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20.08.2009 Garage, Saarbrücken

Jethro Tull begleiten Saori Jo (20.08.09, Fotos: Toff)

Im Schweisse unseres Angesichts ...

Daß der Veranstalter SAAR EVENT das Konzert kurzerhand vom E-Werk in die Garage verlegte, war ein so großes Ärgernis, dass der Konzertgenuß davon fast überdeckt wurde.
Mal abgesehen davon, dass kein vernünftiger Mensch knapp 50 Euro für ein Konzert in der besch…eidenen Garage berappen würde und die willkürliche Verlegung m.E. den Tatbestand des Vertragsbruches am Kunden erfüllt, war das Konzert von JETHRO TULL in der überfüllten Halle erwartungsgemäß eine ZUMUTUNG: die klimatischen Verhältnisse nahezu menschenverachtend, ein uneingeschränkter Musikgenuß schlichtweg nicht möglich; viele verließen während der Veranstaltung diese mal wieder zur Sauna umfunktionierte Location, und auch unsere Gäste Tina und Dieter aus dem Münsterland waren von diesem unfreiwilligen Schweißbad wenig angetan.
Dabei begann es kurz nach acht so verheißungsvoll: SAORI JO, eine junge, zauselmähnige Sängerin am E-Piano wusste vom Fleck weg zu überzeugen, Kate Bush und Tori Amos schauten um die musikalische Ecke, und als dann auch noch Maestro Ian Anderson mit Querflöte die Dame begleitete – und schließlich auch noch die komplette Tull-Band auf die Bühne kam und mitspielte – war die Stimmung gleich auf dem Siedepunkt … okay, Scheißvergleich, der Schweiß siedete eh schon auf der Stirn. Trotzdem ein Vorprogramm, wie ich es bis dato in 30 Jahren Konzerterfahrung noch nicht erlebt hatte!
Und dann die 110 Minuten von Ian Anderson: Jethro Tull pur, ohne Showeinlagen, Kostümwechsel, Requisiten. Ich bin hin- und hergerissen: einerseits erinnere ich mich wehmütig an die brillanten Konzerte der Stormwatch-, „A“- und Broadsword-Tourneen, mit denen Tull 1980-82 die Saarlandhalle verzauberten, andererseits freue ich mich, Ian Anderson und Martin Barré so taufrisch und munter ein Vierteljahrhundert später wiederzuerleben. Diese steinalte Band mit ihrem völlig originären Stilmischmasch aus Blues, Klassik, britischer Folklore und moderatem Prog-Rock verlässt sich im Alter zunehmend auf ihre bluesigen Roots und lässt – leider – so großartige Alben wie Broadsword and the Beast völlig außen vor. Trotzdem gibt es echte Highlights: Fatman (mit Pianist John O´Hara - haarsträubend einem zerzausten Harald Schmidt ähnelnd - am Dumbek, der Trommel, die laut Anderson das Lieblingsinstrument von Saddam Hussein und überhaupt vieler Diktatoren sei), Back To The Family (der laut Anderson „worst song I’ve ever written, but when we actually play it, all other songs suddenly sound so much better“) und We Used To Know (der Song, von dem Anderson behauptet, die EAGLES hätten ihr Hotel California von ihm abgekupfert, und während der folgenden 6 Minuten klar wird, warum er das behauptet). Bezeichnenderweise stammen alle 3 Songs vom 69er-Album STAND UP, das mit insgesamt 7 Stücken den mit Abstand fettesten Anteil an der Setliste aufweist.
Das einzige Handicap indes ist Ian Anderson selbst: als Conferencier und Musiker nach wie vor einsame Spitze, ist seine Stimme mittlerweile so dünn geworden, dass man bei jedem höheren Ton mitfiebert, ob er ihn trifft oder irgendwie die Klippen umschifft. Das ist schade und sympathisch zugleich – der einstige Zeremonienmeister und Tull-Diktator (der bestimmt zuhause eine Dumbek im Schrank stehen hat) ist auch nur ein Mensch, an dem die Jahrzehnte genagt haben.

Besetzung: Ian Anderson (vocals, flute, acoustic guitar, mandolin, percussion), Martin Lancelot Barré (electric guitar, flute), Doane Perry (drums, glockenspiel, bongos, vocal), John O’Hara (piano, organ, dumbek, accordeon), David Goodier (bass, percussion, vocal)

Und jährlich grüsst das Flötentier ...

Leos Tull-Kritik
Da freut man sich also (hatten wir doch von Johannes und Nadine die Karten zum Geburtstag bekommen) auf einen Tull-Gig im E-Werk.
Hatten noch früher die Tullkonzerte in der Saarlandhalle Tradition (so begann mein Besuch von Tull-Konzerten im März 80 bei der Stormwatch-Tour, Februar 81 A-Tour, April 82 Broadsword-Tour), so machte Andersons Truppe fortan einen Bogen ums Saarland, abgesehen von einem skurrilen Auftritt Ende Juni 93 im Bosenbachstadion St. Wendel, wo Tull eigentlich Headliner sein sollten, aber ein äußert mies gelaunter Anderson angeblich nicht nach 22 Uhr auftreten wollte. So mußte denn nach Tull noch Rory Gallagher ran, der eigentlich vorher auftreten sollte. Dafür bekam der Herr am Mischpult Andersons geballte schlechte Laune zu spüren, was sich darin äußerte, dass Anderson die Band im 3. Lied alleine auf der Bühne lies und plötzlich am Ende des Festivalgeländes auf dem Turm am Mischpult zu sehen war. Der letzte saarländische Auftritt war dann im Oktober 2004 im Rahmen einer orchestralen Tour mit dem Symphonieorchester Prag nochmals in der Saarlandhalle).
So verwunderte mich erstmal schon der Auftritt im E-Werk, dass sich dann aber so wenig Karten verkauften, dass der Auftritt kurzum vom Veranstalter in die Garage verlegt wurde, machte mich schon im Vorfeld fassungslos ......
Nun denn, wir wollten uns ja die Laune nicht verhageln lassen, aber es kam noch schlimmer: der Gig fand am heißesten Tag des Jahres statt und verwandelte die Garage in eine Dampfsauna. Bei jedem Schritt durch den Schlauch in die Halle wurde es schlimmer … die Arena proppenvoll und nach 10 Minuten klebten uns die Kleider schweißnass am Körper. Ich war schon so entnervt, dass Saori Jo, die im Vorprogramm spielte, trotz Gastauftritte der Tull-Musiker vollkommen an mir vorbeirauschte. Im folgenden haben Besucher scharenweise die Halle verlassen, Michaela und Nadine hatten nach 3 Songs die Nase voll, Johannes nach einer Stunde. Nun aber zum Jethro-Tull-Gig. Vorab: Was sch vor Jahren schon andeutete und im Alter jetzt immer schlimmer wird: Anderson kann nicht mehr singen. Er bemüht sich redlich, dieses Manko zu überspielen respektive zu übersingen - was ihm auch stellenweise gelingt - aber die Schwäche ist unüberhörbar. Erfreulicherweise war der Sound erstaunlich gut, was ich in der Garage gar nicht erwartet hatte, und zumindest von meinem Platz auch nicht zu laut.
Kann man noch über Andersons Stimme als altehrwürdiger Fan traurig sein, so sind seine Flötenkünste nach wie vor über alle Zweifel erhaben. Was er alles für Töne aus dem silbernen Teil herausquetscht, ist schon über Jahrzehnte sensationell, und auch der Rest vom Fest zeigte sich - wie der Frontmann selbst - trotz der Temperaturen in erstaunlicher Spiellaune. Was die alten Haudegen Martin Barre an der Gitarre und Doan Perry an den Drums mit ihren Instrumenten anstellen, läßt Freudentränen zwischen den Schweißperlen hervorkullern. Hervorragend ergänzt durch die erst seit 3 Jahren mitspielenden David Goodier am Bass (nach Andersons Angabe der siebte Bassist) und John O´Hara an den Keyboards, die Jonathan Noyce und Andy Giddings ersetzten, wohlweißlich John O`Hara schon 2004 bei der orchestralen Tour dabei war. Der musikalische Part war also schon perfekt. Bei der Songauswahl jedoch ging mir das Herz auf. Bis auf Farm on the freeway war kein Song jünger als 1978! Nothing is Easy, Serenade to a Cuckoo, Fat man, Jeffrey goes to Leicester Square ... sensationell. Hatte ich diese Songs doch fast ausnahmslos noch nie live gehört. Danke für Beggars Farm, danke für Dharma For One. Gespickt mit A New Day Yesterday, Thick As A Brick, Aqualung und dem unvermeidlichen Locomotive Breath eine wunderbare Zeitreise durch die frühen Jahre. Dazu ein Frontmann, der uns zwischen den Songs traditionell nicht gerade wenig zu sagen hatte. So erfuhren wir denn auch, dass ihm danach war, mit Back to the family den schlechtesten Song zu spielen, den er je komponiert hat, so dass alle folgenden Songs des Gigs unvermeidlich besser klängen. Darüber, dass Dumbeks Instrumente von Diktatoren sind, kann man allerdings streiten. Nach 1:50 Std. war die Nummer dann durch - ein wenig kurz, aber das war ich von den letzten Jahren ja gewöhnt. Daß letztendlich trotzdem keine Stimmung aufkam, lag an den unzumutbaren Verhältnissen in der Garage, und der schönste Moment war das Weizenbier um 23 Uhr im Innenhof vom Coyote Cafe im Kreise der Lieben...
Und wenn auch Andersons Stimme nachläßt, sch... drauf - Legenden sterben, wenn überhaupt, nur langsam.

Leo, 23.08.09

P.S. Das alles ist aber vergessen, wenn ich am 06.12. 2009 in der Offenbacher Stadthalle sitze und zulausche, wenn es an Nikolaus heißt: Ian Anderson plays the Christmas Jethro Tull ..............