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So, 27.05.2012 Colos-Saal, Aschaffenburg

Die letzten ihrer Art

Die 220 km-Reise nach Aschaffenburg geht 32 Jahre in die Vergangenheit.
Das sind alle sieben Kilometer ein Jahr.
Um zu verstehen, welche emotionale Dimension dieses Konzert hat, muß ich erklären, welcher Urknall sich 1980 in meinem musikalischen Kosmos ereignete.
UK - ein Bandname, der sich nicht gut googeln läßt und nur deshalb entstehen konnte, weil Google damals noch nicht erfunden war - UK waren eine äußerst kurzlebige Supergroup des Progressive Rock, der zu dieser Zeit bereits vom Aussterben bedroht und vom Punk rechts überholt wurde. Eddie Jobson, gleichermaßen brillanter wie blutjunger Keyboarder, Pianist, Geiger und Komponist, spielte bereits bei Curved Air, Roxy Music und Frank Zappa, sein Partner John Wetton, Bassist und Sänger, kam von Family über King Crimson zu UK. Auf dem jazzrocklastigen Debüt "UK" (1978) ergänzten die Gottähnlichen Bill Bruford (Ex-Yes, King Crimson) und Allan Holdsworth (Ex-Gong) das Quartett; Breitwandepen wie In the Dead of Night sind zeitlose Klassiker dieses Dinosaurier-Genres. Bruford (dr) und Holdsworth (g) stiegen zwar aus - doch es kam noch besser: Danger Money erschien Ende 1979 (zum Trio geschrumpft, powered by Zappa-Drummerbestie Terry Bozzio) und wurde über Jahre hinweg zur erfolgreichsten, meistgehörten Platte meines gesamten Freundeskreises: sechs in Marmor gemeiselte Songs für die Ewigkeit, allen voran Caesar's Palace Blues - der größte, kraftvollste gitarrenlose Rocksong aller Zeiten. Als Epitaph folgte das Livealbum Night after Night (1980), auf dem sich UK unter Wert verkauften, bevor Jobson mit Jethro Tull auf "A"-Tournee ging, seinen Einstieg bei YES ("90125") versaubeutelte und eine letzte Duftmarke mit dem New Age-Wunderwerk Theme of Secrets (1985) hinterließ, während sich Wetton mit ASIA verfranste.
Wir hatten also nie die Gelegenheit, UK live zu erleben. Dazu müssen erst drei Jahrzehnte vergehen, bis Jobson seinen Elfenbeinturm verläßt, um sich wieder mit Wetton und Bozzio zusammenzuraufen - was einer persönlichen Götterdämmerung gleichkommt, während sich die Musikgeschichte nur ein gelangweiltes Lächeln abzuringen vermag.

Zurück in die Gegenwart - Eddie Jobson und John Wetton geben nur ein halbes Dutzend Europa-Konzerte (inkl. dem einzigen Deutschland-Gig in Aschaffenburg), leider ohne Terry Bozzio, stattdessen verstärkt durch den jungen ziegenbärtigen Wundergitarristen Alex Machacek und Ex-Level 42-Drummer Gary Husband, die ärmste Sau des Abends.
Wir haben miteinander geredet und waren einer Meinung. Dazu später mehr.
300 Zuschauer im gut gefüllten Colos-Saal skandieren die unvermeidlichen UK-UK- Rufe, bis Eddie endlich zu den bleischweren synthetischen Schwaden von Alaska die Bühne vereinnahmt. Dieses berühmte Intro sind die einzigen zwei Minuten des Konzertes, in denen nicht viel passiert - davon abgesehen, daß die Spannung zum zerreissen ist.
Jobson, mittlerweile Mitte 50, wirkt wie ein stoischer englischer Edelmann, seine Ansagen sprühen vor Witz, Gewandtheit und Selbstironie: sie würden jetzt ein Stück spielen, das man eigentlich gar nicht spielen könne, denn es sei "much too difficult to play (Nevermore)" - als ob das nicht auch auf alle anderen Stücke zutreffen würde. Und das sie irgendwie knapp 32 Jahre gebraucht hätten, um hier zu landen... um dann gleich mit 30 Years fortzufahren. Soviel Zeit muß anscheinend auch vergehen, um sich und seine Musik nicht mehr ganz so bierernst zu nehmen.

In den folgenden zwei Stunden bleibt trotz des rasenden Sekundenzeigers die Zeit einfach stehen. Das Quartett serviert in geradezu reaktionärer Bockigkeit fast das komplette Material der beiden UK-Studiowerke (unter unerwarteter Auslassung der etwas eingängigeren Klassiker Nothing to lose und Time to kill) sowie Auszüge aus der Wetton'schen King Crimson-Phase (Starless, One More Red Nightmare, Book of Saturday).
Von musikalischer Weiterentwicklung oder gar Modernismen keine Spur, aber diese höllisch verfrickelten ProgRock-Klassiker nochmal live erleben zu dürfen, entschädigt massiv für den ein oder anderen holprigen Einsatz. Derer gibt es zur Genüge, und das macht die Chose sympathischer und lebendiger als erwartet: Jobson schleudert manch mißbilligende Blicke Richtung Gary Husband, der ärmsten Sau des Abends, Wetton schert sich einen Dreck, ob sein lila Strampelanzug ein klein wenig daneben wirkt oder sein Bass bei aller brachialen Höhenbrillanz ein klein wenig mehr nach Bass klingen könnte, und Machacek spielt nahezu reglos die unfassbarsten Soli und Unisono-Riffs (Presto Vivace), der heimliche Star des Abends.
Nur die Solopassagen bleiben hinter den Erwartungen zurück: Eddies Piano-Etüden (mit Ausschnitten aus Theme of Secrets) bringen keine neuen Erkenntnisse (außer daß er immer noch einer der besten seiner Art ist), sein überlanges Violinensolo enttäuscht durch bloße Effekthascherei. Wetton ist grandios bei Stimme, überläßt das Reden aber zu großen Teilen Mr. Jobson, doch das gegenseitige Frotzeln ist einfach hinreissend. Die Lust am gemeinsamen Musizieren ist jederzeit spürbar, auch wenn sich jeder bewußt ist, daß dieses Projekt völlig aus der Zeit gefallen ist und seine beste schon längst hinter sich hat. Chirurgie statt Rock'n'Roll. Was diese UK-Inkarnation nicht davon abhält, volle zwei Stunden ihren akademischen Acryl-Rock abzuliefern.
Die zweite Zugabe bringt dann noch eine echte Überraschung - Wetton und Jobson alleine auf der Bühne, eng umschlungen hätte ich jetzt beinahe geschrieben, das unverwüstliche Rendezvous 6.02 nur zur Pianobegleitung - der intimste, schönste Moment des Abends. Wir alle wissen, daß wir das nie wieder erleben werden.

Nach dem Konzert läuft uns auf der Gasse Gary Husband in die Arme, quarzend und schweißgebadet. Ich spreche ihn auf den häufigen Blickkontakt mit Eddie an und frage, is it really fun to play the parts of Bruford and Bozzio? Der überaus nette Kerl erklärt uns staunenden Zuhörern, daß sie in dieser Besetzung erst dreimal zusammen gespielt und praktisch nicht geprobt hätten. DAFÜR wars einigermaßen passabel, Mr. Husband ;-)
Oder, um eine berühmte Kritik von 1978 über In the Dead of Night zu zitieren:
es ist nicht schwierig, in diesem 7/8-Rhythmus zu rocken - es ist unmöglich!

Fotos: Toff