Fr., 26.07.2013 Casino, Saarburg

Das "bestgehütete Geheimnis der Schweiz" (Foto: Alex)

Sophie, die Zweite ...


Ich kriege weiche Knie vor so viel Musikalität...
Gerade mal dreieinhalb Monate ist es her, daß uns die junge Schweizerin begeistert hat ( -> Do, 11.04.2013 Garage, Saarbrücken ). Aber das Leben ist zu kurz, um auf schlechte Konzerte zu gehen. Warum sich also nicht erneut begeistern lassen?
Das Open Air bei bestem Sommerwetter am Saarburger Spielcasino wirkt etwas improvisiert, und wie sich das so für Geheimtipps gehört, ist der Publikumsandrang auch nicht allzu groß. Das Leben ist ja auch nicht allzu gerecht.
Mick Flannery eröffnet den Abend mit wirklich bezaubernden, ergreifenden Songminiaturen über die Untiefen des Lebens, die immer wieder den melancholischen Iren in ihm heraushängen lassen. Dabei singt er zu Klavier und Gitarre mit einer solch reduzierten Mimik, als wollte er sagen "tut mir leid, euch hiermit zu belästigen". Das ist Belästigung auf hohem Niveau. Unvergessen bleibt sein bescheidener Hinweis auf den Merchandising-Stand: "...there... CDs and stuff". Punkt.
Frau Hunger ist da von ganz anderer Präsenz auf der Bühne, nicht ohne ihren (überragenden) Musikern ein Höchstmaß an Freiraum zu geben. Ihr Allround-Quartett wird diesmal verstärkt durch den teuflischen Schweden Mattis Cederberg, ein imposanter Posaunist mit Talibanbart, Tattoes, knallroter Hose und lustigen Schuhen. Das Programm unterscheidet sich in einigen Songs und Arrangements vom Saarbrücker Gastspiel (s.u.), die Band scheint noch enger zusammengerückt zu sein, das blinde Verständnis untereinander (Highlight: die Jazzimprovisation inmitten von "Das Neue") treibt mir Freudentränen ins Gesicht. So nahe an der Sophie Hunger-Band dran zu sein - wie lange wird das noch möglich sein?

Sophie schreit sich die Seele heraus, macht aber auch die reizendsten Ansagen mit märchenhaften Geschichten über ihre Mitmusiker (Fotos: Alex)

Alexis Anérilles - "verdammt gut aussehender Franzose, der leider gar nichts spielen konnte und dem ich alle Instrumente beigebracht habe" (Zitat: Sophie, Foto: Alex)

Die Frau, der man schon mal zu Füßen liegt - nebst farblich abgestimmtem Posaunistenbeinkleid (Foto: Alex)



...und hier der ausführliche Konzertbericht aus der Saarbrücker Garage:

Do, 11.04.2013 Garage, Saarbrücken

Sophie Hunger (Saarbrücken 11.04.2013, Foto: Alex)

Sophies unbegreifliche Welt


"Sie hat etwas, was die Leute nicht begreifen" (Tobi Müller)


Um sich ein Bild vom Phänomen Sophie Hunger zu machen, bitte ich euch um fünf Minuten eurer kostbaren Lebenszeit. Lehnt euch zurück, esst einen Keks und schaut euch bewußt diesen Film an:
Sophie Hunger - Souldier (Veröffentlicht am 21.03.2013)

Wenn ihr jetzt keine Gänsehaut habt oder nicht zumindest irgendwo ANGESPROCHEN seid, braucht ihr nicht weiterzulesen. Ihr werdet es nicht begreifen.

Sophie Hunger ist das "bestgehütete Geheimnis der Schweiz" (Libération).
War es. Denn mittlerweile füllt sie europaweit die Clubs, und sogar in der saarländischen Konzertdiaspora drängen sich etliche Sophiestiker vor der Bühne der Garage. Vorhänge aus Glühbirnen umkränzen die Bühne, Girlanden aus Licht, die das Konzept des aktuellen (formidablen) Albums "The Danger of Light" wirkungsvoll und dennoch unaufdringlich unterstreichen.

Mittelpunkt ist Sophies Flügel, an dem sie Teile des Abends verbringt und an dessen Tasten sich immer wieder ihre Musiker hin "verirren". Denn trotz der Kulisse steht die Musik klar im Vordergrund: gut zwei Dutzend Instrumente kommen an diesem verregneten und dennoch wundervollen Abend zum Einsatz - von Fluegelhorn über Cello bis zum Glockenspiel - die Protagonistin ist quasi umzingelt von höchster Musikalität und begnadeten Multiinstrumentalist(inn)en:

Alexis Anérilles (trumpet, fluegelhorn, rhodes, minimoog, hammond, piano, bass & voice)
Simon Gerber (bass, guitar, voice & clarinet)
Sophie Hunger (vocals, electric and acoustic guitars, piano & harmonica)
Alberto Malo (drums, percussion, glockenspiel & voice)
Sara Oswald (cello, voice, piano, minimoog & glockenspiel)

Punkt viertel nach acht entert das französisch-schweizerische Quintett die Bühne, die es erst eindreiviertel Stunden später nach sechs Zugabensongs verwaist zurücklassen wird. Die ersten drei, vier Songs verschmelzen ineinander und werden am Stück serviert, bis sich Sophie endlich zu einer Ansage hinreissen läßt: sie erzählt von ihrem ersten und bislang einzigen Saarland-Besuch als juvenile (und zu klein geratene) Basketballerin, die ihren Schlafsack vergessen hatte und die nächtliche Stadt durchstreifte, um nicht kalt zu kriegen. Selbst wenn das ein Märchen ist - sie hat uns damit alle umwendend im Sack und macht diesen postwendend zu mit atemberaubend facettenreichen Songs, die sie abwechselnd in Englisch, Französisch, Deutsch und Schwyzerdütsch mit einer Stimme irgendwo zwischen zerbrechendem Glas und der Power eines Schlagringes vorträgt. Wenn man glaubt, sie in eine Schublade zwischen Folk, Jazz, Pop, Soul oder IndieRock stecken zu können, macht sie im nächsten Moment wieder etwas völlig anderes. Das ist manchmal verstörend, oft überraschend und immer faszinierend. Wie ihre Lieder zwischen lauten und leisen Passagen hin und her fließen, wie ihre virtuosen Mitstreiter auf sie eingehen, ihnen Farbe geben, alle Nuancen herauskitzeln - das reisst das Publikum zu echten Jubelstürmen hin.
Kreuz und quer führt das Programm durch ihre vier Alben, und Stück um Stück wird klar: hier passiert etwas Großes; hier steht eine wahrhaftige Künstlerin und Poetin vor uns, die ihr Herz auf die Saiten ihrer Telecaster spannt. An ihr ist nichts falsches, aufgesetztes, oberflächliches. Sophie Hunger ist echt. Und unbegreiflich gut.

Sophie Hunger (Saarbrücken 11.04.2013, Foto: Alex)

www.youtube.com/ Sophie Hunger - Your Personal Religion