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Di, 03.07.2012 Rockhal-Club, Esch/Alzette

Patti Smith - die Hohepriesterin des Rock'n'Roll segnet die Massen (Foto: Uli S.)

Der (zweite) Besuch der alten Dame

Die Schlangen vor der Rockhal sind hunderte Meter lang, denn am heutigen Abend spielen zwei Top-Acts synchron. Von den Medien gepusht und gehypet geben im Großen Saal GOSSIP mit der zur weiblichen Rock-Ikone stilisierten Beth Ditto ein (dem Hörensagen nach) mittelmäßiges Gastspiel, während in Kleinen Club die WAHRE Ikone spielt. Im riesigen Foyer mischen sich die Fangruppen, und es ist bereits rein äußerlich unverkennbar, wer zu Miss Ditto pilgert - und wer zu Patti Smith.
Deren Konzert ist das wahre Ereignis des Abends, weit über tausend Besucher füllen den Rockhal-Club bis in den letzten Winkel (mit zahllosen Gossip-Überläufern am späteren Abend, wie ich vermute). Wir sind gekommen, um die berühmte New Yorker Poetin, Malerin, Bestsellerautorin, Fotografin und Sängerin EINMAL live zu erleben (ähnlich wie Bob Dylan drei Jahre zuvor) und erwarten eigentlich herzlich wenig - eine gediegen-schludrige Performance, eine vertonte Dichterlesung, ein letztes Aufbäumen einer 65-jährigen.
Wir könnten nicht falscher liegen an diesem Abend, denn Patti, das alte Reptil, die ergraute Punk-Schabracke, legt vom ersten Ton in Dancing Barefoot bis zum finalen Feedback-Fanal in Rock'n'Roll-Nigger einen zweistündigen Brandherd, den wir nicht mehr aus unseren Herzen löschen können und getrost als UNVERGESSLICH einordnen dürfen.

Höchst konzentriert, bei bester Spiellaune und Redseligkeit und im Verlauf des Abends immer besserer Stimme hält die Hohepriesterin eine Messe, die selbst Atheisten bekehrt, speit nach Herzenslust Rotz und Weihwasser und stellt Klassiker wie Because The Night, Pissin' In A River, People Have The Power und natürlich Gloria (nur Frederic muß leider draussen bleiben) in ein feinnerviges Wechselspiel mit Songs des brandneuen Albums Banga. Ausufernde Meditationen wie Fuji-san verwandeln sich dabei in fliegende Teppiche, die uns einfach mitreissen und auf einer scheinbar höheren Bewußtseinsebene abladen (so oder so ähnlich muß es gewesen sein, als die DOORS The End zelebrierten...)
Unterstützt wird "Großmutter Courage" (Rolling Stone) von einer fabelhaften Band, allen voran Bassist/Keyboarder Tony Shanahan und Urgestein Lenny Kaye, denen Patti große Freiräume läßt und die diese auch zu Solo-Gesangspassagen nutzen (Randnotiz: Komponist und Autor Lenny Kaye war 1972 einer der Erfinder des Begriffes Punk-Rock).
Patti selbst ist großartig bei Stimme, in Gesang und Ansagen: dieses Konzert sei ihr erstes in Luxemburg, um dann auszuschweifen - fesselnde Rhetorikerin, die sie ist - und von ihrem allerersten Luxemburg-Aufenthalt 1969 zu erzählen, unterwegs mit ihrer Schwester nach sonstwo, abgebrannt und hungrig, um dann in einer Bar euphorisch mit Pasta überhäuft zu werden, weil sie als Amerikaner erkannt wurden, die in dieser Nacht zum ersten Mal auf dem Mond gelandet waren. Wovon die junge Patti gar nichts wußte. Der ganze Saal hört ihr gebannt / entspannt zu, insbesondere als sie im brachialen Gloria dieselbe Geschichte nochmal spontan in den Songtext einarbeitet. Nicht die einzige Gänsehaut eines unerwartet großartigen Konzertabends.

Patti Smith Band feat. Urgestein Lenny Kaye, rechts (Foto: Toff)

Fotos: Uli und Toff