Fr, 29.08.2014 den Atelier, Luxemburg

Jamie Cullum - viel näher kann allenfalls der Zahnarzt dem Künstler kommen... (Foto: Toff)

Jamie bekommt Flügel

Mr. Cullum versichert seinem Publikum in einer seiner eloquenten Ansagen, daß er ganz bewußt wegen der Atmosphäre wieder ins Atelier gekommen sei. Unnötig zu erwähnen, daß er auch die wesentlich größere Rockhal in Esch gut füllen könnte. So ist unser Luxemburger Lieblingsclub an diesem denkwürdigen Abend bis in die hintersten Reihen besetzt. Sold out! Und es dauert im Konzert auch nur wenige Sekunden, bis man versteht, warum das so ist. Man muß nicht viele Alben von Jamie besitzen, braucht nicht viele Songs zu kennen, man kann gar völlig unbelastet und ohne jegliches Insiderwissen vor der Bühne stehen, wenn der Mann loslegt; es ist jedoch völlig ausgeschlossen, beim Opener The Same Things still stehenzubleiben und nicht sofort elektrisiert zu werden! Dieser Künstler macht keine Gefangenen, von Beginn an tritt er aufs Gaspedal seines Flügels und wird die kommenden zwei Stunden auch nur selten Tempo und Energie drosseln, und selbst bei stecknadelruhigen Pianoballaden wie Blackbird oder Gran Torino klebt das Publikum an seinen Lippen.
Der britische Thirty-something präsentiert einen virilen Crossover aus Jazz und Pop und schafft dabei das Kunststück, keines der beiden Lager zu vergraulen. Wer Elternteile aus Myanmar und Israel (mit ostpreußischen Vorfahren) im Stammbaum hat, der kriegt auch locker Cole Porter und Rihanna unter einen Hut. Dabei wird er unterstützt von einem schlichtweg grandiosen Quartett, das wie ein Mann hinter ihm steht. Die Jungs teilen Saxofon, Trompete, Flügelhorn, Synthies, Gitarre, E- und Kontrabass, Drums, Glockenspiel und abertausende Percussions und Chorgesänge unter sich auf und werden von Jamie gebührend in Szene gesetzt - Entertainer, Rampensau und Teamplayer in Personalunion.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll bei den Highlights des Abends: meiner ersten Begegnung mit Jamie Cullum, im wahrsten Sinn des Wortes, Aug in Auge bei seinem Ausflug ins Publikum (Love For Sale). Sein Schlagzeugsolo auf dem Konzertflügel (!). Die Welturankündigung und -aufführung dreier Songs seines für Oktober angekündigten reinen Jazzalbums Interlude. Oder dieses gänsehauterregende Finale mit dem Song Mix Tape, bei dem der ganze Club aus unzähligen Kehlen mi-nu-ten-lang den Schlußchor wiederholt, bis Jamie alleine auf die Bühne zurückkehrt, in den Chor wieder einsetzt, das Publikum sanft ausbremst und eine improvisierte Barjazzballade über Luxembourg anstimmt - wären da Schwärme von Fliegen gewesen, sie wären alle in meinen offenen Mund geflogen.



Setlist

The Same Things
Get Your Way / Get Out My Life Women
I'm All Over It
Wheels
Just One of Those Things
Blackbird
Save Your Soul
These Are the Days
Interlude
Don't You Know Me Babe
The See's Tower
Wayfairing Stranger / I Need You Babe / Drop It Like It's Hot / Frontin'
Love for $ale
When I Get Famous
Don't Stop the Music
I Think, I Love
All at Sea
High and Dry
Twentysomething
Mixtape

Encore:
Luxembourg
Gran Torino

Jamie auf Tuchfühlung