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05.04.2009 Saarlandhalle, Saarbrücken

Ich bin kein Dylan-Fan.
Kein Apologet der reinen Lehre Seiner Bobness. Es steht mir daher auch nicht zu, über das Saarbrücker Gastspiel des größten lebenden Musikers der Neuzeit ein urteilndes Ei zu schlagen. Das haben andere schon zur glühendsten Genüge getan.
Ich möchte einfach nur ein paar Beobachtungen anfügen, die ich während des Konzertes gemacht habe:

Seine Bobness gibt sich die Ehre

Ein Dylan-Fan ist ein genügsames Wesen. Er goutiert jede Bewegung seines methusalemischen Meisters auf der Bühne mit äußerstem Wohlwollen - und sei es nur das Heben der dylanschen Augenbraue. Er goutiert mit freudigem Erstaunen die einzige Ansage des Großmeisters, als dieser nuschelnd und ohne, daß man auch nur das geringste Wort versteht, seine Band vorstellt. Er quittiert mit gebremst freudiger Erregung das allmähliche Erkennen des nächsten, durch den Dylan-Häcksler gedrehten Dylan-Klassikers, denn daß der Altmeister seine eigenen Songs musikalisch atomisiert, molekular neu zusammensetzt, bis auf die Knochen häutet und mit neuem Fleisch überzieht, ver- und wieder entzerrt und nach Lust und Gusto zersingt, ist beim Dylan-Fan bleiernes Gesetz.
Da das aber jeder weiß und es auch genauso abläuft, erlaube ich mir die blasphemische Bemerkung, ein Programm - gespickt mit Klassikern wie "All Along The Watchtower", "Lay Lady Lay", "Blowing In The Wind", "Highway 61 Revisited", "Like A Rolling Stone" - als überraschungsarm zu bezeichnen, mir der Gefahr bewußt seiend, damit wie eines seiner eigenen Lieder gehäutet zu werden.
Es ist indes nicht die Tatsache, daß er es macht, sondern wie.
Wie er da wie eine blühende Konifere hinter seiner Orgel steht, seine gefügsame Band unsichtbar dirigiert, wie seine durch 5 Jahrzehnte ausgedörrte Kehle die Lieder erbricht, aus tiefster Sohle hervorröchelt und dann doch irgendwie auf die Reise durch das berstend gefüllte Rund der ausverkauften Saarlandhalle schickt - das ringt sogar einem Nicht-Fan so etwas wie Ehrfurcht ab, und ich ziehe meinen nichtvorhandenen - auf der Bühne jedoch im Überfluß präsenten Cowboy - Hut.
Seine Bobness steht fast den gesamten Abend leicht tänzelnd am Keyboard - wir sehen das LICHT, denn ER steht uns zugewandt (was bedeutet, daß die Massen auf den Rängen gegenüber nur das Rücklicht sehen) - er greift nur ein einziges Mal zur E-Gitarre (auf der er erstaunlich soliert), und kommt hin und wieder mit seiner Mundharmonika nach vorne, wobei "vorne" relativ ist: die ersten 5 Meter bis zum Bühnenrand (sprich: dem Publikum) bleiben völlig unerforscht, totes Land, niemand auf der Bühne verläßt sein Terrain, erst recht nicht seine drei Vasallen an Gitarren und Bässen, die ihm schräg gegenüber stehen (in beige-uniformen Anzügen, Cowboy-behütet), von denen niemand die unsichtbare Demarkationslinie auf der Bühne überschreitet, jene Lichtmauer zur Aura Seiner Bobness. Selbst in den schnell rockenden Stücken (die eine erstaunliche Hälfte des Programms ausmachen) verharrt jeder der Musiker in seinem Aktionsradius von gefühlter Bierdeckelgröße. That's Entertainment - das Volk jubelt, ich mittendrin, und nehme staunend zur Kenntnis, daß ich von diesem merk/denkwürdigen Konzertabend durchaus angetan bin.


-> SETLISTE Bob Dylan-Konzert Saarlandhalle, 05.05.09