Do, 11.07.2013 Rockhal, Esch/Alzette

Crazy Horse TV - wie ein Hurrikan erschüttert der Alte Mann die Luxemburger Rockhal

My My, Hey Hey - Rock'n'Roll is here to stay


"Crazy Horse ist ein unbezähmbares Tier. Es will spielen. Jeder, der einmal eine volle Horse-Dröhnung bekommen hat, weiß, wovon ich rede"
(Neil Young, aus seiner Autobiografie "Neil Young - ein Hippie Traum")

Crazy Horse
- benannt nach einem Indianerhäuptling vom Stamme der Lakota - bestehen aus Frank „Poncho“ Sampedro (g, voc), Mike Talbot (b, voc) und Ralph Molina (dr, voc), eine bewährte Begleitband, auf die Neil Young seit vier Jahrzehnten immer wieder gerne zurückgreift. Sie sind keine brillanten Techniker - sie pfeifen auf brillante Technik und spielen das, was sie können: gottverdammten schnörkellosen dampfenden Americana-Rock wie eine geölte Maschine, über deren Triebwerken Neil Youngs raumgreifende Soli erst so richtig abheben können: seine Gibsons klingen wie berstende Stahlplanken eines sinkenden Frachters, und seine Fracht ist die Essenz des Rock'n'Roll. Ein lebendes Monument an Integrität und Nonkonformismus, der sich bei seinem Repertoire leisten kann, ein Dutzend eigene Hits und Meisterwerke NICHT zu spielen.

Doch zunächst gehört Jonathan Wilson und seinen vier zottelmähnigen Mitstreitern die Bühne: eine halbe Stunde spielt er Songs aus seinem vielbeachteten Debut Gentle Spirit - insbesondere die großartigen, epischen Desert Raven und Valley of the Silver Moon zeigen seine Klasse als Gitarrist und Arrangeur - sowie zwei brandneue Stücke, die ebenfalls verheißungsvoll klingen: eine Schnittmenge aus Grateful Dead und Pink Floyd, relaxed vorgetragen, mit beeindruckenden Spannungsbögen - einer der besten Support-Acts, die ich je erlebt habe. Chapeau!

Jonathan Wilson Quintett - fantastischer Support für die alten Herren

Dann entern Straßenarbeiter und weißhaarige Weißkittel die Bühne, zetern um die Wette, bauen um, ab und wieder auf, ein herrlich kurioses Gewimmel, bis unter lautem Getöse und dem Jubel der gut 8000 Besucher in der restlos gefüllten Rockhal die überdimensionalen Flightcases in den Bühnenhimmel gehievt werden, bis die ebenso überdimensionalen Verstärkertürme (allesamt monströse Attrappen) enthüllt sind, dies alles zu den Klängen von A Day in the Life - und punktgenau zum Schlußakkord wird die Landesflagge gehisst, es ertönt die Luxemburgische Nationalhymne Ons Heemecht, zu der alles Bühnevolk nebst Neil Young und Crazy Horse mit Hand an der Brust andächtig strammstehen. Was für ein köstliches Kuriositätenkabinett!
Die Bühne ist gigantisch, dennoch operieren die vier Hauptakteure des Abends auf Bierdeckelradius vor Molinas Drumset, nahezu mit Körperkontakt, eine eingeschworene Gemeinschaft, die schnaubend wie ein kohlebefeuertes Stahlross mit einem nicht endenwollenden Love and Only Love Fahrt aufnimmt, mit Powderfinger noch eine Schippe drauflegt - womit die klassischen Young /Crazy Horse-Alben Ragged Glory (1990) und Rust Never Sleeps (1979) frühzeitig zitiert werden - gefolgt von Psychedelic Pill (2012), und der nahtlose Übergang unterstreicht die Zeitlosigkeit des neuen Materials und den Brückenschlag zu vergangenen Großtaten. Vielen zumeist weiblichen Zuschauern ist dieses akustische Stahlbad zuviel Rock'n'Roll, zuwenig Country & Folk, sie verlassen vorzeitig die Rockhal. Und verpassen den Höhepunkt der 2 1/2-stündigen Tour de Force - eine gefühlt halbstündige Version von Walk Like a Giant mit (wie eine mir vertraute Gitarristin betonen würde) unkonkreten Soli an der Zahl und einer finalen endlosen Feedback-Orgie, ein brachialer Drone, wie ich es noch NIE in einem Konzert erlebt habe! Meine Fresse, die alten Herren sind um die 70 Lenze alt und lassen viele junge Bands dagegen einfach nur ALT aussehen!
Doch der alte Neil, unbeugsamer Eigenbrötler vor dem Herrn, gewährt uns auch Verschnaufpausen - alles hautnah eingefangen von mehreren Kameras, die ihre Livebilder auf die Bühne flankierenden gigantischen Retro-Fernsehbildschirme übertragen: nur zur Akustischen und der unvermeidlichen Mundharmonika spielt er Heart of Gold und das (verzichtbare) Blowing in the wind, um dann am Klavier das absolut bezaubernde, völlig unbekannte Singer Without a Song nachzureichen - was für ein schöner, erhabener Moment!
Und dann lassen sie es wieder krachen, ein Highlight jagt das andere: Ramada Inn (stärkster Song aus Psychedelic Pill), Cinnamon Girl, Fuckin' Up, das uralte Mr. Soul (von 1967!) sowie das unverwüstliche Hey Hey, My My kommen wie aus einem Guß, und erst beim Zugaberufen wird einem klar, was der Mann an Klassikern alles weggelassen hat. Die Zugabe gestaltet sich bemerkenswert leidenschaftslos - wir wollen es den alten Herren zugestehen - aber belohnt uns mit Mr. Youngs erster und einziger Ansage des langen Abends. Vielleicht belohnt er seine Fans am kommenden Abend in Köln ja mit Like a Hurricane... das käme einer Beschreibung seiner Musik sehr sehr nahe.

Unkonkrete Gitarren - Neil Young & Crazy Horse in der Rockhal (Unkonkretes Foto: Toff)

Setlist

Intro (A Day In The Life & Ons Heemecht)
Love and Only Love
Powderfinger
Psychedelic Pill
Walk Like a Giant
Hole in the Sky (previously unreleased)
Red Sun
Heart of Gold
Blowin' in the Wind (Bob Dylan cover)
Singer Without a Song (previously unreleased)
Ramada Inn
Cinnamon Girl
Fuckin' Up
Mr. Soul (Buffalo Springfield)
Hey Hey, My My (Into the Black)

Encore:
Roll Another Number (For the Road)
Everybody Knows This Is Nowhere