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18.09.2009 Den Atelier, Luxemburg

(Kein) Sex mit dem Klavier

Die berühmteste rothaarige Pianistin der Welt (Jahrgang 63) zum Greifen nah auf der Bühne des Atelier in der City von Luxemburg - leider nicht ganz greifbar, denn die Halle war so proppenvoll, daß von einem hautnahen Erlebnis nicht ganz die Rede sein konnte. Doch zunächst die eigentliche Überraschung des Abends: Foy Vance bestritt als Solist das Vorprogramm, und die Art und Weise, wie er seine begnadete Stimme und seine Gitarre via Echo-Loops einsetzte (und praktisch eine komplette Band virtuell auf die Bühne zauberte, siehe YouTube-Link), bereitete selbst mir als bekanntem musikalischen Tüftler wohlige Schauer. Und nicht nur mir: schon nach seinem ersten Song hatte diese symphatische Erscheinung den Saal voll im Griff.

-> www.youtube.com - Foy Vance - "Shed A Little Light"

Die Stimmung war erwartungsgemäß prächtig, als Tori Amos, die Grande Dame des Grand Piano, kurz nach halb zehn die Bühne erschwebte, druckvoll begleitet von John Evans (Basses, Guitars, Pedals) und Matt Chamberlain (Drums). Und zumindest die erste anderthalbe Stunde hielt sie mich völlig in Bann mit einem prallen Set aus atmosphärisch-mäandernden, fast hypnotischen Songs ihrer mittlerweile über 18-jährigen Karriere, Marke "Professional Widow" (wobei das "Cornflake Girl" schon an 3. Position startete ... ihr größter Hit "Crucify" hingegen gar nicht). Ihre Stimme ist nach wie vor eine Wucht, und das meine ich im Sinne des Wortes! Offenbar völlig anstrengungs- und schwerelos meistert sie sämtliche Untiefen und Höhen ihrer vor Untiefen und Höhen nicht gerade armen Kompositionen; nur im letzten Drittel des 130-minütigen Sets wird die Chose etwas anstrengend und ermüdend, das kann aber auch daran liegen, daß ich - der ich genau so alt wie die Protagonistin des Abends bin - mit einer anstrengenden Bürowoche in Gliedern und Gemüt am späten Freitagabend auffassungsmäßig vor lauter Untiefen nicht mehr ganz auf der Höhe bin.
Zum sexuellen Akt mit ihrem Klavier kam es indes nicht - ihre Gesten sind sparsam, ihr Kokettieren mit dem ergebenen Publikum effektvoll, aber wohl dosiert, ihr Freiraum zwischen ihren Keyboardburgen per se begrenzt. Erstaunt gebe ich zu Protokoll: diese Dame ist - obwohl offenkundig etwas spinnert - weniger Enfant terrible denn Vollblutmusikerin. Insbesondere in ihren Solo-Pianostücken "Silent All These Years" und ihrer umwerfenden Version von "Smells Like Teen Spirit" ist sie ganz bei sich angekommen - und ich bei ihr.

Zitat Uli S. aus SLS:
"Kein Witz: ich habe sie im Herbst 1991 (kurz vor Veröffentlichung ihres Debütalbums) live in der Bar unseres Studentenwohnheimes (!!!!) in Leicester gesehen. Näher ist noch nie ein Mensch dem Sex mit einem Klavier gekommen...."