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Di, 20.05.2014 Rockhal, Esch/Alzette

Christopher Russell Edward Squire - die Sub-Dominante bei YES

YES is no Disgrace

Die neuesten Songs, die es an diesem Abend zu hören gibt, sind 37 Jahre alt und stammen aus GOING FOR THE ONE (1977). YES spielen das Album in voller Länge in Originalreihenfolge. Damit nicht genug: das zweieinhalbstündige Konzert beginnt mit einem anderen Klassiker - der Meilenstein CLOSE TO THE EDGE (1972) wird ebenfalls in vollständiger Länge heruntergespielt; folgerichtig beginnt das Spektakel (nach der notorischen Feuervogel-Suite) mit dem 18-minütigen Titelstück, das sich damals ehrfurchteinflößend über eine komplette LP-Seite wälzte. Dinosaurier machen keine Gefangenen. YES sind extremistische Dogmatiker und legen daher im zweiten Set noch einen drauf: mit THE YES ALBUM (1970) wird gar ein drittes Album in seiner Ganzheit präsentiert - die eigentliche (und einzige) Überraschung des Abends, aber dazu später.
Die Frage drängt sich auf: was zum Teufel machen die da? Warum dieser historisierende Eskapismus, wenn in einem Monat ein neues Werk mit brandneuen Studioaufnahmen erscheint? Nun gut, wer Songs aus HEAVEN & EARTH (2014) hören will, muß im Sommer zur US-Tour fliegen (und kriegt obendrein den Klassiker FRAGILE zu hören). Falls die Herzschrittmacher der alten Herren das noch mitmachen.
Im Ernst: so langsam muß man sich Sorgen machen um die einstigen Helden. Vor genau zehn Jahren in Karlsruhe habe ich sie zuletzt gesehen - im klassischen Lineup mit Jon Anderson, Rick Wakeman, Chris Squire, Steve Howe und Alan White - und bei den einleitenden Steel-Guitar-Tönen von Going For The One schossen mir damals einem anaphylaktischen Nostalgieschock gleich Tränen in die Augen! So locker, entspannt und selbstironisch hatte ich die Band noch nie erlebt - und das wird auch so bleiben, denn das Konzert zehn Jahre danach trägt eher zur Entmystifizierung der Gottähnlichen bei.

YES 2014 mit Downes, Davison, Howe, White...

...und Squire - Rickenbacker-Gottheit, gewichtiger Chorknabe und YES-Namensträger

Vom aktuellen Lineup hat nur der neue Sänger Jon Davison ganz offensichtlichen Spaß auf der Bühne. Er ist viel mehr als bloßer vokalakrobatischer Ersatz des berühmten Jon Anderson (und könnte locker dessen Sohn sein). Schon die Namensähnlichkeit ist verblüffend, seine Stimme erklimmt mühelos die höchsten Höhen, auch wenn der krankheitsbedingt ausgeschiedene Anderson insgesamt das kraftvollere Timbre hatte. So ist Davison der optische Katalysator zwischen den beiden verbliebenen Protagonisten Howe und Squire, die sämtliche Ansagen übernehmen und sich - von einem Ausflug Squires zum linken Bühnenrand abgesehen - ansonsten nicht in die Quere kommen.
Steve Howe's immer noch brilliantes jazziges Spiel auf tausendundeiner Gitarre hat sich fast jegliche Rockismen ausgetrieben, was durch seine askethische Erscheinung noch unterstrichen wird. Sein Solostück Clap ist eines der Highlights des Abends.
Im Gegensatz dazu hat es Chris Squire's Gewandung längst aufgegeben, die hühnenhafte Körperfülle seines Trägers zu kaschieren. Der Sitzplatz in der zweiten Reihe unmittelbar vor meinem Namens- und Sternzeichen-Vetter beschert die volle Breitseite an Rickenbacker-Vibrationen. Kein anderer Bassist spielt so kühn, dominant und soundprägend wie Squire, der zudem trotz hörbar gereifter Stimme ein immer noch exzellenter Chorsänger ist. Nur zusehen braucht man nicht unbedingt.
Von Rick Wakeman vor zehn Jahren zum aktuellen Tastengott Geoff Downes verhält es sich wie zwischen Giraffe und Komodowaran, Optik und Behändigkeit betreffend. Downes läßt jedwede Wakeman'sche aristokratische Askese vermissen und spielt mit stolz geschwellter Wampe die berühmten Keyboardkaskaden seines Vorgängers mit leicht bräsig-verwaschener Virtuosität.
Alan White's rechte Hand klebt drei Stunden lang am Ride-Becken, wie ein menschliches Metronom hält er den Takt im Orkan der Taktlosigkeiten. Früher war mehr Lametta, er war zu Beginn der 80er einer der kraftvollsten Drummer des Universums (war sogar kurzzeitig als Nachfolger des verstorbenen John Bonham im Gespräch), heute sieht man ihm bei der finalen Verbeugung deutlich den Grad der Erschöpfung an.

Wenn man die Augen schließt - was beim Anblick der älteren Herrschaften auf der Bühne manchmal von Vorteil ist - klingen YES wie ihre eigene Tribute-Band, die ihr Programm entschlackt und routiniert herunterspielt. Von Going For The One und Parallels gibt es wesentlich kraftvollere Liveaufnahmen; Turn of the Century war schon immer ein völlig verquastes Kunstkonstrukt, das nun auch nicht weniger verquast klingt; beim viel zu selten gespielten, traumhaften Wonderous Stories spielt Howe seine Portugiesische Konzertgitarre, die wie eine mutierte Mandoline wirkt und die er 40 Jahre zuvor irrtümlich als 'Vachalia' bezeichnete. Doch erst beim 18-minütigen Awaken vor der Pause kommt ein erstes Hochgefühl auf, weil sie diesen polyphonischen Ausbund an Komplexivität mit einem der grandiosesten Climaxes der Rockhistorie immer noch beseelt und innig vortragen, einer der ganz großen YES-Momente.

Noch beseelter geht es dann im mit Spannung erwarteten zweiten Set zu: das Quintett geht weit zurück in die eigene Vergangenheit und präsentiert sein drittes Album (das Debüt von Steve Howe) aus dem Jahr 1970. Natürlich gehören Starship Trooper und All Good People zum Greatest Hits-Repertoire, aber wann wird man nochmal die Gelegenheit haben, Perpetual Change oder das beatleleske, überlange Yours Is No Disgrace zu erleben!? Ein Traum, mit welcher Verve die Altsäcke diese unkaputtbaren Frühwerke, die den klassischen YES-Sound gebaren, renovieren. Clap habe ich bereits erwähnt, fehlt nur noch A Venture. Daß Squire & Co. diesen Anderson-Song in den vergangenen 43 Jahren live gespielt haben, möchte ich bezweifeln, darbte er doch auf der Original-LP mit seinen 3 Minuten immer nur im Schatten der flankierenden Longtracks. Was YES daraus machen, ist die eigentliche Überraschung des Abends - die fluffig-poppige Nummer verwandelt sich in eine federnd-jazzige Coda voll sprühender Musikalität. Du lieber Himmel - die Jungs haben plötzlich auch noch Spaß auf der Bühne!

Auch in der Zugabe verweigern sie den Blick nach vorne - wenn nicht jetzt, wann dann wäre die Gelegenheit gewesen, mal eines der NEUEN Stücke zu präsentieren...? Stattdessen ist es nicht schwer zu erraten, mit welchem akustischen Gitarrenintro Steve Howe beginnen wird. Und natürlich stellen sich auch bei Roundabout wieder sämtliche Häärchen hoch, man kann sich nicht dagegen wehren. Schließlich sind wir mit dieser Musik groß geworden. Sie hat uns Wundersame Geschichten erzählt, vom Erwachen, vom immerwährenden Wandel, vom Leben nah am Rand, von Parallelen. Das sind Linien, die sich einander erst im Unendlichen schneiden. YES waren schon immer für mich da und werden es immer sein. Wie passend.

Besetzung (v.l.n.r.)
Steve Howe
- Vocals, Electric, Acoustic, Sitar & Steel Guitar, Portuguese 12-String Guitar (vachalia)
Geoff Downes - Keyboards, Vocals
Jon Davison - Leadvocals, Percussion, Acoustic Guitar, Keyboard
Alan White - Drums
Chris Squire - Vocals, 4 & 8 String Basses, Harp, Tripleneck Bass

High vibration go on - bei AWAKEN spielt Squire traditionell am 14-Saiter

Setlist

1. Set
CLOSE TO THE EDGE
AND YOU AND I
SIBERIAN KHATRU
GOING FOR THE ONE
TURN OF THE CENTURY
PARALLELS
WONDEROUS STORIES
AWAKEN

2. Set
YOURS IS NO DISGRACE
CLAP (Acoustic Guitar Solo)
STARSHIP TROOPER
I’VE SEEN ALL GOOD PEOPLE
A VENTURE
PERPETUAL CHANGE

Zugabe
ROUNDABOUT

http://yesworld.com/we-are-yes/

Don't kill the Whale - wir fordern Artenschutz für Dinosaurier mit Rickenbacker-Bässen

Alle Fotos: Toff & Harald Martin