Fr, 24.02.2012 Exit 07, Luxemburg

Never mind the blue notes

Ein Konzert voller Scheißegal-Momente im düster-spartanischen Exit 07-Club, keine drei Gehminuten vom Atelier entfernt. Mein Gott, was haben diese Luxemburger eine lebendige Konzertkultur im Vergleich zu unserer muffigen Provinz.
Womit wir beim Thema wären: Kurt Viles Starallüren stammen ebenfalls aus der Provinz. Sie sind quasi nicht vorhanden. Obwohl sein Album "Smoke Rings for my Halo" zu Kritikers Lieblingen 2011 gehört und der Exit-Club gegen 11 Uhr nachts gut gefüllt ist. Seine Musik ist schluffige Kiffer-Americana zwischen verschlafenem Lo-Fi-Geschrammel und orgiastischer Psychedelia und, ich erwähnte es bereits, voller Scheißegal-Faktoren: Schlagzeug ohne Hi-Hat? Egal. Bassist zuhause vergessen? Egal. Dramaturgie, Showeffekte? Scheißegal. Die zwei besten Songs des Albums gar nicht erst spielen? Geschenkt. Akurater Gesang? Who cares. So etwas wie Kurt Viles Gesangsstil ist eh schwer zu beschreiben. Der Typ aus Philadelphia, der aussieht wie Tom Hanks mit Langhaarperücke, nuschelt und schludert mit einer Nichtstimme um die passenden Töne herum und trifft sie immer nur fast, ohne daß man den richtigen Ton jemals zu hören bekommt. Er existiert quasi nicht in Kurts Welt. Und das hält tatsächlich eindreiviertel Stunden lang die Spannung aufrecht.
Die jungen Musiker spielen mit Händen und Füßen, die Armada aus Effektgeräten bedeckt fast lückenlos den schmucklosen Bühnenboden, erstaunlich, welchen Lärm man zuweilen mit drei Gitarren, ebensovielen Akkorden und 2000 Fußpedalen erzeugen kann.
Daß dabei die Substanz des Songmaterials manchmal dem Wall of Sound hinterherhinkt - Scheißgal.
Die eigentliche Substanz des späten Konzertabends jedoch ist der Support-Act Duke Garwood. Die Art und Weise, wie er seine halbakustische Gitarre bedient, welche unfassbaren Töne er ihr entlockt - Feedback galore! Dead Man! Weld! - verbunden mit fesselndem Gesang wie aus einem frisch aufgeschüttetem Grab: das ist Roots-Blues, schlammbedeckt, verkrustet, aus den Sümpfen des Mississippi ... bzw. dem Süden Londons. Ein Erlebnis.

Alle Fotos von Duke Garwood und Kurt Vile & the Violators: Toff