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Di,14.08.2012 den Atelier, Luxemburg

God bless Americana

WILCO, Kritikerlieblinge aus Chicago und Abonnenten auf die Platten des Jahres im Rolling Stone Magazin, überlassen zunächst dem Singer/Songwriter Roddy Hart die Bühne - der zur Akustischen mit stimmlichem Vibrato zu überzeugen weiß - und beginnen ihr Konzert gegen halb zehn mit dem epischen, 12-minütigen Abschlußstück des neuen Albums - One Sunday Morning, drei warme Akkorde, die immer wieder wiederholt werden, zunehmend betören, an Dynamik gewinnen und am ehesten dem einen Wilco-Prädikat Alternative Country gerecht werden. Danach folgt mit Art Of Almost das Eröffnungsstück des aktuellen Albums - ein elektronisch getriebener Presslufthammer von einem Rocker, in dessen 7 Minuten sogar Prog-Rock-Fans mühelos Freudentränen vergießen würden.
Mit diesen beiden Songskulpturen als Eckdaten und Konzertopener schütten Wilco schlichtweg ALLES auf die Bühne, was in moderner ROCKMUSIK überhaupt MÖGLICH ist! Die Spannungsbögen zwischen diesen beiden Songs könnten nicht größer sein, ein weiterer Spagat scheint für diesen Moment undenkbar, ja es ist schier unglaublich, daß beide Songs von derselben Band, vom gleichen Album stammen!
Und damit wäre schon das wichtigste gesagt über das Genre, die Schublade, in die man WILCO stecken kann - es gibt sie schlichtweg nicht. Bandmaster Jeff Tweedy pendelt genüßlich zwischen den musikalischen Welten, jedoch immer durch das Heimatliche geerdet, was man neudeutsch gerne als Americana bezeichnet, wenn man nicht mehr weiter weiß. Oder wie soll man einen Song wie Via Chicago (eine der Zugaben) einordnen? Sonnige Popmusik, die sich an mehreren Stellen durch kardiale Krachattacken selbst zerstört? Grandios!

Überhaupt ist Tweedy ein Monument des Unmodischen, sein Outfit geht Richtung unmöglich, aber originär. Und seine stimmliche Präsenz ist überwältigend, gekrönt durch manch witzige Ansage (Luxemburg - you got a nice country, you kept it very clean). Dennoch ist Solo-Gitarrist Nels Cline der eigentliche Held der Bühne - es ist nicht mit Worten zu beschreiben, was er aus dutzenden Gitarren und abertausenden Effektgeräten hervorzaubert.
Es sind jedoch weder Cline noch Tweedy alleine, sondern das formidable Zusammenspiel der sechsköpfigen experimentier- und spielfreudigen Band, die dieses Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Jeff Tweedy hat mit Plattenfirmen jahrelange Kämpfe um die künstlerische Freiheit der Band geführt. Künstlerische Freiheit - das ist genau das, was wir heute abend in weit über zwei Stunden geboten bekommen - Streifzüge durch amerikanische Landschaften mit unbegrenzten Möglichkeiten, gekrönt durch den größten aller WILCO-Songs, der dann ausgerechnet Impossible Germany heißt...

WILCO mit Nels Cline (links) und Jeff Tweedy (mit modischem Hut) im Atelier

Alle Fotos: Toff