde es denn merklich besser, wenn auch nicht wirklich gut. In der Zugabe endlich war der Sound überragend (eine Eins plus für den Mann am Mixer, der dazu kaum 90 Minuten brauchte. Bravo!) - aber dann (und erst dann) klang Simon Neils Stimme wie ein rostiger Mülleimer. Aber warum erzähl ich eigentlich von hinten?
Von vorne raus griffen Biffy frontal an, gestalteten ihr Programm zu 75 % aus PUZZLE (2007) und dem aktuellen ONLY REVOLUTIONS (2009), das vom begeisterten Publikum bereits kräftig mitgesungen wurde, vernachlässigten aber keineswegs die verfrickelteren Heldentaten ihrer ersten drei Platten. In dieser Verdichtung ist es schon beeindruckend, welche Masse an ohrwürmigen Krachern die Band bereits kreiert hat. Und auch wenn die jüngsten Werke weniger anstrengend erscheinen - weniger wirkungsvoll sind sie deswegen noch lange nicht.

Effektvoll übrigens, wie wenig effekthascherisch Biffy Clyro auf der Bühne agieren - völlig unprätentiös, wie Simon Neil und die Johnston-Brüder ihre instrumente traktieren. Blindes Zusammenspiel. Schweißperlenduschen für die ersten Reihen. Messerscharfe dreistimmige Chorsätze. Fassungslos machende Balladen ("God & Satan") gehen Hand in Hand mit Brachialattacken. Dazwischen wenig Leerlauf. Darüberhinaus nichts, was auf ProgRock hindeutet, der ja der Band hin und wieder angedichtet wird. Kein hohler Pathos. Alles ehrliche Akkord-Arbeit.
Pfiffig, die stärksten Songs des neuen Albums erst in der Zugabe zu spielen - und das funktioniert sogar! Nach "Many Of Horror" und "Mountains" kann eigentlich nicht mehr viel kommen. Kam denn auch nicht. Um zwanzig vor elf war der Zauber vorbei. Und mein Biffy-T-Shirt nocht nicht mal durchgeschwitzt.

Biffy Clyro - 15.11.2009 Garage, Saarbrücken (Foto: Toff)




... BIFFY zum zweiten:

06.10.2007 ROXY, Saarbrücken

An der Moshgrenze
Früher - vor einem Vierteljahrhundert - habe ich mir in meinen besten Konzertjahren am Merchandising-Stand T-Shirts gekauft. Jetzt bin ich freilich etwas zu alt dafür, oder? Schon der erste Brachialakkord der Vorgruppe SOAPBOX aus Darmstadt dünkte mir: ist diese Lautstärke gut für meinen siechen Körper? Mit Horst und Jöbbe zusammen brachte ich es auf knapp 130 Lenze und hob damit den Altersschnitt des gut gefüllten ROXY um ein etliches. Keiner der Jungs und Mädels im Publikum hätte nicht mein Kind sein können!
Und dann BIFFY: um halb 10 stürmten die drei Schotten die Bühne - und sie nahmen sich gar nicht erst die Zeit, um sich während des Konzertes zu entlaiben: Gitarrist Simon Neil und Drummer Ben Johnston kamen gleich halbnackt auf die Bühne, so daß auch meine letzte Synapse ahnte: es wird Schweiß fließen! Daß kein Blut floß, wunderte mich im Nachhinein dann doch: die Menge vor der Bühne begann wie auf Knopfdruck mit der ersten Hookline zu MOSHEN, POGEN und DIVEN, daß es eine "Freude" war, aber zu behaupten, dies wäre dem Konzertgenuß abträglich gewesen wäre eine glatte Lüge - es war affengeil und extrem adäquat!!! Um Horschdls Gipsarm Rechnung zu tragen, ließen wir uns ein wenig zurückdrängen bis knapp hinter die Moshgrenze, aber immer noch nahe dran und mitten drin, um die sensationelle Performance der Johnston-Brüder und ihres superben Frontmannes - der ständig zwischen zwei verschieden postierten Mikrofonen hin und her taumelte - in vollen (und doch nüchternen) Zügen zu genießen. Biffy Clyro spielten ihren Alternative-Prog-Indie-Post-Rock-Mix mit einer vehementen Leidenschaft, wie ich es lange nicht mehr live erlebt habe - immer changierend zwischen laut und leise, schräg und extrem eingängig, mit brillant dosierten instrumentalen Kabinettstückchen und ebenso brillant gesetzten dreistimmigen Gesangssätzen, die aktuellen Songs aus PUZZLE ohne Druckverlust über die Rampe schmetternd und mit den älteren (uns nicht geläufigen) Tracks tatsächlich noch einen draufsetzend! Wir hoben die (teils eingegipsten) Arme abwechselnd zum Jubeln und zur Abwehr der moshenden Meute, und die knapp 75 Minuten vergingen wie im Fluch.
Nach dem Konzert habe ich mir ein Biffy-T-Shirt gekauft.