Sie sind hier: KONZERT.KISTE Boy

Do, 05.04.2012 Kammgarn, Kaiserslautern

Gründonnerstag im Kammgarn-Kasino mit Sonja und Valeska (BOY)

Zwei Mädels auf BOYtezug

"Time is such a hungry beast - it swallows all my memories" (Waltz for Pony, BOY)
Das prallgefüllte Kammgarn-Kasino, die 20 € Eintritt, die SWR3-Transparente und die auffällig große Schar ihre Kids begleitender Elternpaare legen Zeugnis ab von einem kleinen Wunder deutscher Popmusik: BOY. Die schlaksige Hamburgerin Sonja Glass (b, g, voc) und die quirlig-zierliche Zürcher Wahl-Hamburgerin Valeska Steiner (voc, g, perc, melodica) strahlen auch und gerade gegen Ende ihrer ersten großen Tournee einen ungebremsten Enthusiasmus aus, der direkt aufs Publikum überschwappt. Der ungestellte, vom Erfolg völlig überwältigte Unglauben macht die zwei Frontfrauen so sympathisch, man möchte sie in Zellophan einpacken und mit nach Hause nehmen. Alleine Frau Steiners Ansage zu This is the Beginning: "Das ist ein Song über das Umziehen in eine neue Stadt, z.B. Kaiserslautern. Oder ganz allgemein darüber, etwas Mutiges zu tun." Wir schmunzeln; soviel Mut hätten wir nicht ;-)

Aber von vorne: Punkt acht sagt Valeska den Support des Abends an, den jungen Berner Singer/Songwriter Patrick Bishop, und betont mit einem unwiderstehlichen "seid nett zu ihm", daß er erst am Montag kurzfristig und krankheitsbedingt als Support eingesprungen ist. Daß Patrick plötzlich vor seiner erklärten Lieblingsband und vor dem größten Publikum seines Lebens spielen darf, kann er einfach nicht fassen. Aus seiner halben Stunde im Rampenlicht macht er ein konzentriertes, ruhiges und dennoch fesselndes Erlebnis. Wir sind nett zu ihm und entlassen Bischop mit tosendem Beifall.

BOY spielen ihr komplettes Album Mutual Friends, machen von Beginn an keine Gefangenen und verschleudern mit Drive Darling und Waitress gleich zwei ihrer schönsten Songs. Es stellt sich dann heraus, daß ein Dutzend weitere schönste Songs folgen, zum dröhnenden Abschluß natürlich Little Numbers (bekannt aus Funk, Film und Fernsehen), das die Halle tausendkehlig mitsingt.
Daß ihr eigenständiger Indie-Pop gleichermaßen von Teenies wie alten Säcken, von kreislaufschwachen Pubertierenden (zwei Meter neben uns) wie standfesten Intellektuellen geliebt wird, ist kein kalkulierter Spagat. Sondern ein modernes Märchen. Sonja (hauptsächlich am knurrigen Bass) und Valeska (die mühelos sämtliche Gesangspassagen meistert) werden verstärkt durch Deniz Erarslan (g, b, p, voc), Taco v. Hettinga (key, voc), Marcel Roemer (dr) und Benedikt Schnermann (perc), die druckvoll und mit Esprit die Protagonistinnen unterstützen.

Für die Zugaben lassen Valeska und Sonja ihre Band in der Garderobe, präsentieren den brandneuen Song Hotel (von dem sie ganz stolz berichten, daß es schon immer ihr Traum gewesen sei, während einer Tournee mal einen Song zu komponieren) und beenden den kurzweiligen Abend in Ermangelung eines größeren Repertoires mit einer traumwandlerischen Akustikversion von Drive Darling.
"Time is such a hungry beast - it swallows all my memories" . Möge die Zeit so gut sein und die Erinnerung an dieses Konzert nie verschlingen.

Fotos: Toff