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28.10.2009 Rockhal, Esch/Alzette

Massive Attack feat. Martina Topley Bird

Gefangen(e) zwischen den Welten

Was für ein denkwürdiges Konzert. Oder sollte ich besser schreiben, merkwürdig.
Martina Topley Bird bestreitet in der wohlig vollen Rockhal (gefühlte 8000 Zuschauer) das Vorprogramm, und in einem persönlichen Konzertjahr voller positiver Vorprogramm-
erscheinungen ist sie die positivste aller Vorprogrammerscheinungen! Was sie - zusammen mit nur einem Begleitmusiker - an diversen Percussioninstrumenten, Gitarre, E-Piano, Loop-Machine, Synthi und insbesondere einer wandlungsfähigen, völlig unangestrengt wirkenden Stimme und einer schier grenzenlos sympathischen Natürlichkeit auf die Bühne bringt, ist minimalistischer Trip Soul, der unter die Haut geht... und dort beibt.
Martina... wer-zum-Geier?... Topley Bird war Mitte der 90er die Muse des Bristoler Hexenmeisters TRICKY und an dessen Debüt "Maxinquaye" maßgeblich beteiligt - ein Album, das zu einem Altar des Trip Hop wurde - während TRICKY wiederum den ersten beiden MASSIVE ATTACK-Alben seine Stimme lieh (z.B. "Karmachoma"). Und Martina wiederum taucht im aktuellen MASSIVE ATTACK-Line Up auf. Toll, wie ich da mal wieder die Kurve gekriegt habe!

Die Kurve kriegen MASSIVE ATTACK jedoch nicht. Die Band um die Masterminds Robert Del Naja ("3D", weiß, schmächtig) und Grant Marshall ("Daddy G", schwarz, hühnenhaft) schafft es nicht über die volle Distanz, die Spannung hochzuhalten. Die Verbindung TripHop/Industrial/Rock funktioniert live eben nicht als Selbstläufer, eher wirken die auf Platte weltweit anerkannten Grenzüberschreiter auf der Bühne wie Gefangene zwischen diesen Welten, auch wenn ihre düsteren, breitwandig angelegten Epen ungemein kraftvoll, ja phasenweise brutal, aggressiv, dröhnend, MASSIV umgesetzt werden. Hier erklärt sich in voller Blüte auch der Bandname. Oder nennen wir es lieber "Projekt", denn eine interagierende Rockband funktioniert anders: trotz des MASSIV eingesetzten Instrumentariums mit 2 Drumsets, Bass, Gitarre, Keyboards und allerlei Electronics kommt kein echtes Live-Feeling rüber; das Gebaren der beiden Protagonisten changiert zwischen schlaksiger Unbeholfenheit und professioneller Arroganz, eine nahezu tödliche Mischung.

Massive Attack, Rockhal, Esch - Unfinished Sympathy

Apropos Mischung: die Setlist behandelt das phänomenale Debüt "Blue Lines" und den noch besseren, ruhigeren Nachfolger "Protection" eher stiefmütterlich - und selbst "Unfinished Sympathy", einer der großartigsten Songs der 90er Jahre, wird routiniert seltsam emotionslos abgespult, wenn auch absolut hinreissend gesungen (der Name der wohlproportionierten Vokalistin wird nachgereicht). "Mezzanine", das düstere Hauptwerk von 1998, wird MASSIV abgehandelt, mit einigen wirklich großartigen Momenten, die das komplette Fehlen jeglicher Selbstironie vergessen lassen. Insbesondere Gastsänger Horace Andy und Martina Topley Bird (da war sie wieder!) setzen mit ihren unvergleichlichen Stimmen Akzente - "Teardrop" wird mit minimalistischem Arrangement regelrecht entbeint - jedoch wirken die beiden im statisch-maschinösen Ambiente fast wie exotische Fremdkörper. Bemerkenswert übrigens, daß MASSIVE ATTACK in ihren heavysten Momenten, wenn ihr Sound - einer hypnotisch-dröhnenden, ehrfurchtgebietenden Dampfwalze gleich - über uns hinwegrollt, fast wie ARCHIVE klingen (sollte es nicht eher umgekehrt sein?), denen man die Rock-Attitüde jedoch eher abkauft.
Punktabzüge: nach Miss' Topley Birds Support-Set lassen "3D" und "Daddy G" ihre Fans eine geschlagene Stunde warten, bis die wuchtige Performance gegen 22:00 Uhr mit beeindruckender Lightshow und visuellen Glanzlichtern beginnt. Und eine knappe Stunde später bereits wieder endet, bevor die Band (das Projekt) zu einer dreiviertelstündigen "Zugabe" zurückkehrt. Um dann nicht mehr zurückzukehren. Ein teurer Spaß. Ohne Pointe.


Massive Attack (mit Martina T.B., 3D, Horace Andy,Daddy G)

Text + Fotos: Toff