CALEXICO - ihre Musik zu beschreiben bereitet unserem rasenden Reporter etwas Mühe; das Konzert in Luxemburg hingegen ist von fast schwereloser Eleganz, vergleichbar mit diesen vertrockneten Gestrüppballen, die der Prairiewind gerne über die Leinwand fegt (bevorzugt in The Big Lebowski)

Sa, 25.04.2015 den Atelier, Luxemburg

Calexico (Foto: Zippo Zimmermann) V.l.n.r.: Jairo Zavala, John Convertino, Jacob Valenzuela, Martin Wenk, Sergio Mendoza, Joey Burns, Ryan Alfred


Bei Calexico klingelt das Telefon, ein alter schwarzer Bakelitknochen tanzt auf der Gabel, während draußen vorm Fenster ein Tumbleweed (Ruthenisches Salzkraut) vom Wind vorbeigetrieben wird.
"Convertino." - "Hey, wir sind die Barr Brothers aus Kanada und würden euch gerne auf eurer Tour durch Old Europe supporten!"
"Ich hab euch mal auf Radio Paradise gehört" - Convertino rückt seine Hornbrille zurecht, "aber Achtung, wir haben 35 Instrumente und 7 Musiker auf der Bühne und sehr sehr wenig Platz. Was braucht ihr?" - "Och, nur ein Drumset, mehrere antike Tastenmöbel und ähnliches Gerümpel, Dulcimer, drei Gitarren, eine ausgewachsene Konzertharfe und ein Kontrabass." - Kurzes Schweigen. "Kein Problem, aber Tequila müßt ihr selber mitbringen."

Wenn Tarantino zum nächsten Spaghettiwestern durch die Steppe reitet und ruthenische Salzkräuterballen träge durchs Bild schweben, könnte ein Song von Calexico im Hintergrund laufen.
"Calexico? Was machen die für' Musik?"
"Americana..."
"Amerikaner!"
"...mit mexikanischen Einflüssen. Alternative Country mit Mariachitrompeten".
Stirnrunzeln bei meinem Gegenüber.
"Eine ganz eigene Mixtur aus Folklore, Rock, Latin, Dub, Avantgarde und Jazz. Kommen NICHT aus der kalifornischen Grenzstadt Calexico, die auf der mexikanischen Seite bekanntlich Mexicali heißt, klingen aber genau so. Ich habe Waltzer vergessen, Gringo-Rock im 3/4-Takt, Vibraphon meets Slideguitar, eingängige Melodien und unwiderstehliche Rhythmen zuhauf, Chilling con carne mit einem kräftigen Schuss Tabasco."
"Verstehe." - "Tust du nicht."
Du mußt sie erlebt haben - diese raumgreifende Energie, Nonchalance und Chemie zwischen den Musikern, von denen gefühlt die Hälfte mexikanische Wurzeln hat (also 3 1/2). Frontmann Joey Burns ist einer unter vielen, sein Partner John Convertino verbringt den Abend stoisch trommelnd im Hintergrund, ihre Band ist dermaßen vielseitig und vielstimmig, daß die beiden Calexico-Gründer aus Tucson, Arizona, ihnen großzügig Freiraum und Vortritt lassen. Es gibt Momente der Opulenz (wie beim mitreissenden "Alone again or", jenem unsterblichen Song aus "Forever Changes", einem längst vergessenen Meisterwerk der Band LOVE aus dem Jahr 1968), aber auch der Intimität (wenn Burns alleine mit Bassist Ryan Alfred "Let it slip away" intoniert). Titel wie "Minas de cobre", "Esperanza" oder "Güero Canelo" verdeutlichen, daß Calexico wahre Grenzgänger sind - musikalisch und linguistisch.
Die Bühne des Ateliers ist an diesem Abend ein Dickicht aus Instrumenten, die alle gespielt werden wollen. Und werden. Zwei Stunden lang gehen Publikum und Band eine enthusiastische Symbiose ein, gekrönt von der Ansage, daß man sich heute umgetauft habe - in Caluxico.

Bei mir klingelt das Telefon. "Toff." - "Convertino. Du hast die Barr Brothers vergessen!"
Wie könnte ich!? Von einem Support zu reden wäre fast eine Verunglimpfung. Wann erlebt man mal eine Vorgruppe, die den ganzen Saal vom ersten Ton an begeistert und gar eine Zugabe spielen muß!? Hypnotischer, elektrisierender Folk von einem unrasiert-zotteligen Brüderpaar, akustisch und optisch flankiert von ihrer anmutigen Harfenistin. Hier wird auch den entzündeten Augen etwas geboten. Und dann sprechen die Unrasierten auch noch französisch (Montreal!) - die Luxemburger sind bereits kurz nach Dämmerung aus dem Häuschen. Daran wird sich bis zum Ende dieses berückenden Konzertabends nichts ändern.
Bei der Heimfahrt huschen imaginäre ruthenische Salzkräuterballen über die nächtlichen Straßen...


Setlist Calexico 25.04.2015 Luxemburg

1. Falling From the Sky
2. Across the Wire
3. Cumbia de Donde
4. Splitter
5. When The Angels Played
6. Minas de cobre (For Better Metal)
7. Moon Never Rises
8. Sonic Wind
9. Black Heart
10. Dub Latina
11. World Undone
12. Esperanza
13. Let It Slip Away
14. Coyoacán
15. Beneath the City of Dreams
16. Two Silver Trees
17. Alone Again Or
18. Puerto

Encore:
19. Bullets & Rocks
20. Tapping on the Line
21. Sunken Waltz
22. Güero Canelo

Encore 2:

23. Follow the River

Danke an Zippo für das Konzertfoto!
www.designladen.com